
Herr Zehrer, in Ihrem Roman „Als Herr Weimar starb“ erzählen Sie von dem sechsjährigen jüdischen Jungen David Lodenstein, der in den 1930er-Jahren hautnah miterlebt, wie sich nach der Machtergreifung durch Hitler die Lage für Juden in Deutschland massiv verschlechtert. Was war die Initialzündung für Ihr Buch?
Die Initialzündung zu diesem Buch liegt schon sehr lange zurück. Ich war gerade einmal 13 Jahre alt, als mir meine Schwester Angelika ihre Schullektüre zu lesen gab. Es war das Tagebuch der Anne Frank. Da unsere Eltern uns schon sehr früh für die Thematik des Dritten Reichs sensibilisierten, indem sie uns von ihren Erlebnissen während der Hitlerzeit erzählten, habe ich das Buch mit großem Interesse gelesen. Ich war schockiert, nein, mein Herz bebte vor Entsetzen, als ich am Ende des Buches erfuhr, dass dieses unschuldige jüdische Mädchen, das etwa in meinem Alter war, in einem Konzentrationslager der Nazis den Tod fand.
Mit diesem traurigen Schluss konnte und wollte ich mich nicht abfinden und so beschloss ich ein Buch zu schreiben, das eine ähnliche Thematik hat, aber gut enden sollte. Ich begann Pläne von Verstecken zu zeichnen, in denen sich eine jüdische Familie vor den Nazis in Sicherheit hätte bringen können. Im Grunde entstand schon als Teenager die ganze Grundidee zu diesem Buch.
Sie schreiben nicht nur sehr anschaulich von Davids Alltag, sondern auch über die historischen Gegebenheiten. Wo und wie haben Sie die vielen Details recherchiert?
Ja, wie das im Leben manchmal so ist. Man hat einen Jugendtraum, doch nie findet man die Zeit ihn umzusetzen. Und so habe ich meinen Roman über das Dritte Reich erst viele Jahre später ausgerechnet an einem Ort geschrieben, wo es kaum schwieriger hätte sein können nach den historischen Hintergründen zu recherchieren. Das Buch entstand buchstäblich am anderen Ende der Welt, nämlich in Neuseeland.
Meine Frau erhielt damals eine auf zwei Jahre befristete Forschungsstelle an der Universität von Dunedin. Und ich konnte mich für diese Zeit vom Schuldienst beurlauben lassen und durfte sie begleiten. Plötzlich hatte ich ganz viel Zeit und ich sagte mir: „Jetzt oder nie!“ und begann zu schreiben. Schnell war klar, dass der Roman in Regensburg spielen sollte. Doch wie kam ich bloß an die entsprechenden Quellen heran, zumal ich nicht Geschichte studiert habe.
So nutzte ich einen kurzen Zwischenaufenthalt in Deutschland dazu, mich auf die Suche nach entsprechendem Material zu machen und verbrachte zwei Tage in der Unibibliothek Regensburg nur damit, entsprechende Bücher mit meiner Hi8-Videokamera Seite für Seite abzufilmen. Schließlich konnte ich die Bücher nicht alle im Flugzeug mitnehmen. Die Auswertung der Quellen erfolgte dann am Fernseher in Neuseeland.
Ihr Roman ist kein gewöhnlicher literarischer Text, denn Sie arbeiten mit vielen Fußnoten. Auf was verweisen diese Fußnoten und warum haben Sie sich für diese – eigentlich wissenschaftliche – Form entschieden?
Sie haben recht, es ist ziemlich ungewöhnlich, dass sich in einem Roman über 200 Fußnoten befinden. Aber ich habe in meine fiktive Rahmenhandlung eben sehr oft die wahren historischen Fakten, insbesondere zu Regensburg eingearbeitet. Und diese kleinen Zahlen zeigen dem Leser, dass hier Dinge beschrieben sind, die sich der Autor eben nicht aus den Fingern gesaugt hat. Das verleiht dem Buch eine besondere Brisanz. Die Fußnotentexte stehen aber mit Absicht am Ende des Buches, um den Fortgang der spannenden Handlung nicht zu stören. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, dort nachzuschlagen, erhält nicht nur Quellenangaben, sondern oft auch weitergehende Informationen zu dem jeweiligen Sachverhalt. So ist nicht nur ein spannender Roman entstanden, sondern in gewisser Weise auch ein Sachbuch zum Dritten Reich.
