Michael Woods „Stumme Wut“. Frau Bluhm liest | BUCHSZENE

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Michael Woods packender Thriller „Stumme Wut“ nimmt seine Protagonisten ganz schön hart ran

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5. Januar 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


In England ist Michael Wood längst ein Star. Aber hier in Deutschland ist er noch ein Geheimtipp für Entdecker. Mit „Stumme Wut“ startet er seine Erfolgsreihe bei uns. Frau Bluhm hat dieser Thriller richtig Spaß gemacht.


Frau Bluhm liest „Stumme Wut“: 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest


Diese Ermittlerin muss wirklich viel aushalten – Matilda Darke ist stark

Matilda Darke ist 40 und leitende Ermittlerin der Kriminalpolizei im englischen Sheffield, als ihre Welt zusammenbricht: Ihr geliebter Mann wird Opfer eines aggressiven Krebsleidens und kurze Zeit darauf setzt sie auch noch einen großen Entführungsfall in den Sand. Sie wird beurlaubt, doch zehn Monate danach ist sie wieder zurück. Sie soll sich langsam wieder einarbeiten, deshalb gibt ihr ihre Chefin zunächst einen ungelösten Fall von vor 20 Jahren. Doch was keiner wissen kann, ist, dass Matildas Ermittlungen Ereignisse lostreten, die sich wie eine Lawine unaufhaltsam auf eine Katastrophe zubewegen.

Matilda ist ein menschliches Wrack. Doch nach und nach kommt sie auf die Beine

Michael Wood stößt uns als Leser mitten in die Handlung. Ohne Vorwissen und Erklärung begegnen wir Protagonistin Matilda, deren Erlebnisse uns erst im Laufe des Buches nähergebracht werden. Was man aber sofort spürt, ist, dass Matilda keine 0815-Protagonistin ist. Wir begegnen ihr erstmals am Tiefpunkt ihres Lebens: Privatleben mit einer Tragödie belastet, Job läuft nicht gut und ihr Alltag besteht eigentlich nur aus den Zwischenräumen, die sie sich zwischen der Einnahme ihrer Antidepressiva und der nächsten Flasche Wodka auftun. Sie ist am Boden, ein menschliches Wrack, und dann beginnt sie wieder zu arbeiten.

Mit den beiden hätte ich gerne mal einen Mädelsabend!

Was mir dabei am allerbesten gefiel, war, dass der Autor mit dem Thema Depression weder hochsensibel, noch abgebrüht umgeht, sondern einfach nur natürlich. Selbstverständlich ist Matilda angeschlagen, wenn nicht sogar am Boden – jeder wäre das nach ihren Erlebnissen – und doch findet Michael Wood die perfekte Art und Weise, Matilda zurück ins Leben zu führen. Dabei stellt er ihr sowohl nette Kollegen, wie auch eine tolle beste Freundin zur Seite. Die Figur der Gerichtsmedizinerin und Fels in der Brandung Adele war neben Matilda meine Lieblingsfigur im Buch. Ganz besonders, weil die beiden in ihren Gesprächen immer wieder trockenen Humor erkennen lassen. Mit den beiden hätte man gewiss viel Spaß bei einem Mädelsabend.

Alle Figuren von „Stumme Wut“ sind vortrefflich ausgearbeitet

Apropos gute Figuren: Die ganze Story dreht sich natürlich nicht nur um Matildas persönliches Befinden, obwohl es großen Raum einnimmt, was auch gut so ist. Aber hauptsächlich ist es ein Krimi, den ich fast schon als Psychothriller bezeichnen würde, so spannend ist er. 20 Jahre zuvor wird ein Ehepaar unter bestialischen Umständen im eigenen Zuhause ermordet. Einziger Zeuge: der damals elf Jahre alte Jonathan, jüngerer Sohn der Familie, der lange Zeit nach dem Vorfall traumatisiert war und auch heute noch unter den psychischen Folgen zu leiden hat. Er hat nie richtig über diese Tat gesprochen, zu seinem großen Bruder, den er schon als Kind fürchtete, hatte er seitdem keinen Kontakt mehr.

Ein Zufall zu viel – die Mordkommission nimmt die Ermittlungen auf

Doch dann wird eben dieser Bruder unter merkwürdigen Umständen ermordet. Und das am selben Tag, an dem das Elternhaus der beiden endgültig abgerissen werden sollte. Des Zufalls etwas zu viel findet die Mordkommission und nimmt die Ermittlungen auf. Im Zuge dessen muss Jonathan sich aus seinem über 20 Jahre errichteten Schneckenhaus begeben und mit der Polizei zusammenarbeiten. Keine leichte Aufgabe für den introvertierten Mann, aber Matilda, die sich selbst in dem geprägten jungen Mann wiedererkennt, versucht zu helfen. Doch irgendwann verdichten sich die Indizien und Jonathan gerät selbst ins Visier der übrigen Ermittler, nur Matilda scheint noch von seiner Unschuld überzeugt.

Gut und Böse, Schwarz und Weiß verschwimmen – wie im echten Leben

Mit Jonathan erschuf Michael Wood eine großartige Romanfigur. Wie auch Matilda, ist Jonathan mit einer problembehafteten Biographie belastet. Michael Wood taucht in die Tiefen der menschlichen Seele ein und scheut sich nicht, alles Widerwärtige und Böse hervorzuholen, was dort so zu finden ist. Doch er gibt seinen Charakteren auch gute, lustige und lebenshungrige Seiten, er füllt ihr Leben aus Druckerschwärze mit bunten Farben, so dass man als Leser am Ende selbst nicht mehr sicher ist, wer in diesem Buch jetzt eigentlich der Antagonist war. Michael Wood setzt sich über die bestehenden Grenzen zwischen Gut und Böse und Schwarz und Weiß hinweg und erschafft dabei Helden, die trotz all ihrer seelischen Abgründe höchstmenschlich und Figuren zum Anfassen sind. Oder gerade deswegen.

Entdeckt Michael Wood jetzt – noch ist er ein spannender Geheimtipp

Neben den tollen Charakteren kann das Buch aber auch noch mit ungeheurer Spannung aufwarten. Was von Anfang an fehlte, war das Motiv. Der Originaltitel „for reasons unknown“, könnte nicht treffender gewählt sein. Das hält den Autor aber nicht davon ab, einen ungeheuren Spannungsbogen aufzubauen, denn gerade WEIL das Motiv fehlt, laufen die Ermittlungen zunächst nur schleppend an. Gerade weil das Motiv fehlt, wird die endgültige Auflösung umso schockierender sein und jeden Leser mit fassungslos schüttelndem Kopf zurücklassen. So erging es jedenfalls mir.
Ich empfehle jedem, diesen Thriller zu lesen, denn jetzt kann man sich noch damit rühmen, Michael Wood und seine Reihe früh entdeckt zu haben. Allzu lang wird dieser Schriftsteller nicht unbekannt bleiben.

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Katharina Bluhm
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