Ijoma Mangold im Interview über „Das deutsche Krokodil“ | BUCHSZENE

Home >> Magazin >> Interviews >>

Ijoma Mangold im Interview – über Väter, Ängste, Literatur und sein Buch „Das deutsche Krokodil“

Ijoma Mangold

© Sebastian Hänel

BUCHSZENE-Faktor:

Romantik

Komik


Weisheit


Gänsehaut


Unterhaltung


1. Januar 2018 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 14 Minuten


Ijoma Mangold und Jörg Steinleitner kennen sich seit ihrer Studienzeit. Entsprechend persönlich gerät ihr mal heiteres, mal ernstes Gespräch über Mangolds Bestseller: „Das deutsche Krokodil“.


Ijoma, dein Buch, in dem du deine Geschichte erzählst, heißt „Das deutsche Krokodil“. Welche Geschichte, welche Gedanken verbergen sich hinter diesem Titel?

Ich war als Kind ein großer Eisenbahnfan und mein Lieblingsbuch war der Märklin-Katalog. Darin war eine Lokomotive mit dem Namen „Schweizer Krokodil“ abgebildet. Von dieser sehr, sehr langen Güterlokomotive träumte ich. Aber ich wusste, dass es dreist gewesen wäre, sich diese teure Lokomotive zu wünschen. Es gibt dieses Modell aber auch in einer etwas kürzeren, immer noch eindrucksvollen Ausführung, Baureihe 194 von der Deutschen Bahn, das ist das sogenannte „Deutsche Krokodil“. Das „Deutsche Krokodil“ war ein bisschen preiswerter und so habe ich es gewagt, es auf meinen Wunschzettel zu schreiben. Und meine Mutter schenkte es mir tatsächlich. Das ist aber eigentlich nur der Grund, warum ich diesen Begriff „deutsches Krokodil“ im Hinterkopf hatte, als ich über einen Titel für mein Buch nachdachte.

Die eigentliche Geschichte ist also eine völlig andere?

Ja, und die hatte mit einer Sorge zu tun, die mich zwischen meinem fünften und achten Lebensjahr bewegte: Ob das mal gut geht, dachte ich mir, dass ich so anders aussehe als alle anderen? Dass ich so einen anderen Vornamen habe, über den jeder erst einmal stolpert, der mich kennenlernt? Mein Gefühl war: Ich habe eine alleinerziehende Mutter, die sehr unkonventionell ist; ich habe einen afrikanischen Vater, der nicht anwesend ist. Und wenn mich jemand nach ihm fragte, konnte ich auch keine glaubwürdige Geschichte erzählen, sondern eigentlich nur eine, die für mich selber mit Scham besetzt war. Denn ein afrikanischer Erzeuger, der sich aus dem Staub macht, erfüllt eines der hässlichsten Klischees über afrikanische Sexualität oder Virilität. Und als Kind hätte ich natürlich gerne bürgerliche, klare Verhältnisse gehabt – obwohl ich von meiner Mutter wusste, dass ich einen tollen Vater habe und sie auch immer wollte, dass ich ein positives Vaterbild habe.

Aber wie kommt da jetzt das Krokodil ins Spiel?

Nun, irgendwann stellte ich fest, dass eigentlich alles ganz gut funktioniert: Ich werde nicht ausgegrenzt, die Menschen freuen sich an meiner Existenz und nehmen mich eigentlich auch gar nicht als so fremd wahr. Der abwesende Vater und das Land Afrika, für das er steht, fallen den Leuten gar nicht so auf. Das einzige allerdings in dieser Situation aufkommender Entspanntheit und Gelassenheit, das einzige, was mir dann weiterhin Sorgen machte, war die Tatsache, dass auf dem Fenstersims in unserem Wohnzimmer ein aus schwarzem Ebenholz geschnitztes Krokodil stand.

Ein Geschenk deines Vaters?

Nein! Das hatte noch nicht einmal irgendetwas mit meinem Vater zu tun – meine Mutter hatte es von einer Freundin geschenkt bekommen, die in der Entwicklungshilfe arbeitete. Aber dieses Krokodil hätte ich da lieber nicht gesehen. Weil mir vollkommen klar war, dass, wenn jetzt meine Freunde kommen und das Krokodil sehen, dann assoziieren sie sofort: Ah, das Krokodil ist ein afrikanisches Tier. Ah, das Holz, aus dem es geschnitzt ist, ist schwarzes, afrikanisches Holz. Ich befürchtete, meinen Freunden könnte plötzlich aufgehen, was sie bisher übersehen hatten: Dass unser Haushalt in einem besonderen Verhältnis zu Afrika steht. Und die Thematisierung dieser Herkunft wollte ich ja nun lieber vermeiden, weil ich dachte, dass dann womöglich die ganze Lebenskonstruktion zusammenbricht.

