Ijoma, dein Buch, in dem du deine Geschichte erzählst, heißt „Das deutsche Krokodil“. Welche Geschichte, welche Gedanken verbergen sich hinter diesem Titel?
Ich war als Kind ein großer Eisenbahnfan und mein Lieblingsbuch war der Märklin-Katalog. Darin war eine Lokomotive mit dem Namen „Schweizer Krokodil“ abgebildet. Von dieser sehr, sehr langen Güterlokomotive träumte ich. Aber ich wusste, dass es dreist gewesen wäre, sich diese teure Lokomotive zu wünschen. Es gibt dieses Modell aber auch in einer etwas kürzeren, immer noch eindrucksvollen Ausführung, Baureihe 194 von der Deutschen Bahn, das ist das sogenannte „Deutsche Krokodil“. Das „Deutsche Krokodil“ war ein bisschen preiswerter und so habe ich es gewagt, es auf meinen Wunschzettel zu schreiben. Und meine Mutter schenkte es mir tatsächlich. Das ist aber eigentlich nur der Grund, warum ich diesen Begriff „deutsches Krokodil“ im Hinterkopf hatte, als ich über einen Titel für mein Buch nachdachte.
Die eigentliche Geschichte ist also eine völlig andere?
Ja, und die hatte mit einer Sorge zu tun, die mich zwischen meinem fünften und achten Lebensjahr bewegte: Ob das mal gut geht, dachte ich mir, dass ich so anders aussehe als alle anderen? Dass ich so einen anderen Vornamen habe, über den jeder erst einmal stolpert, der mich kennenlernt? Mein Gefühl war: Ich habe eine alleinerziehende Mutter, die sehr unkonventionell ist; ich habe einen afrikanischen Vater, der nicht anwesend ist. Und wenn mich jemand nach ihm fragte, konnte ich auch keine glaubwürdige Geschichte erzählen, sondern eigentlich nur eine, die für mich selber mit Scham besetzt war. Denn ein afrikanischer Erzeuger, der sich aus dem Staub macht, erfüllt eines der hässlichsten Klischees über afrikanische Sexualität oder Virilität. Und als Kind hätte ich natürlich gerne bürgerliche, klare Verhältnisse gehabt – obwohl ich von meiner Mutter wusste, dass ich einen tollen Vater habe und sie auch immer wollte, dass ich ein positives Vaterbild habe.
Aber wie kommt da jetzt das Krokodil ins Spiel?
Nun, irgendwann stellte ich fest, dass eigentlich alles ganz gut funktioniert: Ich werde nicht ausgegrenzt, die Menschen freuen sich an meiner Existenz und nehmen mich eigentlich auch gar nicht als so fremd wahr. Der abwesende Vater und das Land Afrika, für das er steht, fallen den Leuten gar nicht so auf. Das einzige allerdings in dieser Situation aufkommender Entspanntheit und Gelassenheit, das einzige, was mir dann weiterhin Sorgen machte, war die Tatsache, dass auf dem Fenstersims in unserem Wohnzimmer ein aus schwarzem Ebenholz geschnitztes Krokodil stand.
Ein Geschenk deines Vaters?
Nein! Das hatte noch nicht einmal irgendetwas mit meinem Vater zu tun – meine Mutter hatte es von einer Freundin geschenkt bekommen, die in der Entwicklungshilfe arbeitete. Aber dieses Krokodil hätte ich da lieber nicht gesehen. Weil mir vollkommen klar war, dass, wenn jetzt meine Freunde kommen und das Krokodil sehen, dann assoziieren sie sofort: Ah, das Krokodil ist ein afrikanisches Tier. Ah, das Holz, aus dem es geschnitzt ist, ist schwarzes, afrikanisches Holz. Ich befürchtete, meinen Freunden könnte plötzlich aufgehen, was sie bisher übersehen hatten: Dass unser Haushalt in einem besonderen Verhältnis zu Afrika steht. Und die Thematisierung dieser Herkunft wollte ich ja nun lieber vermeiden, weil ich dachte, dass dann womöglich die ganze Lebenskonstruktion zusammenbricht.
Hast du dich selbst auch ein wenig als ein „deutsches Krokodil“ gefühlt?
Nein, gar nicht. Ich selber habe mich ja nur als „deutsch“ gefühlt und gar nicht als Krokodil.
