Es gibt zwei Möglichkeiten im Leben

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Es gibt zwei Möglichkeiten im Leben

8. April 2015 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Die erste ist falsch, die zweite hat mit Flirts, Nutella und Weißbier zu tun.

Es gibt zwei Möglichkeiten im Leben: Man kann sich über alles aufregen, also zum Beispiel über diese gedankenlosen Idioten, die nicht den Deckel auf die Zahnpasta schrauben, die das letzte Knäckebrot wegessen und einem den Parkplatz wegschnappen – Sie wissen schon: Diese verdammten Alltagsverbrecher, die uns mit skrupelloser Perfidie Tag für Tag die Butter vom Brot nehmen.

Oder man kann sich im Leben sagen: Fasse ich mir doch mal an die eigenen Ohren; drehe ich doch mal meinen Kopf leicht in Richtung Sonne und versuche, das Schöne und Gute zu sehen! Das wollen wir heute tun.

freude

Wenn man dann so schaut, sieht man nämlich allerhand und freut sich über Vielerlei: Über die Kollegin in den roten Pumps zum Beispiel. Über ein Bier am Abend nach der ganzen Schufterei. Über ein Lob vom Chef. Über ein Kilo weniger Fett. Über ein entfallenes Meeting. Darüber, dass jemand nicht „Meeting“ gesagt hat, sondern „Konferenz“. Über ein Kilo mehr Muskeln. Über einen Flirt in der U-Bahn. Darüber, dass man sein Lieblings-Shirt wieder gefunden hat. Über einen guten Griechenwitz. Über eine gelungene Tatort-Folge. Über den neuen Haarschnitt, zu dem einen die beste Freundin überredet hat. Über die hundert Euro von Oma. Darüber, dass mal wer anders abgespült hat.

Man freut sich über ein Nutellabrot in der Badewanne. Über günstige Benzinpreise. Über Spaghetti mit Olivenöl und Knoblauch. Über eine Beförderung. Über eine Stunde Spazierengehen. Über den blauen Himmel. Darüber, dass der arrogante Sausackkollege von einem Auto nassgespritzt wurde. Über die Brünette mit den Lippen. Über eine Leberkäsesemmel. Über Vogelgezwitscher. Über eine Weißwurst. Über guten Sex. Über eine Brezn. Über eine saubere Toilette. Über ein Weißbier. Darüber, dass man sich an die Geheimzahl seiner Euroscheckkarte erinnert, bevor die Karte vom Automaten eingezogen wird. Über einen Burger. Über zwei Burger. Über eine große Portion Pommes. Über eine große Portion Pommes mit Cola. Und Ketchup.

Man freut sich über eine Einladung zu einer Party. Über ein Lächeln, einen Kuss. Über das Miauen von Nachbars Katze. Über einen Anruf von einem alten Freund (Mensch, ewig nichts gehört, was machst du so, Riesensache). Über eine SMS von dem Typ mit dem Schnurrbart auf der Party. Über ein Selfie mit Schweinsteiger. Über eine Packung Erdnussflips. Über ein Selfie mit einem Topmodel. Über einen Roman von Stephen King. Über ein Selfie mit dem besten Kumpel (Discount-Champagner trinkend). Über ein Autogramm von Angela Merkel. Über ein Selfie nur mit sich selbst – am Palmenstrand, in New York, auf der Wildhaber-Hütte, auf dem Klo vom P1.

Man freut sich über eine schöne nackte Frau. Über einen Kaffee mit Milch. Über eine schöne angezogene Frau. Über ein Glas Wasser. Über eine Erdbeere. Über ein Butterbrot. Darüber, dass der Bruder den Rasen bei den Eltern gemäht hat. Darüber, dass der Fatzke mit dem Cabrio auf die langsamere Spur gewechselt hat und jetzt warten muss. Über ein Sonderangebot. Über Respekt. Darüber, dass man jemandem einen guten Rechtsrat geben konnte. Darüber, dass man es geschafft hat, vier Wochen lang nicht zu rauchen. Über eine Dusche. Über eine Zigarette. Über ein Lob vom Chef, vom Hausmeister, von der attraktiven Nachbarin mit dem Kind, von der Zahnärztin.

Man freut sich über einen neuen Anzug. Über ein neues Hemd. Ein neues Paar Schuhe. Eine neue Freundin. Eine alte Freundin. Einen guten Film im Kino. Man freut sich über eine duftende Pizza, eine duftende Freundin, eine duftende Blume, ein duftendes Glas Wein. Einen Baum. Einen Hund, der pinkelt. Einen Hundebesitzer, der die Kacke aufsammelt und mitnimmt. Beim Schwarzfahren nicht erwischt worden zu sein. Eine Karte zu einem Konzert geschenkt bekommen zu haben. Eine heiße Sauna. Einen Golfschläger. Einen Tennisschläger. Einen Boxhandschuh. Einen Joggingschuh. Zwei Joggingschuhe. Wenn noch Majo im Kühlschrank ist. Und Senf und saure Gurken.

Man freut sich über ein warmes Bett. Über einen Wink mit dem Zaunpfahl. Über ein Schnitzel. Über eine Grippe, die alle hatten, nur man selber nicht. Darüber, dass man den Zug gerade noch erwischt hat. Das Flugzeug. Den Bus. Die letzte Baguette in der kleinen Bäckerei am Montmartre. Das Lächeln der Verkäuferin, die einem die letzte Baguette in der kleinen Bäckerei am Montmartre verkaufte. Über dicke Schneeflocken. Über den Frühling. Er wird kommen.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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