Meine Oma wird demnächst 93 Jahre alt. Sie hat sieben Kinder, zwölf Enkelkinder und sieben Urenkel – wenn ich mich nicht verrechnet habe. Meine Oma war Bäuerin von Beruf, eigentlich ist sie das immer noch. Unter ihren Kindern finden sich eine promovierte Chirurgin und Psychologin und eine ehemalige Nationalmannschafts-Langläuferin. Unter ihren Enkeln eine Miss Tirol und eine Tennisspielerin, die einige Zeit zur Weltspitze zählte.
Auch die anderen Kinder und Enkel haben aus ihren Leben etwas gemacht. Sie sind Krankenpfleger, DJs, Bauern und Rechtsanwälte, sie arbeiten in Kindergärten, Banken, Laboren, Schulen und Schönheitsstudios. Die Nachfahren meiner Oma decken mit ihren Berufen alle wichtigen gesellschaftlichen Bedürfnisse ab. Meine Oma könnte sich also zurücklehnen, Piccolo trinken und ihrem Nachwuchs beim Leben zusehen. Zumal sie jüngst wegen einiger kleinerer Operationen ins Krankenhaus musste.
Einmal wurde sie an einem Freitag für einen anstehenden Eingriff ins Krankenhaus beordert. Meine Tante brachte meine Oma hin und fuhr wieder nach Hause. Aber bereits eine Dreiviertelstunde später stand meine Oma wieder auf dem Hof. Ihr Zustand war so, dass meine Tante um Omas Gesundheit fürchtete: Oma war sehr, sehr wütend. Im Krankenhaus hatte sie nämlich herausgefunden, dass der Eingriff erst in der nächsten Woche stattfinden würde!
Für was sie dann das ganze Wochenende hier eingesperrt werde?, fragte sie erzürnt den Arzt. Es passiere ja eh nichts! Wie sich der Herr Doktor das vorstelle? Sie habe schließlich eine Landwirtschaft zuhause, da werde sie gebraucht! Da seien Kühe da und Kinder und Enkelkinder und Urenkelkinder – und die hätten vielleicht auch Hunger und wer bekocht die jetzt, wenn sie hier im Krankenhausbett vor sich hin gammle?
Die Ärzte taten alles, um Oma im Krankenhaus zu behalten. Aber das war gar nicht das, was sie am meisten aufregte: Am allermeisten brachte sie auf die Fichte, dass sie zusätzlich zu dieser Zeitverschwendung auch noch das Taxi selbst bezahlen musste, mit dem sie aus dem Krankenhaus floh. Mit dem Geld hätte sie gut und gerne für ihren Sohn, den Bauern, und ihre Tochter, die jetzt auch wieder bei Oma wohnt, seit Oma manchmal Dinge des Alltags durcheinander bringt, eine Woche lang jeden Tag Fleisch kaufen können. „Das Taxi zahlen Sie!“, hatte sie dem jungen Arzt gesagt. Ihr Ton war drohend. Aber der wollte nicht, der junge Schnösel, der ihr Enkelkind sein könnte.
Die Ärzte hätten Oma lieber dabehalten, vermutlich weil ein belegtes Bett mehr Geld bringt als ein leeres. Aber Oma ist zwar 93, doch für eine Bettbelegerin fühlt sie sich zu jung. Zuhause hat sie dann erst einmal gekocht – Dampfnudeln mit Vanillesoße. Solche Mehlspeisen isst man im katholischen Bayern freitags gerne. Früher hat meine Oma jeden Tag für zwölf Leute und mehr gekocht: für den Mann und die Kinder, für die Schwiegermutter, die Magd und den Knecht. Heute sind es nur noch drei Personen, für die sie Essen zubereitet. Aber die haben in der Küche nichts verloren: Hier ist Oma der Chef. Die Tante sitzt am Tisch und darf zuschauen. Die Spülmaschine darf sie nur unter Omas Aufsicht einräumen. Sie ist ja noch ein Kind, also das von Oma jedenfalls!
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