Guillaume Musso: Die junge Frau und die Nacht | BUCHSZENE

Was ist wirklich mit Vinca Rockwell passiert? Welche Leiche verbirgt sich in den Mauern des ehrwürdigen Lycées an der Côte d’Azur? In Guillaume Mussos „Die junge Frau und die Nacht“ sucht ein Schriftsteller als Ermittler Antworten.

Guillaume Musso „Die junge Frau und die Nacht“ dreht sich um ein haltloses Mädchen, das alle lieben

28. August 2019 | Jörg Steinleitner

Guillaume Musso

Die junge Frau und die Nacht

ISBN 978-3-86612-467-7

512 Seiten | € 16,99

Pendo

Romantik (4/5)

Komik (1/5)

Weisheit (3/5)

Gänsehaut (4/5)

Unterhaltung (4/5)

Titelbild Die junge Frau und die Nacht

© Stasique shutterstock-ID: 248597089

Vica Rockwell ist das etwas haltlose Mädchen, in das alle verliebt sind

An jeder Schule gibt es so ein Mädchen: eines, in das alle verliebt sind, weil es eine Aura umgibt, der niemand widerstehen kann. Vica Rockwell ist so ein Mädchen. Sie besucht 1992, genau wie der Ich-Erzähler Thomas Degalais, das Lycée international Saint-Exupéry in Sophia Antipolis an der Côte d’Azur. Doch am 20. Dezember 1992 ist Vica, neunzehn Jahre, plötzlich weg: durchgebrannt nach Paris, gemeinsam mit Alexis Clément, ihrem siebenundzwanzigjährigen Philosophielehrer, mit dem sie heimlich liiert ist.

Eine Leiche in der Turnhallenmauer bereitet dem Helden Kopfzerbrechen

Dieses Ereignis ist lange her, als Thomas Degalais im Jahr 2017 zu einer Feier seiner ehemaligen Schule zurück an die französische Mittelmeerküste reist. Thomas ist mittlerweile ein erfolgreicher Schriftsteller und lebt in Manhattan. Der Grund für seine Rückkehr ist nicht direkt die Feier, sondern die mit dieser verbundene Tatsache, dass demnächst am Lycée international Saint-Exupéry eine Baumaßnahme vorgenommen werden soll, welche zum Abriss der Turnhallenmauer führen wird. Dieser Abriss bereitet Thomas Sorgen, denn er vermutet in dem Gemäuer eine Leiche, die ihm Probleme bereiten könnte.

Eine Ray-Ban-Sonnenbrille und das Wort „Rache“ auf einer Zeitung

Die Leiche in der Mauer ist eines von vielen Geheimnissen in Guillaume Mussos Kriminalroman „Die junge Frau und die Nacht“. Leider muss Thomas schon bald nach seiner Rückkehr in die alte Heimat feststellen, dass es mindestens eine ihm nicht wohl gesonnene Person gibt, die von dem Geheimnis mit der Leiche weiß: Als er den Tisch in seinem alten Stamm-Café für einen Toilettengang verlässt, liegen bei seiner Rückkehr die Kopie eines Zeitungsartikels und eine Sonnenbrille an seinem Platz. Die Sonnenbrille ist eine Ray-Ban-Clubmaster, genau das Modell, das Vinca stets trug. Und auf dem Zeitungsartikel ist ein Wort notiert: „Rache“. Thomas Degalais hat mindestens einen Feind.

Guillaume Mussos Ich-Erzähler ist alles andere als verlässlich

Im Laufe der weiteren Geschichte erfahren wir, dass wir unserem Ich-Erzähler nicht alles glauben sollten, was er uns als vermeintliche Wahrheit serviert. Wir finden heraus, dass er selbst in ein ziemlich erschreckendes Verbrechen verstrickt ist. Aber damit ist Thomas nicht allein: Auch sein einst bester Freund Maxime, seine Mutter Annabelle, sein Vater Richard – beide waren früher Schulleiter am Lycée – sind in krude Taten verwickelt und tragen, jeder und jede für sich, Geheimnisse. Geheimnisse, die nicht nur mit kapitalen Straftaten verknüpft sind, sondern auch mit leidenschaftlicher Liebe.

Erotische Eskapaden, Widersprüche und Doppelleben

Es ist schwierig, hier noch mehr Details über den Plot zu verraten, ohne bereits wichtige Informationen zu spoilern. Jedenfalls begibt sich Thomas auf die Suche nach der Person, die ihm Rache geschworen hat. Außerdem möchte er gerne verhindern, dass die Mauern der Schule eingerissen werden. Im Laufe seiner Recherchen trifft er auf Widersprüche und Personen, die selbst in furchtbare Verbrechen involviert sind und verstörende Doppelleben mit den dazugehörenden erotischen Eskapaden führen. Am Ende haben wir es mit fast einer Handvoll Leichen zu tun. Das elitäre Milieu an der Côte d’Azur, in dem sich unser Held ganz selbstverständlich bewegt, hat anscheinend mehr und gefährlichere Untiefen als das Meer an der Küste von Cannes.

Was man an „Die junge Frau und die Nacht“ kritisieren kann

Guillaume Mussos „Die junge Frau und die Nacht“ ist ein solide gearbeiteter Krimi. Der Roman jagt einem keine Gruselschauer über den Rücken, aber dem Autor gelingt es durch viele Wendungen, mit denen man tatsächlich nicht rechnet, zum Weiterlesen zu animieren. Die Côte d’Azur und ihre Orte, an denen Guillaume Musso selbst aufgewachsen ist, beschreibt er mit detailverliebter Genauigkeit. Auch die Marken, die Musik, die Filme, die Kunst und die Berühmtheiten, die hier eine Rolle spielten und spielen, werden erwähnt. Insbesondere die Kultur der 1980er-Jahre spiegelt sich in Guillaume Mussos Erzählen deutlich wider. Gelegentlich wirkt diese Aufzähl-Genauigkeit etwas streberhaft, man fragt sich, was all das Name-Dropping soll. Der Erzählstil ist mitunter etwas hochtrabend und blasiert, aber er ist jederzeit klar; obwohl die Geschichte komplex konstruiert ist, weiß man stets, wo man sich gerade befindet. Wer auf der Suche nach einem im Großen und Ganzen gelungenen Kriminalroman ist, der im schillernden Milieu der französischen Mittelmeerküste spielt, für den ist Guillaume Mussos „Die junge Frau und die Nacht“ eine durchaus geeignete Lektüre.

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