Jörg Maurer – Interview: „Stille Nacht allerseits“ | BUCHSZENE

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Jörg Maurers Weihnachtsbuch „Stille Nacht allerseits“ ist witzig, reich an Wissen und ein bisschen böse

Jörg Maurer

© Gaby Gerster

15. Dezember 2017 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Wie verbringt ein Alpenkrimi-König den Heiligabend? Was stört ihn an „Stille Nacht“? Und welche Weihnachtskarten gehen gar nicht? Jörg Maurer beantwortet Jörg Steinleitners unverschämte Fragen.


Herr Maurer, Sie gelten, seit Sie das Weihnachtsbuch „Stille Nacht allerseits“ geschrieben haben, als Koryphäe, ja, als eine Art Helmut Schmidt oder auch Daniel Barenboim der Weihnachtswissenschaft. Wie feiern Sie selbst Weihnachten? Bitte scheuen Sie sich nicht davor, Intimitäten preiszugeben, wir sind unter uns!

Intimitäten wollen Sie? Nun denn! Da ich bekanntlich aus Bayern stamme, versuche ich an diesem Tag sämtliche Klischees der alpenländischen Weihnacht durchzuhecheln. Der 24. beginnt bei mir mit einem langen, blauweiß verschneiten Jodler, einem Weißwurstwettessen unter Freunden und einer Rede bei der Weihnachtsfeier des Gebirgsschützenvereins. Stille Nacht – bum! Es folgt eine Abfahrt ins Tal mit dem historischen Hornschlitten, dann ab nach Hause zum traditionellen Fingerhakeln im engeren Familienkreis. Die Weihnachtstanne ist mit gewilderten Hasen geschmückt, der Opa spielt im Hintergrund Zither, die Kinder führen einen Schuhplattler auf und singen dazu Weihnachtslieder. Es geht weiter mit einem saftigen Weihnachtsschmaus, einem Schweinsbraten mit Lametta-Knödeln, dann kommt die festliche Mitternachtsrauferei draußen auf dem vereisten Dorfweiher … Nach diesem Tag sinke ich erschöpft ins Bett und schlafe bis Heiligdreikönig durch. Die nordrhein-westfälische Weihnacht ist vermutlich nicht so anstrengend.

Ihr Weihnachtsbuch kommt froh und munter daher, aber es ist ein Wolf im Schafspelz. Sie schrecken nicht einmal vor einer harschen musikalischen und textlichen Kritik unseres liebsten Weihnachtslieds „Stille Nacht“ zurück. Was bitte gibt es an diesem wunderschönen Lied auszusetzen?

Eigentlich alles. Beim genaueren Hinsehen ist jeder Ton und jedes Wort reinster Pfusch. Die absteigenden Noten am Anfang des Liedes sind ein Schulbeispiel für einen kakophonischen und handwerklich miserablen Einstieg. Dann der lauwarme Walzertakt im Schneckentempo. Und die Originaltonart D-Dur: das ist die Tonart der Mittelmäßigkeit. Ins stilistische Auge sticht auch die grausame Silbentrennung Sti-hil-le Nacht gleich im ersten Wort. Oder das unsinnige „lockige Haar“, das das Haupt des Neugeborenen zieren soll … Mit einem Wort: Herrlich! Ein Genuss!

Sie weisen auf eine ungeheuerliche Tatsache hin: Nur im Weihnachtsevangelium von Matthäus steht etwas von Geschenken. Die anderen Evangelisten schweigen. Ist die ganze Schenkerei also die Erfindung gewiefter Marketingleute und Matthäus ein gekaufter Schmierfink?

Ja, alle Geschäftsleute sollten Matthäus dafür eine babelturmhohe Kerze anzünden. Obwohl natürlich gerade das Schenken etwas Archaisches, Vor-Kapitalistisches hat. Das Einpacken, das Verschnüren und das Wiederauspacken sind nämlich schwer oder gar nicht digitalisierbar. Man kann sich inzwischen alles Mögliche virtuell vorstellen: Plätzchenbacken vollautomatisch mit Thermomix, gepixelte leuchtende Kinderaugen, künstliches Kaminfeuer – aber Geschenke muss man nun einmal händisch auswickeln, wie Matthäus es vor 2.000 Jahren bei den Heiligen Drei Königen beobachtet hat. Und so wie der Hl. Balthasar seine Myrrhe aus dem Papier gepfriemelt hat, soll es auch heut noch sein.

In der Vorweihnachtszeit drohen wieder all die Betriebs- und Vereinsweihnachtsfeiern. Was zeichnet solcherlei Zusammenkünfte aus ihrer Sicht aus?

Das grundlegende Bedürfnis des Menschen nach Qual und Verzweiflung, nach erstickender Mühseligkeit und tödlicher Langeweile. Diese negativen Aufwallungen müssen von Zeit zu Zeit befriedigt werden, und das ist in unserer frischfröhlichen und auf Spaß, Jux und Dollerei getrimmten Zeit gar nicht so einfach. Einmal im Jahr jedoch kann man sämtliche masochistische (und sadistische) Triebe ausleben: bei der Betriebsweihnachtsfeier.

