Lucie Castel: Weihnachten wird wunderbar. Tipp | BUCHSZENE

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26. Dezember 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Was passiert, wenn zwei Schwestern ausgerechnet an Weihnachten wegen des Wetters am Flughafen Heathrow stranden? Lucie Castels „Weihnachten wird wunderbar“ ist perfekte Sonntagnachmittagslektüre!


Lucie Castels „Weihnachten wird wunderbar“ ist lustig, chaotisch und einfühlsam


Titelbild Weihnachten wird wunderbar

© Aaron Amt shutterstock-ID:117877489


Frau Bluhm liest „Weihnachten wird wunderbar: 3 von 5 Blu(h)men


Heiligabend am Flughafen ist keine Traumvorstellung

Die Schwestern Scarlett und Mélanie von Lucie Castels „Weihnachten wird wunderbar“ wollen eigentlich nur eines: Aus dem verschneiten London zurück nach Frankreich, um mit ihrer Mutter Weihnachten zu feiern. Doch das Wetter spielt verrückt und so geraten die beiden Frauen in eine ziemlich blöde Situation: Am Flughafen Heathrow werden auf Grund des Schnees alle Flüge gestrichen, die Rückkehr nach Hause wird also mindestens bis zum Morgen des ersten Feiertages unmöglich. Gut, dass die beiden in der Wartehalle des Flughafens den netten und charmanten William kennenlernen, der sie kurzerhand zu sich einlädt, um provisorisch wenigstens ein bisschen Weihnachtsstimmung erleben. Womit Scarlett und Mélanie allerdings nicht rechnen: Auch Williams Familie fällt bei ihm ein, und ein Drama nimmt seinen Lauf.

Lucie Castel stellt zwei Schwestern in den Mittelpunkt der Handlung

Die beiden Schwestern, benannt nach den beiden Protagonistinnen aus „Vom Winde verweht“, sind mir im höchsten Maße sympathisch. Beide ganz und gar unterschiedlich, bilden sie dennoch eine starke Einheit. Die dunkelhaarige Mélanie ist Sex-Therapeutin, trägt ihr Herz auf der Zunge und scheint die Menschen zu durchschauen, als wären sie aus Glas. Das gilt auch für ihre ältere Schwester Scarlett, eine hellblonde, verschlossene und eher kopflastige Person. Sie ist die zentrale Figur von „Weihnachten wird wunderbar“, durch ihre Augen nehmen wir die Geschichte wahr. Sie ist es auch, die mit William ins Gespräch kommt. Die direkte Anziehungskraft zwischen ihnen ist sofort spürbar und bringt die Geschichte in Gang. Im Gegensatz zu Mélanie, der es leichtfällt, neue Bekanntschaften zu knüpfen und sofort mit jedem ein Gesprächsthema zu finden, tut sich Scarlett sehr schwer mit der Nähe zu anderen Menschen, weil sie vom Naturell her eher schüchtern und introvertiert ist. Das Zusammenspiel beider Schwestern ist sehr amüsant.

Schließlich feiert eine illustre Truppe gemeinsam Weihnachten

Williams Angebot, den beiden Frauen Ersatz für die spontan umgeschmissenen Weihnachtsfestpläne zu geben, gleicht einem Kieselstein, der in einen See geworfen wird. Die plötzlich einfallende Familie ist nämlich reich an schillernden Charakteren: darunter Williams homosexueller Bruder Thomas, seine herrische Mutter Lena und seine absolut schrullige, aber ungemein entzückende Großmutter Lizzie. Als dann auch noch Scarletts und Mélanies Mutter alles dransetzt, zu ihren Töchtern nach London zu kommen, um nicht alleine zuhause in Frankreich zu sitzen, ist das Pulverfass der Emotionen bis zum Rand gefüllt. Beide Familien haben viele Themen, die unter der Oberfläche brodeln, aber nie richtig ausdiskutiert wurden. Das ändert sich nun, es kommt zur Explosion – aber so richtig!

Die Übersetzung von „Weihnachten wird wunderbar“ ist nur halb gelungen

Aus dem Französischen übersetzt, spielt Lucie Castels „Weihnachten wird wunderbar“ an vielen Stellen mit dem Unterschied zwischen Engländern und Franzosen, was natürlich sehr klischeehaft, aber oftmals nicht unbedingt unrealistisch ist. Es gelingt Lucie Castel vortrefflich, diese unterschiedlichen Einstellungen und Sichtweisen in kleinen Seitenwitzen herauszuarbeiten. Allerdings ist diese sprachliche Finesse der Übersetzerin nicht wirklich gegeben gewesen. Da der französische Originaltext natürlich mit „Vous“ und „tu“ ein Äquivalent zu unserer deutschen förmlichen und persönlichen Anrede besitzt, die es aber im Englischen nicht gibt, ist es sinnlos, das „Sie“ im Deutschen stehen zu lassen, wo eigentlich ein „du“ sinnvoller wäre. Dass Scarlett und William sich noch siezen, nachdem sie sich schon gefühlte zehnmal geküsst haben, ergibt einfach keinen Sinn und klingt im Laufe der Geschichte dann unglaubwürdig und gestelzt. Es befinden sich zusätzlich ziemlich viele und teilweise recht grobe Übersetzungsfehler im Buch, was ich als absolut störend und vor allem unnötig empfinde. Dass beispielsweise an manchen Stellen Williams Mutter ihn als ihren „Enkel“ bezeichnet, hätte bei sorgfältiger Prüfung im Verlag auffallen müssen.

Alles in allem ist „Weihnachten wird wunderbar“ ein schöner, kleiner Roman

Obwohl „Weihnachten wird wunderbar“ noch nicht einmal 300 Seiten hat, schildert uns Lucie Castel doch eine ganze Reihe von Problemen, mit denen Familienmitglieder zu kämpfen haben und sie tut es auf authentische, lustige und sehr einfühlsame Weise. Am liebsten wäre es mir gewesen, sie hätte ihrer Geschichte 100 Seiten mehr geschenkt, denn dann wäre es ihr möglich gewesen, sich noch mehr Zeit für die einzelnen Personenkonstellationen zu nehmen. Doch auch so ist „Weihnachten wird wunderbar“ ein schöner, kleiner Roman über Trauer, Liebe, Beziehungen und Traditionen, der sich sehr gut für einen gemütlichen Lesesonntag eignet.

Lucie Castel

Sie lebt und arbeitet als Lehrerin in Lyon. Schon immer wollte Lucie Castel ein Buch schreiben. Und schon immer war Weihnachten ihr Lieblingsfest. „Weihnachten wird wunderbar“ ist ihr erster Roman.


Zur Biografie von Lucie Castel


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