B.C. Schiller: Böse Tränen. Levi Kant. Interview! | BUCHSZENE

Wieviel Realität braucht ein guter Krimi? Warum hat Ex-Polizist Levi Kant aus „Böse Tränen“ einen jüdischen Background? Das Autorenteam B.C. Schiller gewährt überraschende Einblicke in seine Arbeit.

Im Interview verraten B.C. Schiller spannende Details über ihren Levi-Kant-Krimi „Böse Tränen“

18. Oktober 2019 | Interview: Bernhard Berkmann

Titelbild Interview Böse Tränen

© Jaromir Chalabala shutterstock-ID: 523288831

Frau Schiller, Herr Schiller, jüngst ist Ihr zweiter Levi-Kant-Thriller „Böse Tränen“ erschienen. Seine beiden Hauptfiguren sind der Ex-Kommissar Levi Kant und die Psychologin Olivia Hofmann. Was sind das für Menschen?

Barbara Schiller (BC): Levi Kant wirkt cool und abgeklärt, ist aber hart im Nehmen. Er ist Dozent an der Polizeiakademie und liebt es mit seinen Studenten alte ungeklärte Mordfälle neu aufzurollen um vielleicht doch noch den Täter zu überführen. Früher war er Chefinspektor der Kriminalpolizei in Wien, quittierte aber nach einer Schussverletzung den Dienst.

Christian Schiller (CC): Er ist ein moderner Jude, dessen Großmutter Esther die Gräueltaten der Nazi-Herrschaft in Wien miterleben musste. Noch immer bewahrt er Esthers Mantel „Den Mantel der unvergessenen Seelen“ auf und erinnert sich so an die dunkle Vergangenheit seiner Großmutter. Nach wie vor hängt aber sein Herz an der Polizeiarbeit und ungeklärte Mordfälle lassen ihn nicht ruhen.

BC: Olivia ist im Gegensatz zu Levi sehr emotionell, ihre verstorbene Mutter Flora war Brasilianerin. Sie lebt in einer großen Altbauwohnung bei ihrem Vater Leopold, der an Alzheimer leidet. Olivias Leben hat vor fünf Jahren eine dramatische Wendung genommen, denn ihr Mann Michael und die 5-jährige Tochter Juli verschwanden an einem Tag spurlos.

CC: Sie hat natürlich ein großes Interesse dieses persönliche Drama aufzuklären. Bei den Cold Case Fällen steht sie Levi Kant mit ihrem psychologischen Gespür zur Seite.

„Böse Tränen“ beginnt mit einem Leichenfund bei Grabungen am Donaukanal: Die aufgefundenen Knochen entpuppen sich als Überreste der kleinen Rosa, die vor Jahren verschwunden ist. Ist dies schon schlimm, bekommt der Fall für die Psychologin Olivia Hofmann dann noch eine sehr erschreckende, persönliche Komponente …

BC: Ja, denn neben der Leiche der kleinen Rosa wird ein rosa Halstuch mit Schmetterlingen gefunden. Es gehört Olivias Tochter Julia, die auch verschwunden ist. Dadurch ist Olivia emotionell stark involviert, da sie denkt, auch Juli wurde ermordet.

Das kindliche Opfer Rosa ist eine hochtalentierte Balletttänzerin. In Rückblenden beschreiben Sie anschaulich, welche Entbehrungen es bedeutet, als Kind Ballett als Hochleistungssport zu betreiben. Haben Sie einen persönlichen Ballettbezug oder wie sind Sie auf dieses Motiv gestoßen?

BC: Wir sind auf dieses Motiv gestoßen, weil Ballett in der Tat unglaublich viel Selbstdisziplin erfordert und mit Entbehrungen verbunden ist. Außerdem gab es einen aktuellen Skandal an der Wiener Staatsoper wo die Ballettlehrerin die Kinder bis zur Bewusstlosigkeit trainiert hat.

Rosa entstammt der vermeintlich feinen Familie Hohenwald. Doch je besser wir sie kennenlernen, umso mehr Abgründe offenbaren sich. Der Patriarch der verarmten adeligen Familie zwingt seine Kinder, so zu tun, als würden sie Suppe essen, obgleich im Topf nichts ist. Wie sind Sie auf diese irre Vaterfigur gekommen? Meinen Sie, solche Menschen gibt es heute wirklich noch?

CC: Selbstverständlich gibt es solche Menschen, aber wir haben uns hier von unserer Fantasie leiten lassen und uns vorgestellt wie subtile Schikanen aussehen können.

Gibt es das Stammschloss der Familie Hohenwald in Süßenbrunn am nördlichen Stadtrand von Wien in der Realität?

CC: Es gibt ein Schloss am nördlichen Stadtrand von Wien, aber wir haben uns die dichterische Freiheit genommen, es ein wenig anders darzustellen.

Wieviel Realität braucht ein guter Krimi?

BC: Ein guter Krimi muss zu allererst einmal spannend sein und überraschende Wendungen haben. Er muss auch für den Leser nachvollziehbar sein, aber gewisse Spannungselemente können ruhig ein wenig abgehoben sein.

Eine nicht unwesentliche Rolle in dem Kriminalfall scheint der Direktor der Wiener Staatsoper zu spielen, der mit einer Schwester der ermordeten Rosa verheiratet ist. Meinen Sie, der echte Direktor der Wiener Staatsoper ist erfreut darüber, in Ihrem Krimi aufzutauchen?

CC: Das glauben wir nicht, aber wie gesagt, dass ist die künstlerische Freiheit. Es kommt ja öfters vor, dass reale Locations mit fiktiven Personen besetzt sind.