Der Titel Ihres Romans entspringt einem Missverständnis zwischen David und den Erwachsenen. Das müssen Sie bitte erklären.
Ich habe einfach versucht, mich in einen kleinen Jungen hineinzuversetzen, der seinen sechsten Geburtstag hat, aber dabei von seinen Eltern und Großeltern völlig ignoriert wird. Alle reden nur über, Hitler, Nazis und den Reichstag, anstatt zu feiern und mit ihm Fußball zu spielen. Als er hört, wie sein Vater im Zusammenhang mit dem Ermächtigungsgesetz sagt: „Damit ist Weimar gestorben!“, und ihm sein Großvater beipflichtet: „Ja, Weimar ist tot!“, versucht David die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken, indem er ganz naiv die Frage in den Raum wirft: „Woran ist denn Herr Weimar gestorben?“
„Vermutlich an der braunen Pest!“, meint sein Vater und alle lachen. Das ist zu viel für David und er bricht in Tränen aus.
Sein Vater versucht ihn zu beruhigen und beteuert, dass sie nicht über ihn gelacht hätten, sondern nur über die Formulierung „Herr Weimar“. Und dann erklärt er David in einfachen Worten, was es mit der Weimarer Verfassung auf sich hat und welche Folgen es möglicherweise hat, wenn diese Verfassung nun durch das Ermächtigungsgesetz der Nazis ausgehebelt wird.
„Kommt man jetzt ins Gefängnis, wenn man sagt, dass Hitler blöd ist?“, fragt David bei diesem Gespräch seinen Vater. Seine Eltern bremsen ihn sofort. Was haben die Nazis denn mit Kindern gemacht, die so etwas gesagt haben?
Nun, auch Kinder mussten vorsichtig sein, denn was sie sagten fiel letztendlich auf ihre Eltern zurück. Irgendwann wurde es dann lebensgefährlich allzu deutliche Kritik am Naziregime zu äußern. Mein Großvater väterlicherseits, ein Oberpfälzer Bauer, muss da ein sehr unvorsichtiger Zeitgenosse gewesen sein, weil er kein Blatt vor dem Mund nahm. Meine Großmutter machte sich deshalb oft große Sorgen um ihn. Immer wieder sagte sie zu ihm: “Halt nur bloß dein Maul, du kommst sonst noch nach Dachau“. Gemeint war das dortige Konzentrationslager der Nazis. Das Kindergebet „Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“ wurde in dieser Zeit umgedichtet in „Lieber Gott mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau kumm!“
Ihnen gelingt der Spagat zwischen einer spannenden Geschichte und einem pädagogischen Ansatz sehr gut. Warum sollten heutige Kinder und Jugendliche über die Zeit des Nationalsozialismus gut Bescheid wissen?
Nicht nur Kinder und Jugendliche sollten Bescheid wissen. Manchmal wünschte ich mir, mein Buch wäre nicht so brandaktuell angesichts der Tatsache, dass sich rechtsextremes Gedankengut wieder wie ein Krebsgeschwür in unserer Gesellschaft ausbreitet. Alexander Gauland verharmlost die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten als „Vogelschiss der deutschen Geschichte“ und Alice Weidel spricht im Zusammenhang mit Migranten von „Messermännern, Kopftuchmädchen und anderen Taugenichtsen“. Und trotzdem haben viele in unserem Land offenbar keine Berührungsängste mit der AfD, die in meinen Augen, eindeutig eine rassistische und fremdenfeindliche Partei ist. In Sachsen und Thüringen wurde sie bei der Bundestagswahl sogar stärkste Partei und holte fast flächendeckend alle Direktmandate.
Hier tut Aufklärung dringen Not, wohin Hass, Rassismus und völkisches Denken führen kann. Mein Buch kann dazu einen Beitrag leisten.
Ihre Geschichte spielt in bzw. in der Nähe von Regensburg. Hat dies einen bestimmten Grund?
Ja, natürlich! Ich liebe diese wunderbare Stadt, in der ich Biologie und Chemie für das Lehramt studiert habe. Ich machte mich schon während des Studiums ein bisschen mit der Geschichte von Regensburg vertraut, denn ich schrieb in meiner Zulassungsarbeit über „Die Naturwissenschaften an der Philosophisch Theologischen Hochschule Regensburg“. An dieser Hochschule wurden ursprünglich angehende Priester ausgebildet. Nach dem Krieg wurde sie jedoch zu einer Art Notuniversität ausgebaut und ist damit der Vorläufer der heutigen Universität Regensburg.
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