Die zwei Frauen und ich. Saunagespräche | BUCHSZENE

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Die eine Frau trug einen Ring am Zeh, die andere hatte eine rauchige Stimme – Saunagespräche

Titelbild Steinleitners Woche 159

21. November 2018 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten


Man ist nackt, es ist heiß und ziemlich eng. In der Sauna sprechen Menschen über Dinge, die sie sonst nicht einmal im Schlafzimmer bereden würden. Jörg Steinleitner hat ein Saunagespräch belauscht.


Wer eine öffentliche Sauna betritt, gerät in eine seltsame Zwischenwelt

Zwar liegen und sitzen in der Sauna reale Personen auf den Bänken, aber ihr Verhalten ist unwirklich: Sie führen Gespräche, die so intim sind, dass man glauben könnte, sie meinten, man wäre nicht da. Aber man ist ja da. Allerdings nackt und dadurch womöglich vertrauenserweckender als ein fremder Zuhörer, der angezogen ist. Vermutlich trägt auch die Hitze dazu bei, dass Menschen in der Sauna Dinge besprechen, die sie sonst nicht erzählen würden. Manche Gespräche sind rätselhaft.

Da lagen also zwei blondierte Frauen auf den Sauna-Bänken

Kürzlich betrat ich eine öffentliche Sauna, es lagen zwei nicht mehr ganz junge, blondierte Frauen auf den Bänken. Ich grüßte und legte mich auf eine der Holzliegen. Offensichtlich war ich in ihr Gespräch hineingeplatzt, aber das schien sie nicht zu stören.

