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Steinleitners Woche – über lernfähige Maschinen, digitale Idioten, Bibliomanten und Michael Endes „Momo“

10. Januar 2018 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Jeden Tag werden wir bestohlen und keiner wehrt sich! Steinleitners Woche über digitale Assistenten wie Alexa und Siri, über lernfähige Maschinen und all die anderen Helfer, die uns vermeintlich beim Zeitsparen helfen.


Digitale Assistenten unterm Weihnachtsbaum

In der Süddeutschen Zeitung las ich, dass bei vielen Familien sogenannte digitale Assistenten unterm Weihnachtsbaum gelegen hätten. Alexa, Siri und wie sie alle heißen. In derselben Ausgabe stand, es seien im vergangenen Jahr in Deutschland drei Prozent weniger Bücher gekauft worden. Das Lesen konkurriere zunehmend mit anderen medialen Beschäftigungen – und verliere.

Was ein Bibliomant ist? Fragen Sie doch Alexa oder Siri!

Anscheinend nehmen wir Menschen uns immer weniger Zeit, uns mit Büchern zu beschäftigen. Irgendwie ist das ja auch nachvollziehbar. Man braucht heute nicht mehr in ein Buch zu schauen, um eine Information zu finden, man muss nicht einmal mehr im Internet nachlesen: Es genügt, Alexa zu fragen, was ein Bibliomant ist und schon weiß man es. Das geht ganz ohne Lesen und außerdem viel schneller. Der genannte Zeitungsartikel erzählt von einer wohl gar nicht so fiktiven Mutter, die es angenehm findet, dass das Kind, das etwas von ihr wissen will, nicht mehr warten muss bis sie im Smartphone-Internet nachsieht. Das Kind fragt einfach den digitalen Assistenten – der auch noch mit grenzenloser Geduld antwortet. Viel geduldiger vielleicht sogar als eine gestresste Mutter dies könnte.

Auf den ersten Blick sparen wir mit den digitalen Assistenten Zeit

Auf den ersten Blick scheint es, als würden die digitalen Assistenten uns dabei helfen Zeit zu sparen. Sie erledigen Dinge, die wir sonst selbst erledigen müssten: eine Information suchen, andere etwas fragen oder um etwas bitten. Aber wo führt das hin? Wenn ich über derlei Dinge nachdenke, fällt mir immer wieder Michael Endes „Momo“ ein. In diesem hellsichtigen Roman, der seiner Zeit weit voraus war, stehlen graue Herren den Menschen die Zeit.

Und was hat Michael Endes „Momo“ damit zu tun?

Aus heutiger Perspektive sind die grauen Herren in „Momo“ recht sympathische, ziemlich old-schoolige Zeitdiebe. Sie sehen aus wie Menschen, tragen Anzüge und rauchen Zigarren, was nicht gesund ist und damit eine ganz menschliche Schwächen offenbart. Unsere heutigen, digitalen Zeitdiebe verbergen sich in cool designten Plastikgehäusen und haben keine menschlichen Schwächen. Sie heißen Siri und Alexa, WhatsApp und Smartphone. Aber sie stehlen uns die Zeit auf derart perfide Weise, dass wir es gar nicht bemerken. Im Gegenteil, wir haben sogar das Gefühl, dass sie uns beim Zeitsparen helfen und auch sonst unser Leben komfortabler machen und bereichern: Ist es nicht so, dass wir alle glauben, das Einkaufen im Internet spare uns unglaublich viel Zeit? Die Verabredung per Smartphone oder WhatsApp vereinfache unseren Alltag ungemein? Mit dem Navi zu reisen gehe schneller, weil man niemanden mehr nach dem Weg fragen müsse? Facebook helfe uns, mit allen Lieben in Kontakt zu bleiben, egal wie weit weg sie sind? Ja, wir meinen sogar, die digitalen Assistenten würden uns bei der Erziehung und Förderung unserer Kinder wertvolle Hilfe leisten – von der Nachhilfe bis zur Beschäftigung. Wir denken, E-Mails seien für uns von Vorteil, weil sie viel schneller als ein Brief beim Adressaten ankommen. Und man kann obendrein beliebig viele Adressaten mit ein- und derselben E-Mail erreichen, ohne eine einzige Briefmarke kleben zu müssen!

Wenn uns das Digitale hilft, Zeit zu sparen – wieso haben wir dann nie Zeit?

Aber wenn dem wirklich so sein sollte, dass uns die digitale Welt derart durchschlagend hilft, Zeit zu sparen und unser Leben zu vereinfachen – wieso haben wir dann alle nie und für nichts und niemanden mehr Zeit? Wieso sind wir tendenziell eher gehetzt als entspannt? Und wieso wird es mit jedem neuen digitalen Glücksbringer nicht besser?

Ich hätte da einen Vorschlag für dieses noch junge Jahr

Ich mag ja dieses Vorsätzemachen fürs neue Jahr nicht. Man hält sich eh nicht dran. Aber eine Sache könnten wir uns vielleicht doch vornehmen: Hin und wieder an die Zeitdiebe in Michael Endes „Momo“ zu denken, das digitale Teil, nach dem wir gerade greifen wollen, wegzulegen und uns stattdessen mit echten Menschen, die echt anwesend sind, zu beschäftigen. So eine Beschäftigung könnte auch sein, sich gegenseitig aus einem Buch vorzulesen.

P.S.: Bibliomanten sind Menschen, die eine außerordentlich starke Bindung zu Büchern empfinden. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte Kai Meyers Serie „Die Seiten der Welt“ lesen.

P.P.S: Ich hätte noch einen analogen Lektüretipp – und zwar den Artikel „Dumm wie ein Sieb“ im aktuellen Spiegel. Der erklärt ziemlich genau, wieso die geistigen Fähigkeiten künstlicher Intelligenzen und digitaler Assistenten noch lange nicht an die Kreativität, Abstraktionsfähigkeit, Flexibilität und Transferfähigkeit menschlicher Gehirne heranreichen werden: Lernfähige Maschinen sind bestenfalls Fachidioten, die nichts von dem verstehen, was sie tun. Sie sind, so schreibt es der Spiegel, dumm wie ein Sieb. Und von solchen Trotteln lassen wir uns die Zeit stehlen!

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Die Seiten der Welt - Kai Meyer

Kai Meyer

Die Seiten der Welt

ISBN 978-3-596-19852-8

576 Seiten, € 10,99

FISCHER

Die Seiten der Welt – Nachtland - Kai Meyer

Kai Meyer

Die Seiten der Welt – Nachtland

ISBN 978-3-8414-2166-1

592 Seiten, € 19,99

FISCHER

Momo - Michael Ende

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Momo

ISBN 978-3-522-20187-2

304 Seiten, € 19,99

Thienemann

Jörg Steinleitner
Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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Jörg Steinleitner
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Sie leben im Lande Draculas und im Herzen Europas. Sie trotzen der Globalisierung. Sie sind die letzten ihrer Art. Eine Reise nach Rumänien – voller stiller Abenteuer unter Siebenbürger Sachsen.

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