Buchcover von „Wenn das Denken die Richtung ändert“

ISBN 978-3-17-047170-2

259 Seiten

€ 24,00

eBook: € 23,99

Ulli Kulke und Reinhard Mohr sprechen über ihr Buch „Wenn das Denken die Richtung ändert“, in dem sie prominente Stimmen, die einst links waren, fragen, was mit ihnen passiert ist.

Politisch heißes Eisen: Ulli Kulke und Reinhard Mohr im Gespräch über „Wenn das Denken die Richtung ändert“

Beitragsbild für das Interview zu „Wenn das Denken die Richtung ändert“

Herr Kulke, Herr Mohr, in Ihrem Buch „Wenn das Denken die Richtung ändert“ fragen sich ein gutes Dutzend Autorinnen und Autoren, fast alle ehemalige 68er, Linke oder Grüne, wie es kommen konnte, dass sie „nicht mehr links“ sind. Kann man diese Gedanken, so facettenreich sie auch sind, auf einen Nenner bringen: Was ist passiert?

Reinhard Mohr (RM): So unterschiedlich die teils abenteuerlichen Lebenswege der einzelnen waren: It’s the reality, stupid! Die Realität, die vielfältigen Konfrontationen mit der Wirklichkeit, sind der beste und wohl auch unausweichliche Lehrmeister gewesen. „Nur Idioten müssen nie ihr Denken ändern“, sagt unser Autor Mathias Brodkorb. Ideologisch gesprochen: Das katastrophale Scheitern aller sozialistischen Systeme in der Welt ist offenkundig, von der Sowjetunion bis Kuba, von Nordkorea bis Venezuela, zu schweigen von der DDR. Mikrosoziologisch formuliert: Schon im Kühlschrank der linken Wohngemeinschaft entstanden erste Zweifel an der Idee der Gleichheit der Menschen, an kollektiver Organisation, Emanzipation und sozialer Gerechtigkeit, so wünschenswert sie sind.

Sie versammeln Texte namhafter Denkerinnen und Denker – von der Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann über den Ludwig-Börne-Preisträger Henryk M. Broder und die Kabarettistin Monika Gruber bis hin zur Schriftstellerin Monika Maron, zum Kolumnisten Harald Martenstein oder dem Kabarettist Dieter Nuhr. Wie ist Ihre Auswahl zustande gekommen?

Ulli Kulke (UK): Da kamen mehrere Faktoren zusammen. Das Phänomen, dass Menschen, die auf eine längere Biografie zurückblicken, früher einmal eine mehr oder weniger „linke Phase“ hatten und heute eher konservativ oder liberal denken, ist ja bekannt. Verwunderlich ist, dass es als Zeiterscheinung bisher literarisch noch nicht aufbereitet war. Interessant waren für uns daher zum einen Protagonisten, bei denen die genannte „Vergangenheit“ eher unbekannt war. Und die zum zweiten auch insgesamt über eine spannende Vita sehr persönlich berichten konnten. Natürlich war uns auch wichtig, dass eine möglichst bunte Mischung an Lebensläufen und politischen Einstellungen zusammenkam. Wenn sie den Lesern ansonsten als Autoren, Schriftsteller, Journalisten oder Kabarettisten bereits bekannt sind, so war dies natürlich auch kein Nachteil. Über eines waren Mohr und ich uns schnell einig: Wer als früherer Linker im rechtsextremen Lager oder bei den Putin-Freunden gelandet war, kam für uns nicht infrage.

Mit welcher ganz konkreten Frage sind Sie an die Autorinnen und Autoren herangetreten – haben Sie wirklich gefragt: Warum sind Sie nicht mehr links? Monika Gruber schreibt ja, dass sie nie links und nie rechts war, sondern immer nur das Kind ihrer Eltern.

RM: Die Frage war: Wo und wie entstanden die Brüche des so schön geschlossenen linken Weltbilds? Welche Rolle spielte das Prinzip des „Selberdenkens“ dabei? Wie verkraftet man die Trennung von der alten „Glaubensgemeinschaft“? Und warum ist es so schwer, sich von Irrtümern zu lösen, mit denen ja auch die geistige und emotionale Heimat verbunden war? Und wo steht man dann politisch? Irgendwo in der Mitte?

Gab es auch Denker, die Sie angefragt haben, die aber eine Beteiligung abgelehnt haben, weil ihnen das Thema zu „heiß“ ist?