Das Krokodil symbolisiert für dich die Angst, dein Anderssein könnte auffallen?
Ja.
Du bist vaterlos aufgewachsen und hast dich schon früh für Literatur interessiert – ich meine jetzt die Zeit nach dem Märklin-Katalog.
Ja, so mit dreizehn oder vierzehn Jahren begann diese Phase.
Wenn man „Das deutsche Krokodil“ liest, bekommt man das Gefühl, dass du das Leben wie ein Buch liest und analysierst. Meinst du, dass deine Liebe zur Literatur auch mit deiner Vaterlosigkeit zu tun hat? Dass du in der Literatur Erklärungen suchtest für deine „besondere Lebenssituation“?
Nein. Ganz sicher nicht, würde ich sagen. Also so sicher, wie man sich sein kann, wenn man über sich selbst Aussagen fällt. Da kann man sich nämlich in Wahrheit gar nicht sicher sein. Aber mir bleibt jetzt nichts anderes übrig, als auf der Basis meines Bewusstseins zu antworten. (Ijoma lacht.)
Und da würdest du sagen …
… nein, gar nicht. Wenn überhaupt, eher umgekehrt: Dass die Literatur, weil ich mich in besonderer Weise schon früh für so eine bestimmte, auch deutsche, bürgerliche Tradition der Hochkultur begeisterte, dass diese Kultur meinen Anspruch, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein, noch einmal in demonstrativer Weise unterstrich. Weil man jemandem, der das Erbe von Thomas Mann und Richard Wagner pflegt, ja schlecht die Zugangsberechtigung zur deutschen Gesellschaft absprechen kann. Aber dass ich in der Literatur nach vergleichbaren Geschichten gesucht hätte, die mit meiner mehr oder weniger ungewöhnlichen Lebenssituation mit einem abwesenden afrikanischen Vater zu tun haben, das glaube ich eher gar nicht, weil diese Lebenssituation wollte ich als Jugendlicher gar nicht thematisieren. Namentlich hat mich auch Afrika überhaupt nicht interessiert. Und das letzte Buch, das ich in diesem Alter aufgeschlagen hätte, wäre eines gewesen, wo Afrika irgendeine Rolle spielt.
Wir haben uns ja genau zu dieser Zeit kennengelernt, als du deinen Vater das erste Mal getroffen hast. Wir waren beide Studenten damals. Und du hattest nichts von diesem gravierenden Erlebnis des plötzlich aufgetauchten Vaters erzählt. Daher war ich jetzt ziemlich überrascht, davon in deiner Autobiographie zu lesen.
Ich wollte nicht als Kind eines afrikanischen Vaters wahrgenommen werden.
Aber wir anderen Studenten haben merkwürdigerweise das Afrikanische an dir auch überhaupt nicht wahrgenommen. Wie du das in deinem Buch beschreibst, hast du allerhand unternommen, um deine „afrikanische Seite“ zu überspielen, zu verdecken. Das ist dir gelungen. Uns aber fielen ganz andere Dinge an dir auf: deine Art zu sprechen und zu formulieren. Wir haben ja oftmals nicht verstanden, was du gesagt hast, weil es so schlau war. (Großes Gelächter.) Weil du so viel wusstest. Auch hattest du schon damals eine sehr elegante Art. Und natürlich haben wir über dich gesprochen; haben gerätselt, aus was für einem Elternhaus du wohl kommst? Diese Eleganz sprach natürlich für eine sehr feine Herkunft. Und wenn man nun dein Buch, „Das deutsche Krokodil“, liest, dann sieht man ja, dass wir nicht völlig falsch lagen: Du bist von afrikanischem Adel. Die Eleganz wurde dir quasi in die Wiege gelegt.
Aber nur genetisch! Dennoch fasziniert mich das auch. Ich bin meinem Vater so wahnsinnig ähnlich. Aber eben nicht nur physiognomisch, sondern auch in meiner Gestik und meinem Habitus. Von dem man ja normalerweise als aufgeklärter Europäer sagen würde, das vererbt sich nur durch Vorbild, durch Zuschauen, durch Sozialisierung und nicht qua Blut.
Ich glaube, das stimmt nicht.
Ich glaube auch nicht, dass das stimmt.
Aber noch einmal zurück zu deiner Verweigerung, deinen Vater kennenzulernen: Du wusstest, dass es ihn gibt. Du hattest keinen anderen Vater zur Verfügung. Und dennoch wolltest du partout nichts von ihm wissen. Das ist rätselhaft.
