Nicole Krauss: Waldes Dunkel. Buchtipp | BUCHSZENE

Nicole Krauss schickt in „Waldes Dunkel“ ihre literarische Doppelgängerin in die Wüste

Titelbild Waldes Dunkel - Nicole Krauss

Foto © hermitis shutterstock-ID:1112550284

31. August 2018 | Tina Rausch


Ein New Yorker Anwalt will mondän sein und gleichzeitig spirituell. Eine Autorin möchte ihre Ehe retten, landet aber in der Wüste. Nicole Krauss‘ „Waldes Dunkel“ spielt virtuos mit Wirklichkeiten.


Der New Yorker Anwalt, die Schriftstellerin Nicole und Franz Kafka

Wenn es ein Multiversum gäbe, könnte der an Tuberkulose erkrankte Franz Kafka nach seinem Tod im Juni 1924 auf dem jüdischen Friedhof in Prag begraben liegen – und zugleich per Schiff nach Haifa gereist sein, um nach der Genesung in seiner geistigen Heimat Palästina unbehelligt weiterzuleben und zu schreiben. Der New Yorker Anwalt Jules Epstein könnte nach dem Tod der Eltern und der Scheidung von seiner Frau sein mondänes Leben fortführen und dennoch der „unwiderstehlichen Sehnsucht nach Leichtigkeit“ und Spiritualität folgend Israel bereisen, das Land seiner Vorfahren. Und die Schriftstellerin Nicole – die trotz offenkundiger Parallelen keinesfalls mit der gleichnamigen Autorin dieses Buches zu verwechseln ist – könnte in New York ihre Ehe retten (oder beenden) und zudem in Tel Aviv und der Wüste Negev ihre Schreibblockade überwinden.

Der Titel von Nicole Krauss‘ „Waldes Dunkel“ ist Dante entlehnt

Manchmal braucht es auch gar kein Multiversum, sondern einfach nur ein unwahrscheinliches Buch: „Waldes Dunkel“, der Titel ist Dantes „Göttlicher Komödie“ entlehnt und spielt auf Orientierungslosigkeit in der Mitte des Lebens an, ist Nicole Krauss‘ vierter und geheimnisvollster Roman.
Zuerst als Frau des Schriftstellers Jonathan Safran Foer bekannt, machte sich Nicole Krauss hierzulande spätestens 2006 mit ihrem verästelten, mehrperspektivischen Roman „Die Geschichte der Liebe“ einen eigenen Namen. Mittlerweile sind Foer und Nicole Krauss getrennt – und nachdem er 2016 in „Hier bin ich“ den Zerfall einer Ehe beschrieb, legt sie nach. Dabei löst die zunehmende emotionale Distanz bei der Erzählerin Nicole im Sinne Sigmund Freuds ein Gefühl des „Unheimlichen“ aus.

Die Unangreifbarkeit der Liebe, die Gesundheit des Familienlebens

„Wenn man etwas lange genug betrachtet, kommt ein Punkt, an dem einem das Vertraute fremd wird“, denkt sie angesichts ihres Mannes. Doch was könnte an die Stelle dessen treten, was jahrelang als gesichert galt? „Die Dinge, an die zu glauben ich mir gestattet hatte – die Unangreifbarkeit der Liebe, die Macht des Narrativs, das Menschen gemeinsam durchs Leben tragen könne, ohne dass sie auseinanderstrebten, die grundlegende Gesundheit des Familienlebens –, an die glaubte ich nicht mehr.“

Nicole Krauss lässt ihre Figuren in der Wüste Negev stranden

Inspiriert von einer Radiosendung über das Multiversum und der gefühlten Präsenz einer Doppelgängerin (auch hier lässt Freud grüßen), reist die Erzählerin allein nach Israel, genauer ins Hotel Hilton Tel Aviv, wo sie einst gezeugt wurde und bereits als Kind Mystisches erfuhr. Auch Jules Epstein, der Protagonist des zweiten Erzählstrangs, steigt für ein paar Tage dort ab – und wenn Nicole Krauss ihre beiden Figuren später unabhängig und doch aufeinander bezogen in der Wüste Negev stranden lässt, dehnen sich mögliche Grenzen der Realität ins Unendliche. Da verwundert es auch kaum, wenn Kafka im Kofferraum liegt. Oder zumindest seine von der Erbin des Nachlassverwalters Max Brod unheimlich streng verwahrten handschriftlichen Manuskripte.

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