Nele Neuhaus: Muttertag. Rezension. Kritik | BUCHSZENE

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7. Dezember 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Menschenknochen auf dem Grundstück eines ehemaligen Kinderheims bringen Pia Sander und Oliver Bodenstein auf die Spur einer grausamen Verbrechensserie. Frau Bluhm liest „Muttertag“ von Nele Neuhaus.


In Nele Neuhaus‘ Krimi „Muttertag“ ermitteln Pia Sander und Oliver von Bodenstein in ihrem 9. Fall


Titelbild Muttertag

© Jan H Andersen shutterstock-ID:369718043


Frau Bluhm liest „Muttertag“: 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest


Ein Hund in einem Zwinger kaut auf Menschenknochen herum

Der neunte Fall für Kriminalhauptkommissarin Pia Sander scheint zunächst eine Routineangelegenheit zu sein: Im herrschaftlichen Wohnhaus einer stillgelegten Fabrik wird die Leiche des ehemaligen Fabrikbesitzers Theo Reifenrath gefunden. Der klassische Fall eines alten Herren, der nach einem unglücklichen Sturz alleine zuhause starb. Doch als die Ermittler sich auf die Suche nach dem vermissten Hund des Mannes begeben, finden sie diesen, fast verhungert, im Zwinger auf dem weitläufigen Gelände. Das einzige was dem Hund das Leben gerettet hat: Er fand ein paar alte Knochen, an denen er nagen konnte. Pia Sander und ihr Team sehen genauer hin und identifizieren die Knochen als menschlich und finden wenig später mehrere, schon vor Jahren ermordete und vergrabene Frauen. Alle in Plastikfolie eingewickelt, ertränkt und vergraben, nachdem sie in unterschiedlichen Jahren am Muttertag vermisst gemeldet wurden.

Der Täter muss noch am Leben sein – er wird weiter morden

Das vermeintliche Unfallopfer Theo Reifenrath wird daraufhin zum Hauptverdächtigen in einem Serienmord. Keiner im Ort kann sich vorstellen, dass der über 80-Jährige zu solchen Taten fähig gewesen sein soll, und als die Ermittler im Zuge der Recherche auf erst kürzlich begangene Taten stoßen, die aufgrund des Modus Operandi eindeutig die Handschrift des gleichen Täters tragen, beginnen sie nach weiteren Verdächtigen mit Motiv zu suchen. Bald liegen zwei Tatsachen auf der Hand: Der Mörder stammt aus dem Hause Reifenrath, das vor mehreren Jahrzehnten Heim für viele Pflegekinder war. Und er ist noch am Leben und wird weiter morden, denn der Muttertag steht vor der Tür.

Auch Quereinsteiger haben mit „Muttertag“ ihre Freude

Wie oben erwähnt, ist „Muttertag“ der neunte Teil der Reihe um die Ermittler Pia Sander und Oliver von Bodenstein. Ich kenne alle Bände um die Ermittler aus dem Taunus gelesen und feiere jeden in jedem neuen ein Wiedersehen mit alten Freunden. Nele Neuhaus gelingt es auch in „Muttertag“ wieder vortrefflich die Rahmenhandlung mit kleinen, privaten Details zu den Protagonisten zu erweitern, es allen Quereinsteigern aber mühelos zu ermöglichen, der Handlung auch ohne vorherige Lektüre der anderen Bände zu folgen.

Nele Neuhaus erzählt entlang dreier Handlungsstränge

„Muttertag“ beginnt mit einem Prolog, der in den 80er Jahren spielt und führt den Leser gleich mit einem Gänsehautmoment in die Geschichte ein. Im weiteren Verlauf folgt man drei verschiedenen Handlungssträngen: der gegenwärtigen Ermittlung von Pia Sander und ihrem Team, den Gedanken des Täters, der aber bis zum Ende anonym bleibt; und dann noch einem dritten, in der Schweiz angesiedelten und scheinbar zunächst gar nicht bedeutungsvollen Handlungsstrang um die 22-jährige Fiona Fischer, die sich nach dem Tod ihrer Mutter auf die Suche nach ihrem Vater begibt.