Die eine hatte eine rauchige Stimme, die andere einen Ring am Zeh

„Also ich versteh das nicht«, sagte die mit der rauchigen Stimme: „Meiner isst zur Zeit nie auf.“ Sie schien nachzudenken. „Ich glaub, das liegt am Wetter.“
„Ehrlich? Also, meiner isst zur Zeit richtig gut“, sagte die mit dem Ring am zweiten Zeh des linken Fußes. „Ganz gleich wieviel ich ihm hinstelle, er isst’s. Alles. Toujours!“
„Nein, also meiner gar nicht. Wurscht, was ich ihm hinstell, er isst bloß ganz wenig und dann legt er sich auch schon gleich wieder hin.“
„Ja, ist er vielleicht müd?“
„Scheint so, aber schlafen tut er ja auch so viel zur Zeit.“
„Schlafen tut meiner auch viel, aber rausgehen tut er auch viel. Und wenn er reinkommt, dann riecht er oft komisch. Von draußen.“ Sie wischte sich über die Beine, was ein schmatzendes Geräusch verursachte.
Ich überlegte, über welche Art Haustier sie sich unterhielten. Hunde?
„Das mit dem Essen ist schon eine Belastung. Und ich hab wirklich alles probiert: vegan“ – sie sprach es „fegan“ – die andere unterbrach sie: „Fegan kannst du bei meinem vergessen. Der will einen Schweinsbraten oder einen Leberkas.“
„Und was ist mit Salat? Meinem brauch ich mit Salat nicht zu kommen. Meiner verweigert Salat praktisch komplett – außer mit Thunfisch und Ei.“
Ich begriff, dass es nicht um Hunde ging.
„Und was ist mit Nudelsalat?“
„Ja, Nudelsalat geht.“ Sie lachten mit ihren rauchigen Stimmen. Dann war es kurz still. Bis die mit dem Ring am Zeh wieder das Wort ergriff.
„Meiner isst schon Salat, aber keinen Kohlrabi“, sagte sie.
„Schneidst du Kohlrabi in den Salat?“ Die Frage klang entsetzt.
„Ja?“
„Also Kohlrabi tät meiner ja niemals essen. Nie-mals!“
„Kohlrabi knackt aber.“
„Ich weiß schon, dass Kohlrabi knackt, aber meiner tät niemals Kohlrabi essen, da kann der knacken wie er will, der Kohlrabi. Meiner mag genau genommen bloß Schweinsbraten. Und Leberkas. Aber ich hätt halt gern, dass er auch mal etwas Gesünderes isst zwecks Gesundheit.“
Die mit dem Ring dachte nach. „Und was ist mit Bolognese? Mag er Bolognese-Spaghetti, deiner?“
„Bolognese geht, weil Italien mag er.“ Die Antwort glich mehr einem Grunzen.
Jetzt hatte die mit dem Zeh einen Geistesblitz: „Dann hab ich was für dich.“ Sie richtete sich auf. Ich betrachtete ihren sonnengegerbten Oberkörper und überlegte, warum ich sie mochte. Auch die andere richtete sich nun auf. Zwei tolle Frauen mit schwierigen Männern.
Ich hätte mich nun selbst auch gerne aufgesetzt; ich hatte das Gefühl, dass jetzt etwas Spannendes bevorstand. Aber ich beschloss, liegen zu bleiben. Mich aufzurichten, wäre zu auffällig gewesen. Ich blieb also liegen.
„Und? Jetzt?“, fragte die andere, die Rauchige.
„Wenn du in die Bolognese gelbe Rüben hineinschneidest und einen Paprika. Dann isst der das Gemüse ohne dass er’s merkt, deiner.“
Die andere schüttelte den Kopf, Schweiß tropfte aufs Holz. „In meiner Bolo ist eh gelbe Rübe drin.“
„Ja, aber mehr! Du musst mehr reinschneiden wie normal. Und ziemlich spät hinzugeben. Damit es noch knackt und damit noch genug Vitamine“ – sie sprach es „Fitamine“ – „drin sind.“
Die mit der rauchigen Stimme machte eine fatalistische Kopfbewegung: „Meiner merkt das, wenn ich ihm in die Bolognese ein Extra-Gemüse hineinmisch. Der merkt sowas alles, meiner.“
„Du musst es ganz klein schneiden, winzige Stücke. Ich wette, dann merkt er’s nicht, deiner.“
Die Rauchige schüttelte den Kopf. „Der merkt das.“
Die mit dem Zeh wurde noch lebendiger: „Du musst das Licht runterdimmen, dann sieht er sie nicht so.“
Die Rauchige, sie hatte sich längst aufgegeben: „Wir haben keinen Dimmer am Küchentisch.“
„Aber im Wohnzimmer, im Wohnzimmer, da habt’s doch einen Dimmer.“
„Ja. Im Wohnzimmer schon.“
„Dann servierst du ihm seine Bolognese-Spaghetti im Wohnzimmer. Und vorher dimmst es runter, das Wohnzimmer.“
„Pff! Wenn ich meinem die Bolognese im Wohnzimmer servier, dann fragt der, was soll das jetzt – Bolognese-Spaghetti im Wohnzimmer? Simmer asozial, oder was? Da ist meiner gleich misstrauisch.“
„Aber beim Sky! Wenn der Fußball schaut, deiner, dann servierst du ihm die Bolognese. Meiner isst total gern beim Fußball. Da ist er auf was anderes konzentriert.“ Sie überlegte. Dann, nachdenklich: „Da hat er auch schon mal einen griechischen Salat mit Schafskäse gegessen.“
„Tät meiner nie essen. Griechischen Salat. Maximal Nudelsalat. Wir haben keinen Sky mehr.“
„Warum?“
„Sparmaßnahme zwecks Urlaub.“
Die andere dachte nach. „Und Sportschau? Wenn du ihm die Bolognese bei der Sportschau fütterst?“ Als hätte sie einen Schalter umgelegt, klatschte sie sich plötzlich mit den Händen auf die Oberschenkel und rief: „Diese Beine. Da fehlt sich nix. Alles knackig. Gut waren wir heut. Gut, gut, gut im Training.“
„Ja, ja“, meinte die Rauchige gemütlich. Es blieb für einen Moment still.

„Und – was kochst ihm jetzt, deinem?“
Die Rauchige zuckte ratlos mit den Schultern.
Plötzlich wandte sich der Blick der mit dem Zeh zu mir: „Was meint denn eigentlich unser Experte?“
Ich benötigte einige Sekunden, um zu begreifen, dass ich der „Experte“ war.
Ich räusperte mich. „Inwiefern? Jetzt?“
„Na ja, was Mann halt so gern isst?“
Verunsichert sah ich sie an. Ein offenes Lächeln unter nicht ganz blondem, schweißnassem Haar. Ich fühlte mich nackt, ich war nackt, ich hob die Schultern. „Ich esse eigentlich alles gerne.“ Als ich es schon ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, wie lustlos es geklungen haben musste.
„Hast gehört“, sagte sie zu ihrer Freundin gewandt: „Alles isst der. Alles!“ Dann wieder zu mir. „Ist das wirklich wahr? Alles isst er?“ Ungläubiges Staunen bei Zeh und Rauch. Der Zeh wackelte aufgeregt.
„Na ja, außer vielleicht Innereien“, räumte ich ein.
„Die mag meiner auch“, meinte die Rauchige.
„Frag mich!“, bekräftigte die andere.
Dann ächzten sich beide hoch und verließen die Sauna.
Ehe die Glastür zufiel, hörte ich noch, wie die mit dem Ring am Zeh sagte: „Sind doch alle gleich. „Männer halt.“

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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