UK: Ja, es gab auch Ablehnungen. Sie wurden nicht immer konkret begründet. Es ist zu vermuten, dass manche Angst vor einem Missverständnis hatten und – aus meiner Sicht unbegründete – Bedenken hatten, in die rechte Ecke gestellt zu werden, nur weil sie bekennen, dass sie nicht mehr in linken Schablonen denken. Leider ist dies einer Sichtweise (um nicht zu sagen: Narrativ) geschuldet, die nach wie vor von Dogmatikern nicht ohne Erfolg gepflegt wird – aus durchsichtigen Gründen: Wer das linke Lagerfeuer verlässt, wo man sich doch so schön einig ist, der ist ein Renegat. Da ist man schnell nicht nur rechts, sondern oft auch gleich rechtsextrem. Teilweise hatte ich deshalb auch Verständnis für Absagen, vor allem wo es nicht nur um den guten Ruf ging, sondern potentiell auch um Wählerstimmen.

Wir erleben derzeit einen erschreckenden Rechtsruck in der Gesellschaft. Erschreckend deshalb, weil extreme Ansichten zunehmend gesellschaftsfähig werden. Oder empfinden Sie und die Autoren Ihres Buchs das gar nicht so?

UK: Da müsste man sie im Einzelnen fragen. Soweit es darum geht, dass extreme Ansichten gesellschaftsfähig werden, so bin ich davon überzeugt, dass dies jeden unserer Autoren mit Sorge erfüllt. Rassismus würde keiner von ihnen dulden. Ich gehe allerdings davon aus, dass nicht alles, was heute aus dem linken Lager als „Rechtsruck“ bezeichnet wird, auch von allen an dem Buch Beteiligten als solcher angesehen wird. Wer schon den Stimmenverlust von Grünen und Sozialdemokraten als Rechtsruck ansieht, geht zu weit. Und: Die AfD ist in weiten Teilen rechtsextremistisch. Ob aber jeder, der sie wählt, deshalb automatisch auch rechtsextremistisch ist, darüber kann man trefflich streiten. Ich vermute, dies würden unsere Autoren untereinander auch tun, leidenschaftlich.

Die Autoren von „Wenn das Denken die Richtung ändert“ liefern viele interessante Argumente, mit denen Sie ihren Gesinnungswandel begründen. Ulrike Ackermann etwa wirft der Linken vor, aus anfangs guten Absichten und emanzipatorischen Bewegungen, die nach Selbstermächtigungen strebten, sei nach und nach Ideologie geworden. Ist da was dran?

UK: Ja, da ist was dran. Ganz klar. In gleich einer ganzen Reihe von Autobiografien im Buch wird deutlich, wie wichtig auch noch in der späteren Nachkriegszeit etwa in den 1970er Jahren emanzipatorische Kräfte und Bewegungen waren, in denen einige der Autoren politisiert wurden. Etwa was die gesellschaftliche Stellung der Frauen und Minderheiten angeht. Oder auch das Engagement bei der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit. Willy Brandt wurde schließlich erst 1969 zum Kanzler gewählt, als Nachfolger eines früheren NSDAP-Mitglieds. Und man darf wohl behaupten, dass ein Großteil dieser Emanzipationsarbeit von Linken geleistet wurde. Es wäre aber allzu simpel, wollte jemand behaupten, dass damals Links notwendig und gut gewesen wäre, und heute, da alles erreicht sei, die Linke zu weit gehe und man als Konservativer für Bestand eintreten müsse. Inwieweit und warum es differenzierter ist – dies darzustellen ist ein wichtiges Anliegen unseres Buches.

RM: Naja, die Ideologie der gesamten sozialistischen und kommunistischen Bewegung strotzte ja vor utopischen Heilsversprechen und hatte nichts weniger als das Paradies auf Erden im Sinn. Der Weg in die Hölle – etwa der stalinistischen Massenmorde – war mit lauter guten Absichten gepflastert. Dazu kam hierzulande die Tradition des deutschen Idealismus, der gerne weit jenseits der Realität von der lichten Zukunft träumte. So entstanden aus dem freiheitlichen Aufbruch von 1967/68 strikt maoistische Kaderparteien und der Terrorismus der RAF. Selbst die eher undogmatischen Sponti-Gruppen pflegten einen staatsfeindlichen Linksradikalismus, gegen den Heidi Reichinnek, der Shooting-Star der Linkspartei, wie eine, zugegeben: etwas hyperaktive sozialdemokratische Hausfrau wirkt.

Harald Martenstein stellt in seinem Text fest, die Linke rede viel von Humanismus, aber das gelte meist nur für die, die sich unterwürfen. Wer widerspreche, werde gecancelt. Besteht nicht die Gefahr, dass solche Thesen der extremen Rechten in die Hände spielen?

RM: Nein, das beliebte Narrativ, eine Feststellung „spiele den Rechten in die Hände“ erinnert an die Floskel vom „Beifall von der falschen Seite“. Entscheidend ist doch, ob eine Äußerung zutreffend ist oder nicht. Dann kann man immer noch über sie streiten. Aber es ist doch heute oft so: Wer Kritik an Clan-Kriminalität, wachsendem Islamismus oder einer verfehlten Migrationspolitik übt, bedient angeblich „rechte Themen“. In der Konsequenz läuft das auf die Tabuisierung wichtiger gesellschaftlicher Probleme hinaus. Genau das aber hilft der AfD.

