Michael Robotham: Die andere Frau. Kritik | BUCHSZENE

Ein Sohn wird ans Krankenbett des Vaters gerufen, wo bereits seine Mutter sitzen soll. Doch die Frau am Bett ist nicht seine Mutter. Michael Robothams „Die andere Frau“ ist ein Joe-O’Loughlin-Roman.

In Michael Robothams Roman „Die andere Frau“ macht ein Sohn eine verstörende Erfahrung

9. Januar 2019 | Von Frau Bluhm

Titelbild Die andere Frau

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Frau Bluhm liest „Die andere Frau“: 4 von 5 Bluhmen


Am Krankenbett eine Person, die behauptet, die Frau des Vaters zu sein

In Michael Robothams „Die andere Frau“ versucht der forensische Psychologe Joe O’Loughlin sich nach dem überraschenden Tod seiner Frau Juliet ein neues Leben in London aufzubauen. Doch eines Morgens erreicht ihn ein erschreckender Anruf: Sein Vater liegt nach einem brutalen Überfall schwer verletzt im Krankenhaus. Joe, der sich nie gut mit dem Vater verstand, zögert dennoch keine Sekunde und eilt ans Krankenbett, um seiner Mutter beizustehen, die laut Krankenschwester an der Seite seines Vaters ausharrt. Doch als Joe im Krankenhaus ankommt, muss er feststellen, dass die Person, die sich als die Frau seines Vaters ausgibt, nicht seine Mutter ist.

„Die andere Frau“ – ein packendes Buch über familiäre Beziehungen

Man kennt den Protagonisten Joe O’Loughlin bereits aus vielen anderen Büchern der Reihe um ihn und seinen Freund, den ehemaligen Polizisten Vincent Ruiz. „Die andere Frau“ ist dennoch ein Roman, den man gut außerhalb der Serie lesen kann. Es ist ein spannendes und packendes Buch über die verworrenen Beziehungen innerhalb einer Familie. Anders als man es als Leser dieser Reihe kennt, wird Joe in „Die andere Frau“ nicht von der Polizei um Unterstützung gebeten, sondern steht selbst im Zentrum des Geschehens.

Michael Robothams Sprache ist schnörkellos ehrlich

Der Qualität von „Die andere Frau“ tut dies allerdings überhaupt keinen Abbruch. Ich liebe Michael Robothams Sprache, mit der er es absolut meisterhaft schafft, seinem Protagonisten schnörkellose Ehrlichkeit zu verpassen, gleichzeitig aber sein Umfeld manchmal schon fast poetisch bildhaft zu zeichnen. Die Tatsache, dass dies nicht unbedingt schöne Bilder sein müssen, macht den Roman atmosphärisch besonders facettenreich.

Man sieht in „Die andere Frau“ die Welt wirklich durch Joes Augen

Ich hatte bei der Lektüre das Gefühl, mit Joe O’Loughlin durch London zu streifen. Michael Robotham schafft es in „Die andere Frau“, dass wir Leser*innen die Welt durch Joes Augen sehen. Da Joe O’Loughlin Psychologe und zusätzlich ein Mensch mit großem empathischem und logischem Talent ist, nimmt der Leser alle Protagonisten und Randfiguren, denen er im Laufe der Geschichte begegnet, durch sein geschultes Auge wahr und kann gemeinsam mit Joe die Zusammenhänge zwischen ihnen herstellen.

Michael Robotham schickt Joe auf eine Reise zu sich selbst

Die fremde Frau am Bett des Vaters, ist nur die erste Überraschung, die Joe an diesem Tag erwartet. Als sei ein Stein in einen ruhigen Teich gefallen, zieht dieses Ereignis Kreise im gesamten Leben des Psychologen. Angefangen bei seinen Eltern, über seine Schwestern, bis hin zu seinen eigenen Töchtern Charlie und Emma. Wir begleiten Joe auf einer Reise zu sich selbst, im Verlauf derer er viel über die Beziehung zu seinem Vater erfährt, um diese Erkenntnisse wiederum auf seine eigenen Erlebnisse als Vater anzuwenden.

Konflikte zwischen Vater und Tochter – authentisch geschildert

Joes jüngere Tochter Emma spielt eine große Rolle im Leben des jetzt alleinerziehenden Vaters. Es ist unglaublich rührend, vom Umgang mit der Trauer zu lesen, die Joe und Emma auf so unterschiedliche Art und Weise pflegen. Wo die 12-Jährige den Tod ihrer Mutter systematisch verdrängt, spricht Joe in Gedanken immer noch mit ihr. Diese Diskrepanz in der Verarbeitung führt zu Konflikten zwischen Vater und Tochter, die Michael Robotham einfühlsam und sehr authentisch schildert. Die erwachsene Tochter Charlie bildet dabei ein gut charakterisiertes Bindeglied.

Aus Kumpels werden Freunde in Michael Robothams „Die andere Frau“

Joes Freund Vincent Ruiz bringt etwas Leichtigkeit und sehr viel Verlässlichkeit in Joes Leben. Ich habe die Beziehung der beiden zueinander auch schon in früheren Bänden der Reihe als sehr ausgewogen und tief empfunden. Hier schenkt uns Michael Robotham aber einen kleinen Einblick in die Innenwelt der beiden Männer, die man sonst nur eher oberflächlich zu spüren bekam. Aus Kumpels wurden Freunde, schön es jetzt wahrzunehmen.

Joe deckt Beziehungen, Geheimnisse und Verbindungen auf

Wie oben schon beschrieben, wird in „Die andere Frau“ viel über Beziehungen, Geheimnisse und Verbindungen erzählt. Es ist spannend, diese mit Joe gemeinsam aufzudecken. Natürlich stehen gerade die Ereignisse rund um Joes Vater, den man sonst nur als Randfigur wahrnahm, im Mittelpunkt. Dass „Gottes Leibarzt im Ruhestand“, wie Joe seinen Vater insgeheim immer nennt, ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, Fehler macht und sogar eine weitreichend verborgene Seite hat, tut der Protagonistenentwicklung dieser Reihe unglaublich gut.

Allerdings ist „Die andere Frau“ in meinen Augen kein Thriller

„Die andere Frau“ ist ein spannender, authentisch dargestellter und absolut lesenswerter Einblick in das Leben der bekanntesten Figur Michael Robothams. Ein Roman, den ich jederzeit weiterempfehlen kann, ganz gleich, ob man Joe O’Loughlin schon kennt, oder nicht. Dass es in meinen Augen kein Thriller ist, spielt eine untergeordnete Rolle. Fazit: Für die Fans der ganzen Reihe ein absolut lohnender Exkurs in Joes Seele. Für alle Quereinsteiger: Herzlich willkommen in der Welt von Joe O’Loughlin!

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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