Der Showdown in „Muttertag“ ist tatsächlich fulminant

Der zuletzt genannte Teil der Geschichte scheint zunächst irrelevant, erweist sich aber ab der Mitte des Romans als absolut spannend und bedeutsam. Mich hat erneut sehr beeindruckt, wie Nele Neuhaus es schafft, alle Handlungsstränge getrennt voneinander fesselnd aufzubauen und schließlich zu einem fulminanten Showdown zu vereinen. Ergeben Sachverhalte und Bezüge vielleicht im ersten Moment keinen Sinn, tut man beim Lesen gut daran, vor allem auf Kleinigkeiten zu achten, denn je weiter der Roman voranschreitet, umso wichtiger werden gerade diese Details.

Das ehemalige Kinderheim birgt ein schreckliches Geheimnis

Schon als Pia Sander das Haus von Theo Reifenrath zum ersten Mal betritt, spürt sie, dass das ehemalige Kinderheim ein dunkles Geheimnis birgt. Einst bewohnt von Theo Reifenrath und seiner Frau, betreute das Ehepaar innerhalb des großen Anwesens über die Jahre hinweg mehr als 30 Pflegekinder. Einige standen, bis zu seinem Tod, in Kontakt mit Theo. Als Rita Reifenrath noch lebte, versammelten sich jedes Jahr alle früheren Pflegekinder des Hauses zu ihrem berühmten Muttertagsfest.

Misshandlungen von Schlafentzug bis Water-Boarding

Während der Ermittlungen befragen Pia und Oliver eine ganze Reihe dieser mittlerweile erwachsenen, ehemaligen Pflegekinder und schnell wird klar, dass die offenkundige Idylle, mit der Rita und Theo Reifenrath vor Jahren hausieren gingen, nichts anderes war, als eine große Lüge. Misshandlungen und drakonische Strafen, Unterdrückung und seelische Grausamkeiten waren an der Tagesordnung, sowohl unter den Kindern, als auch durch ihre erwachsenen Bezugspersonen. Unabhängig voneinander berichten die einstigen Zöglinge von Misshandlungen, die von Freiheits- und Schlafentzug bis hin zu Water-Boarding reichten. Ganz klar erkennbar ist schon bald, dass sich die Vorgehensweise des Täters an diesen erlebten Erziehungsmethoden orientiert. Eines der Kinder scheint die damals erlebten Grausamkeiten aktiv anzuwenden, um junge Frauen, stellvertretend für die eigene Mutter und Ziehmutter Rita Reifenrath, zu töten. Verdächtige gibt es einige, doch Spuren und Beweise lassen lange auf sich warten.

„Muttertag“ ist für mich der beste Band der Serie

Ich bin sehr beeindruckt, wie gut strukturiert und recherchiert diese doch sehr umfangreiche Geschichte ist. Sie umfasst immerhin drei Jahrzehnte Handlung und jede Menge Protagonisten. Das Personenverzeichnis am Anfang des Buches hilft sehr dabei, den Überblick zu behalten. Die von Nele Neuhaus dreigliedrig angelegte Storyline und der gut aufgebaute Spannungsbogen tun ihr Übriges dazu, „Muttertag“ zu einer kurzweiligen und übersichtlichen Lektüre zu machen. Die Verknüpfung der privaten Seite der Ermittler und der professionellen Ermittlungsarbeit geschieht scheinbar nahtlos, die unterschiedlichen Handlungsstränge greifen schlüssig ineinander. Der schon oben erwähnte Showdown ist im hohen Maße dramatisch, doch zu keinem Zeitpunkt übertrieben und unrealistisch. Kurzum: Ein großartiger Kriminalroman, der einem beim Lesen nur so durch die Seiten scheucht. Für mich der bisher beste Band der Serie.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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