Der Text von Harald Martenstein ist überschrieben mit „Wie ich Faschist wurde“. Wie ist das gemeint?

UK: Martenstein meint damit: Wie er in den 1970er-Jahren von seinen früheren Parteigenossen der DKP – er war Mitglied – als „Faschist“ angesehen wurde, als er sich von ihnen abwandte. Er erinnert bei der Gelegenheit auch daran, dass KPD-Funktionäre in der Weimarer Republik Sozialdemokraten als Faschisten und Sozialfaschisten beschimpften. Die SPD war damals der „Hauptfeind“ der Kommunisten. Eines der Hauptanliegen Martensteins in seiner aktuellen publizistischen Tätigkeit ist denn auch nach meiner Beobachtung, die verheerenden Unsauberkeiten bis zur völligen Beliebigkeit aufzuzeigen, die heute bei der undifferenzierten Titulierung von rechts, rechtsextremistisch, rassistisch, Nazi, Faschist und Ähnlichem auftreten.

Monika Gruber schreibt, wir hätten in Deutschland ein Problem mit der Akzeptanz anderer Meinungen. Ist dem so?

RM: Ja. Wie gerade gesagt: Wenn eine bestimmte Kritik an gesellschaftlichen Zuständen eben nicht mehr wie einst links oder grün, sondern liberal ist, gilt sie im Zweifel als rechts, „rechtspopulistisch“, bei manchen dann gleich als „Nazi“. Das kann man auch aggressive Diskursvermeidung nennen. Oder Ausgrenzung legitimer Kritik. Auf den gerade verstorbenen Jürgen Habermas kann man sich da jedenfalls nicht berufen. Die alte linke Parole „Sagen, was ist“ hat sich in „Bloß nicht drüber reden!“ verkehrt. Dabei waren gesellschaftliche Tabus in den 50er Jahren tatsächlich eine Sache der Konservativen und Rechten.

Aus den Aufsätzen spricht viel Enttäuschung, Wut und Verletzung. Kann aus derlei Gefühlen etwas Positives entstehen, kann Ihr Buch Optimismus verbreiten, vielleicht sogar eine Art Utopie, die uns über die nächsten Jahrzehnte trägt?

RM: Mit Utopie darf man uns alten Ex-Linken nicht mehr kommen. Mit Hoffnung schon. Aber die entsteht, wenn man zunächst die Wirklichkeit und ihre Probleme anerkennt. Dann kann man sie anpacken. Ein gesunder Realismus kann Wunder wirken, Aufbruchstimmung erzeugen und Mut machen. Das ist übrigens das genaue Gegenteil der von Ideologie durchtränkten Bewegung „Make America great again“ (MAGA). Nach gut einem Jahr Trumpscher Präsidentschaft sieht man ja, dass eher das Gegenteil eingetreten ist. Und der narzisstische Größenwahn Trumps, der sich offenkundig in der Dreifaltigkeit von Jesus Christus, Gott und dem Heiligen Geist wiedererkennt, macht eben blind für die komplizierte Realität da draußen in der Welt. Möglicherweise wäre ein Scheitern des Trumpismus ein Grund für den Optimismus, den auch die jüngste Wahl in Ungarn ausgelöst hat: Die Demokratie lebt, auch wenn sie von noch so vielen Seiten bedroht scheint.

Wenn Sie sich wünschen könnten, was Ihr Buch „Wenn das Denken die Richtung ändert“ erreichen soll. Was wäre es?

UK: Da hätte ich gleich mehrere Anliegen: Ich würde mich freuen, wenn das Buch einen Beitrag liefert zur Überwindung der Spaltung der Gesellschaft, die ich als die derzeit größte Gefahr sehe. Wer bereit ist, sein Denken zu ändern, erfüllt meines Erachtens eine Voraussetzung, auch lagerübergreifende Dialoge aufzunehmen. Ein weiterer Wunsch: Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass Zweifel am eigenen Standpunkt und besonders dem der engeren Umgebung lange gären können, bevor man den Mut aufbringt, sie auch zu äußern. Das Buch hat alles Zeug, hierbei Hilfestellung zu geben, als Mutmacher. Schließlich sollte es mit seinen 13 Autobiografien als Zeitdokument des letzten halben Jahrhunderts dienen. Oder, wie der Rezensent im „Focus“ schrieb: „Das Buch ist ein wichtiger Teil deutscher Zeit- und Kulturgeschichte.“

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ISBN 978-3-17-047170-2

259 Seiten

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Jörg Steinleitner

Geboren 1971, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule. Er veröffentlichte rund 25 Bücher für Kinder und Erwachsene. Steinleitner ist seit 2016 Chefredakteur von BUCHSZENE.DE und lebt mit Frau und drei Kindern am Riegsee.

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