Ich kann nur sagen, wie es war: Warum sollte ich mich für jemanden interessieren, den es nicht gab?
Aber es gab ihn ja. Er war nur nicht da!
Ja, schon, aber das Interesse muss ja erst einmal geweckt werden. Und er war ja nie da gewesen. Ich konnte ihn ja noch nicht einmal vermissen. Vermissen kann man doch nur etwas, das man sich irgendwie vorstellen kann. Vielmehr empfand ich als Kind diesen Vater als Schwachstelle. Meine Mutter war alleinerziehend, finanziell stand uns das Wasser immer bis zum Hals, und da hatte ich dann schon immer mal wieder diese giftigen, vorwurfsvollen Gedanken gegen meine Mutter: Wenn du nicht immer alles anders machen würdest als alle anderen Mütter, dann hättest du auch einen ganz normalen deutschen Mann! Und ich hätte nicht so einen abwesenden afrikanischen Vater, und dann würde es uns finanziell auch besser gehen.
Deine Wünsche richteten sich nicht in Richtung eines Vaters, sondern …
… ich wollte vor allem ein voll gültiges Leben als Deutscher in Deutschland führen. Und unter diesem Gesichtspunkt erschien mir mein Vater eher als eine Bedrohung. Denn ich dachte, wenn der auftauchen würde, dann würde der mich exotisieren. Dann würde plötzlich klar sein, dass ich zur Hälfte doch gar nicht deutsch bin, sondern nigerianisch. Aber ich wollte partout nicht nigerianisch sein, weil mich mit dem Land gar nichts verband. Ich hoffte einfach nur, hier meinen Weg gehen zu können. Und ich hatte eher umgekehrt die Sorge: Hoffentlich meldet der sich nicht, sonst ist es mit meinem deutschen Leben möglicherweise vorbei.
Es war natürlich auch eine andere Zeit.
Ja, das waren die 70er und 80er Jahre. Heute ist es völlig selbstverständlich, dass wir alle auf drei Hochzeiten tanzen. Also man schämt sich ja schon fast, wenn man hundertprozentig biodeutsche Kinder hat. Da muss ja immer wenigstens die Mutter Argentinierin sein und deren Mutter wiederum Italienerin, damit man drei Kulturen vereinen kann. Und dann fliegt man Ostern zu der einen Familie, Weihnachten zur anderen und hat sein Ferienhaus im dritten Land und so weiter – das war damals wirklich nicht so. Die Vorstellung, dass multioptional oder multiidentitär oder multikulturell selbstverständliche Lebensformen sind, das gibt’s noch nicht so lange. – Früher gab’s ja auch diese Loyalitätsfrage, welche noch sehr lange das Argument gegen die doppelte Staatsbürgerschaft war.
Man könne nicht zwei Ländern gegenüber loyal sein …
… da hat sich unser Denken glücklicherweise komplett verändert. Meine Furcht als „ungewöhnlicher“ Deutscher aufzufliegen, war das eine damals. Das andere war die Tatsache, dass es im Heidelberg meiner Jugend schlicht keine Vorbilder gab, an denen ich mich hätte orientieren können. In dem Sinne, dass ich hätte sagen können: Ich bin nicht weniger deutsch, nur weil es auch noch eine afrikanische Seite gibt. Die Frage stellte sich nun aber auch nicht, weil mein Vater einfach gar nicht da war und es noch nicht einmal Briefkontakt gab. Sowie er auftauchte, das war im Jahre 1992, war es ja nun auch nicht so, dass ich mich verweigert hätte. Allenfalls innerlich. Aber äußerlich habe ich ja sehr vieles getan, von dem, was das neue Land Nigeria von mir wollte.
Aber du bist kein Häuptling geworden. Das war ja das, was dein Vater sich wünschte: Du solltest seine Position als Stammesführer einnehmen, er wollte dich nach Nigeria holen. – Das ist etwas, das ich nicht verstehe: Für einen, der Geschichten liebt, ist das doch die beste und unglaublichste Geschichte schlechthin! Warum hast du dir diese Häuptlingsgeschichte für dein Leben entgehen lassen? Warum hast du nicht gesagt, dieser Vorschlag, mich zum Stammeshäuptling zu machen, der ist so verrückt, das muss ich machen?
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