Das Taxi zahlen Sie!

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Das Taxi zahlen Sie!

22. April 2015 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Die Dreiundneunzigjährige, die vom OP-Tisch sprang.

Meine Oma wird demnächst 93 Jahre alt. Sie hat sieben Kinder, zwölf Enkelkinder und sieben Urenkel – wenn ich mich nicht verrechnet habe. Meine Oma war Bäuerin von Beruf, eigentlich ist sie das immer noch. Unter ihren Kindern finden sich eine promovierte Chirurgin und Psychologin und eine ehemalige Nationalmannschafts-Langläuferin. Unter ihren Enkeln eine Miss Tirol und eine Tennisspielerin, die einige Zeit zur Weltspitze zählte.

 

Oma

Auch die anderen Kinder und Enkel haben aus ihren Leben etwas gemacht. Sie sind Krankenpfleger, DJs, Bauern und Rechtsanwälte, sie arbeiten in Kindergärten, Banken, Laboren, Schulen und Schönheitsstudios. Die Nachfahren meiner Oma decken mit ihren Berufen alle wichtigen gesellschaftlichen Bedürfnisse ab. Meine Oma könnte sich also zurücklehnen, Piccolo trinken und ihrem Nachwuchs beim Leben zusehen. Zumal sie jüngst wegen einiger kleinerer Operationen ins Krankenhaus musste.

Einmal wurde sie an einem Freitag für einen anstehenden Eingriff ins Krankenhaus beordert. Meine Tante brachte meine Oma hin und fuhr wieder nach Hause. Aber bereits eine Dreiviertelstunde später stand meine Oma wieder auf dem Hof. Ihr Zustand war so, dass meine Tante um Omas Gesundheit fürchtete: Oma war sehr, sehr wütend. Im Krankenhaus hatte sie nämlich herausgefunden, dass der Eingriff erst in der nächsten Woche stattfinden würde!

Für was sie dann das ganze Wochenende hier eingesperrt werde?, fragte sie erzürnt den Arzt. Es passiere ja eh nichts! Wie sich der Herr Doktor das vorstelle? Sie habe schließlich eine Landwirtschaft zuhause, da werde sie gebraucht! Da seien Kühe da und Kinder und Enkelkinder und Urenkelkinder – und die hätten vielleicht auch Hunger und wer bekocht die jetzt, wenn sie hier im Krankenhausbett vor sich hin gammle?

Die Ärzte taten alles, um Oma im Krankenhaus zu behalten. Aber das war gar nicht das, was sie am meisten aufregte: Am allermeisten brachte sie auf die Fichte, dass sie zusätzlich zu dieser Zeitverschwendung auch noch das Taxi selbst bezahlen musste, mit dem sie aus dem Krankenhaus floh. Mit dem Geld hätte sie gut und gerne für ihren Sohn, den Bauern, und ihre Tochter, die jetzt auch wieder bei Oma wohnt, seit Oma manchmal Dinge des Alltags durcheinander bringt, eine Woche lang jeden Tag Fleisch kaufen können. „Das Taxi zahlen Sie!“, hatte sie dem jungen Arzt gesagt. Ihr Ton war drohend. Aber der wollte nicht, der junge Schnösel, der ihr Enkelkind sein könnte.

Die Ärzte hätten Oma lieber dabehalten, vermutlich weil ein belegtes Bett mehr Geld bringt als ein leeres. Aber Oma ist zwar 93, doch für eine Bettbelegerin fühlt sie sich zu jung. Zuhause hat sie dann erst einmal gekocht – Dampfnudeln mit Vanillesoße. Solche Mehlspeisen isst man im katholischen Bayern freitags gerne. Früher hat meine Oma jeden Tag für zwölf Leute und mehr gekocht: für den Mann und die Kinder, für die Schwiegermutter, die Magd und den Knecht. Heute sind es nur noch drei Personen, für die sie Essen zubereitet. Aber die haben in der Küche nichts verloren: Hier ist Oma der Chef. Die Tante sitzt am Tisch und darf zuschauen. Die Spülmaschine darf sie nur unter Omas Aufsicht einräumen. Sie ist ja noch ein Kind, also das von Oma jedenfalls!

Wenn meine 67-jährige Tante einen Topf Milch heiß machen will, dann bestimmt Oma, welcher Topf verwendet wird. Wenn meine Tante doch mal eine Gurke für den Salat schneiden darf, legt meine Oma fest, mit welchem Messer das gemacht wird. Oma weiß, welche Töpfe und Messer gut sind und wie man eine Familienküche organisiert. Sie macht den Job sein über 70 Jahren. Meine Tante – es ist die mit den zwei Facharzttiteln – hat von so was keine Ahnung, sagt Oma. Ihr fehlt hier gänzlich das Wissen und vor allem Erfahrung.

Oma dagegen weiß an vielen Abenden nicht mehr, was sie mittags gekocht hat. Das Kurzzeitgedächtnis. Aber die guten alten Rezepte hat sie alle im Kopf. Kürzlich führte sie ein Gespräch mit Mitarbeitern der Pflegekasse zur Feststellung ihrer Pflegestufe. In dem Gespräch erzählte Oma, dass sie ihren Stock nur brauche, weil sie mehrmals täglich in den Keller müsse, um dort Getränke zu holen. Das ist natürlich Blödsinn. Oma war schon lange nicht mehr im Keller. Auch sonst hat sie den Leuten von der Pflegekasse einigen Unsinn erzählt. Die haben das zum Glück gemerkt und meine Oma hat jetzt eine Pflegestufe.

Wobei, ein bisschen absurd ist das schon, denn genau genommen ist es Oma, die hier alle pflegt und dafür sorgt, dass Ordnung im Leben ist. Natürlich steht Oma manchmal auch nachts auf und findet die Toilette nicht. Aber daran erinnert sie sich am nächsten Tag nicht mehr, wenn sie mit den Töpfen und Tiegeln in der Küche hantiert, um den Braten oder den Zopf auf den Weg zu bringen.

Als die Ärzte meiner Oma vor einigen Monaten den Kropf wegoperieren wollten, der innen in ihrem Hals wächst und ihr Tag für Tag immer mehr den Atem raubt, ist sie von der Untersuchungsliege gehopst und hat sie die Ärzten gefragt, ob sie verrückt sind? Ob sie nicht rechnen könnten? Das lohne sich doch nicht, so einen alten Menschen wie sie noch zu operieren.

Außerdem hat Oma Krankenhäuser sowieso dick. Und Seniorenheime auch. Weil man da auf einmal nicht mehr die Person sein darf, die man ist – im Fall meiner Oma eine Köchin und Familienchefin. Ich glaube, so geht es den meisten älteren Menschen. Jeder von ihnen kann etwas, jeder und jede weiß viel und will auch im fortgeschrittenen Alter noch eine Rolle spielen – seine Rolle. Omas Rolle. Die Chefrolle. Für dieses Bedürfnis ist in den meisten Seniorenheimen null Zeit. Da müssen wir was tun. Wir alle.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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