Was ist Ihr Lieblingsweihnachtslied?

Weihnachtten 1953

Alpenkrimi-König Jörg Maurer im Jahr 1953 beim Bestaunen eines Christbaums. (Großansicht bei Klick auf Bild)

„The little drummer boy“ mit dem schönen Ohrwurm „Parapapapam“. Auch der Inhalt des Liedes ist herrlich skurril: Alle, die zum Stall in Bethlehem kommen, bringen dem Jesuskind Geschenke, nur der kleine Trommlerjunge hat keines dabei, also bietet er Maria an, für sie und das Kind zu trommeln. Die Jesusmutter hat ein Einsehen und nimmt sein „Parapapapam“ an. Man stelle sich vor, es wäre kein Trommlerjunge vorbeigekommen, sondern ein Pianist (klimperdiklimp), ein Tenor (knödeldiknö). Oder ein Politiker (schwafeldischwaf).

Sogar eine No-Go-Liste für Weihnachtskartentexte enthält Ihr Buch. Ein No-Go ist laut Ihnen: „Karte, auf der alte Damen in Schwarzweiß irgendetwas Verrücktes machen“. Was bitte haben Sie gegen verrückte alte Damen in Schwarzweiß?

Sie sind ein Symbol für die Verrohung unserer Gesellschaft. Ich habe schon Karten gesehen, da schlagen verrückte alte Damen mit Schirmen auf Radfahrer ein. Oder sie sitzen auf Parkbänken und lesen Hermann Hesse. Oder sie stopfen sich Torten in den Mund. Wer so etwas zu Weihnachten verschickt, verbreitet das Böse in der Welt.

Sie zitieren in Ihrem Werk die Verunglimpfung eines Weihnachtsliedklassikers: „Schneise lieselt das Reh, / sill und lall stuht der Steh, / geiwachtlich wänzet der Schald, / breue mich, ‘s Mistfink pommt falt.“ Was soll das?

Sie werden es nicht glauben: Das ist keine Verunglimpfung, sondern der Originaltext eines frühen britischen Dadaisten namens Lewis Carroll, das Lied wurde dann allerdings 1895 von einem deutschen evangelischen Pfarrer umgedichtet und mit „Leise rieselt der Schnee“ ziemlich verhausschuht. Karl Valentin soll es dann wieder richtiggestellt haben. Wir in der Familie haben jedenfalls immer die Urfassung gesungen, und bei „geiwachtlich wänzet der Schald“ hat die Oma immer geweint.

Sie schreiben auch vom seltsamen Brauch des Weihnachtsgurkensuchens am Weihnachtsbaum. Seien Sie ehrlich: Diesen Brauch gibt es nicht – Sie haben ihn erfunden!

Ausnahmsweise nicht, das gibt es wirklich. Die Amerikaner halten das bis heute für einen typisch deutschen Brauch, obwohl ich niemanden kenne, der sich Essiggurken an den Baum hängt. Dabei wird im angelsächsischen Raum die äußerst plausibel klingende Geschichte von einem bayrischen Soldaten namens Hans Lauer erzählt, der als John Lower um 1860 im amerikanischen Bürgerkrieg mitgekämpft hat, ins Gefängnis kam und sterbenskrank wurde. „Den Tod vor Augen, bat er um eine Gurke“, heißt es. Sie wurde ihm gebracht und er genas.

Fassen wir zusammen: Sie schreiben einen Teil der Weihnachtsgeschichte in Raymond Chandlers coolem Stil, Sie bieten einen auf der Form von Plätzchen basierenden Psychotest, Sie empfehlen die besten Weihnachtsfilme, Sie verraten, welche Puccini-Oper am Heiligabend spielt und wieviele Weihnachtsbäume die schnellste Tannenbaumfällerin in zwei Minuten fällt. Gibt es irgendetwas Weihnachtliches, was in Ihrem Buch nicht drinsteht?

Ja, ich musste schon einiges weglassen, auf dem Gabentisch soll ja kein 1000-Seiten-Schinken liegen. Einige der Kapitel, die es nicht ins Buch geschafft haben: Weihnachten in Nordrhein-Westfalen. X-mas in der Jungsteinzeit. Die staade Zeit bei „The Walking Dead“. Vielleicht sollte ich über einen zweiten Band nachdenken.

Bitte verraten Sie unseren Lesern zum Schluss, wie man sich als Fußballfan die vier Evangelisten merken kann.

Ganz einfach: Lukas Podolski, Johannes B. Kerner, Markus Babbel, Lothar Matthäus.

Danke.

Ich habe zu danken, es war mir eine Freude.

Jörg Maurer
Jörg Maurer

Jahrelang betrieb er die Kabarettbühne „Unterton“ in München. Heute lebt er in Garmisch-Partenkirchen und schreibt die Krimis um Kommissar Jennerwein.
Zur Biografie von Jörg Maurer

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