Bewegen Sie sich selbst auch in „feinen“ Wiener Kreisen?

BC: Wir bewegen uns in durchgemischten Kreisen, das sind kreative Menschen, die in Medienberufen arbeiten oder Künstler oder Unternehmer sind. Außerdem leben wir zeitweise auch auf Mallorca und haben dort ebenfalls unterschiedlichste Freunde/Bekannte, die alle ein Ziel haben: etwas zu bewegen, zu schaffen und die wichtigen Dinge im Leben zu genießen.

Dass Sie dem Ermittler Levi Kant und seiner Frau einen jüdischen Background verliehen haben, ist eine interessante Idee für einen Kriminalroman, der im Wien der Gegenwart spielt. Welche Gedanken spielten für Sie dabei eine Rolle?

BC: Wir wohnen selbst im 2. Bezirk, dem ehemaligen jüdischen Viertel von Wien. Dort begegnet man auf Schritt und Tritt der jüdischen Kultur und den Stolpersteinen vor den Häusern, die darauf hinweisen, wie viele jüdische Bewohner von den Nazis ermordet wurden.

Schauplatz Ihrer Serie ist die österreichische Hauptstadt, wo Sie einen Ihrer Wohnsitze – neben Mallorca – haben. Ist Wien eine gute Krimi-Stadt?

CC: Natürlich, man denke nur an den „Dritten Mann“. Wien hat sehr viele dunkle Ecken und am Donaukanal kann es im Herbst ganz schön gruselig sein.

Wieso leben Sie auch auf Mallorca?

CC: Uns gefällt die wunderschöne Landschaft, die schnelle Erreichbarkeit mit dem Flieger und vor allem das tolle Klima, wo im Jänner bereits der Frühling ist.

Spiegelt sich Ihre Liebe zu Mallorca auch in Ihren Krimis?

BC: Oh ja, es gibt mit „Mädchenschuld“ den ersten Teil einer Thriller-Serie, die in Palmas Problemviertel Son Gotleu spielt und bei der eine toughe mallorquinische Inspectora und ein abgehalfterter deutscher Kommissar die Hauptrollen spielen. Außerdem gibt es unsere sehr erfolgreiche Serie mit dem Hundeflüsterer und ehemaligen BND-Agenten David Stein, der internationale Einsätze von Mallorca aus hat.

Warum haben Sie sich mit Levi Kant für einen Kommissar im Ruhestand entschieden?

CC: Weil es einmal ein anderer Ermittler ist, der dadurch auch unkonventionell arbeiten kann.

Sie beschreiben eine Szene, in der zwei Mädchen von Levi Kant Geld verlangen, damit sein Saab nicht verkratzt wird. Kann einem so etwas in Wien wirklich passieren?

CC: Aber natürlich, dort wo der Sozialstützpunkt von uns angesiedelt ist, ist ein sozialer Brennpunkt mit hoher Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen.

An einer Stelle heißt es: „Levi hatte wirklich kaum eine Ahnung von Olivias Leben. Im Grunde kannte er sie überhaupt nicht. Er wusste nichts über ihre Abgründe.“ Was deutet sich hier an? Welches Geheimnis trägt Olivia mit sich herum? Können Sie hier ein wenig mehr verraten?

CC: Wir meinen damit einfach, dass jeder Mensch seine Abgründe und natürlich auch Geheimnisse in sich trägt. Olivia hat wahrscheinlich schon des Öfteren böse Gedanken an ihren Mann gehabt und ihn verflucht. Wer weiß, was sie ihm schon alles gewünscht hat? Aber das kann man ihr nicht verübeln, denn es gibt nichts Schlimmeres im Leben als die eigene kleine Tochter zu verlieren und nicht zu wissen was mit ihr passiert ist.

Eine versehentlich echte Patrone in einer „Sarajewo-Pistole“ spielt auch eine Rolle in Ihrem Krimi.

BC: Der Vater der Geschwister entstammt einer k.k. Adelsfamilie. Einer der Vorfahren war k.k. Außenminister und beim Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo dabei. Angeblich schoss er mit der Waffe auf den Attentäter. Deshalb heißt seine Waffe auch „Sarajewo-Pistole.“

Um herauszufinden, ob der Kindermörder Sperl auch etwas mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun hat, entschließt sich die Psychologin Olivia Hofmann dazu, ihn im Gefängnis zu besuchen. Findet sie etwas heraus, das ihr weiterhilft?

BC: Sie findet etwas Merkwürdiges heraus und kann sich im Anschluss nicht erklären, wie die fünfjährige Juli mit Sperl in Kontakt kam. Die bange Frage, die sie sich stellt: Wo war Michael, der Vater?

Der Kindermörder ist jung, sieht gut aus, hat eine feingliedrige Figur. Das entspricht nicht so der Klischeevorstellung von einem Kindermörder. Was halten Sie von Klischees in der Literatur – die können doch auch unterhaltsam sein, oder?

CC: In unseren Büchern arbeiten wir gerne gegen die Klischees an. Das beginnt mit dem Ermittler, der nicht mehr im Polizeidienst ist und natürlich auch mit dem Kindermörder, der nicht wie ein typischer Psychopath wirkt.

Wie geht es weiter mit Levi Kant?

BC: Levi Kant wird bald mit einem neuen Fall konfrontiert. Er bekommt einen Brief, doch die Verfasserin ist schon seit Jahren tot. Schrieb sie den Brief aus dem Jenseits?

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