Buchkritik: Der große Sommer – Lesenswert? | BUCHSZENE.DE

Weil Frieder schlechte Noten hat, darf er nicht in die Ferien. Zum Glück gibt es Beate. Aber nach dem ersten Kuss kommt einiges dazwischen. Ewald Arenz‘ Roman „Der große Sommer“ im Bestseller-Check.

Ewald Arenz‘ Roman „Der große Sommer“ spielt in der Bundesrepublik der 80er-Jahre

29. Juli 2021 | Tim Pfanner

Ewald Arenz

Der große Sommer

ISBN 978-3-832-18153-6

316 Seiten | € 20,00

DuMont
Bestseller-Button Belletristik

Romantik (3/5)

Komik (2/5)

Weisheit (4/5)

Gänsehaut (3/5)

Unterhaltung (5/5)

Titelbild Der große Sommer

Dieses Buch hat das schönste Cover des Jahres

Ewald Arenz‘ „Der große Sommer“ ist der Roman mit dem schönsten Cover des Jahres. Sowohl das Titelbild mit dem jungen Springer, der gerade vom Sprungturm abgehoben hat und nun – umgeben von Luftblasen – ins zarte Hellblau eintaucht, als auch das Umschlagmaterial sind fein ausgewählt, fühlen sich gut zwischen den Fingern an. Wenn man dieses Buch in die Hand bekommt, will man es lesen. Aber lohnt sich die Lektüre auch?

Vier Jugendliche erleben die Abenteuer eines Sommers

„Der große Sommer“ erzählt von vier Jugendlichen – von Frieder und seiner Schwester Alma, von seinem Freund Johann und von Beate mit dem flaschengrünen Badeanzug, in die Frieder verliebt ist. Frieder hat im laufenden Schuljahr nicht die Noten für die Versetzung geschafft und so muss er als einziges Familienmitglied zu Hause bleiben, während die anderen in die Ferien fahren. Frieders Großvater ist Professor und wird ihn dazu anhalten, auf die Nachprüfungen zu lernen, damit er das Klassenziel doch noch erreicht.

„Der große Sommer“ spielt in den 80er-Jahren vor der Wende

Die Geschichte spielt in den 80er-Jahren, Ewald Arenz beschreibt das Setting anhand vieler treffend beobachteter Details. Wer die Zeit erlebt hat, findet sich direkt wieder: Es gibt keine Handys, die Schule ist noch ein wenig autoritärer als dies heute der Fall ist; die Großelterngeneration, die den Krieg erlebt hat, prägt mit ihrem Wertekorsett noch den Alltag der alten Bundesrepublik. Alles ist ein bisschen langsamer und weniger bunt als heute.

Frieder liebt Beate und nach dem Sprung bekommt er einen Kuss

Zunächst sieht alles vielversprechend aus für Frieders Liebe zu Beate. Sie brechen nachts ins Freibad ein, sie bestehen gemeinsam die Mutprobe – den Sprung vom Sprungturm und irgendwann sagt Beate zu ihm: „Jetzt sollst du mich küssen.“ Aber wie es derlei erste Liebeserfahrungen so in sich haben, bauen sich unerwartete Hindernisse auf: die Gruppe zerstört nachts einen Bagger und das hat Folgen, ein Vater stirbt, ein Teenager landet für kurz in der Psychiatrie und ein blödes Missverständnis legt seelische Wunden frei.

Ewald Arenz erzählt literarisch hochwertig und findet treffende Bilder

Ewald Arenz erzählt in einer qualitätvollen Sprache, er ruft die richtigen Bilder auf, er lässt eine Epoche und ihre Menschen glaubhaft vor unserem inneren Auge wiederauferstehen. Sein Roman könnte ohne Weiteres in der Schule als Lektüre gelesen werden, man denkt beim Lesen an Siegfried Lenz‘ „Deutschstunde“ oder an Friedrich Torbergs „Schüler Gerber“. „Der große Sommer“ bietet Identifikationspotential für junge Leserinnen und Leser, seine Figuren und die Handlung sind stimmig und der Roman ist gleichzeitig nicht zu verkopft, um von vorneweg von einer jüngeren Leserschaft ablehnt zu werden.

Warum „Der große Sommer“ trotzdem nicht perfekt ist

Was der Geschichte fehlt, ist das Überraschende: Ewald Arenz erzählt, was viele von uns erlebt haben, die heute um die fünfzig Jahre alt sind. Das macht die Lektüre ein wenig zäh. Man kennt das ja alles schon. Man würde sich etwas vom anarchischen Witz eines Sven Regenerschen „Herr Lehmann“ wünschen oder von der Wildheit der Figuren, die sich Wolfgang Herrndorf für „Tschick“ ausgedacht hat. So kann „Der große Sommer“ unterm Strich als Zeitdokument durchaus bestehen, aber die ganz große Freude kommt beim Lesen nicht auf. Irgendwie ahnt man von vorneweg wie diese brave Geschichte ausgehen wird. Das ist nicht schlimm, aber ein bisschen schade.


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