Hast du dich selbst auch ein wenig als ein „deutsches Krokodil“ gefühlt?

Nein, gar nicht. Ich selber habe mich ja nur als „deutsch“ gefühlt und gar nicht als Krokodil.

Das Krokodil symbolisiert für dich die Angst, dein Anderssein könnte auffallen?

Ja.

Du bist vaterlos aufgewachsen und hast dich schon früh für Literatur interessiert – ich meine jetzt die Zeit nach dem Märklin-Katalog.

Ja, so mit dreizehn oder vierzehn Jahren begann diese Phase.

Wenn man „Das deutsche Krokodil“ liest, bekommt man das Gefühl, dass du das Leben wie ein Buch liest und analysierst. Meinst du, dass deine Liebe zur Literatur auch mit deiner Vaterlosigkeit zu tun hat? Dass du in der Literatur Erklärungen suchtest für deine „besondere Lebenssituation“?

Nein. Ganz sicher nicht, würde ich sagen. Also so sicher, wie man sich sein kann, wenn man über sich selbst Aussagen fällt. Da kann man sich nämlich in Wahrheit gar nicht sicher sein. Aber mir bleibt jetzt nichts anderes übrig, als auf der Basis meines Bewusstseins zu antworten. (Ijoma lacht.)

Und da würdest du sagen …

… nein, gar nicht. Wenn überhaupt, eher umgekehrt: Dass die Literatur, weil ich mich in besonderer Weise schon früh für so eine bestimmte, auch deutsche, bürgerliche Tradition der Hochkultur begeisterte, dass diese Kultur meinen Anspruch, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein, noch einmal in demonstrativer Weise unterstrich. Weil man jemandem, der das Erbe von Thomas Mann und Richard Wagner pflegt, ja schlecht die Zugangsberechtigung zur deutschen Gesellschaft absprechen kann. Aber dass ich in der Literatur nach vergleichbaren Geschichten gesucht hätte, die mit meiner mehr oder weniger ungewöhnlichen Lebenssituation mit einem abwesenden afrikanischen Vater zu tun haben, das glaube ich eher gar nicht, weil diese Lebenssituation wollte ich als Jugendlicher gar nicht thematisieren. Namentlich hat mich auch Afrika überhaupt nicht interessiert. Und das letzte Buch, das ich in diesem Alter aufgeschlagen hätte, wäre eines gewesen, wo Afrika irgendeine Rolle spielt.

Wir haben uns ja genau zu dieser Zeit kennengelernt, als du deinen Vater das erste Mal getroffen hast. Wir waren beide Studenten damals. Und du hattest nichts von diesem gravierenden Erlebnis des plötzlich aufgetauchten Vaters erzählt. Daher war ich jetzt ziemlich überrascht, davon in deiner Autobiographie zu lesen.

Ich wollte nicht als Kind eines afrikanischen Vaters wahrgenommen werden.

Aber wir anderen Studenten haben merkwürdigerweise das Afrikanische an dir auch überhaupt nicht wahrgenommen. Wie du das in deinem Buch beschreibst, hast du allerhand unternommen, um deine „afrikanische Seite“ zu überspielen, zu verdecken. Das ist dir gelungen. Uns aber fielen ganz andere Dinge an dir auf: deine Art zu sprechen und zu formulieren. Wir haben ja oftmals nicht verstanden, was du gesagt hast, weil es so schlau war. (Großes Gelächter.) Weil du so viel wusstest. Auch hattest du schon damals eine sehr elegante Art. Und natürlich haben wir über dich gesprochen; haben gerätselt, aus was für einem Elternhaus du wohl kommst? Diese Eleganz sprach natürlich für eine sehr feine Herkunft. Und wenn man nun dein Buch, „Das deutsche Krokodil“, liest, dann sieht man ja, dass wir nicht völlig falsch lagen: Du bist von afrikanischem Adel. Die Eleganz wurde dir quasi in die Wiege gelegt.

Aber nur genetisch! Dennoch fasziniert mich das auch. Ich bin meinem Vater so wahnsinnig ähnlich. Aber eben nicht nur physiognomisch, sondern auch in meiner Gestik und meinem Habitus. Von dem man ja normalerweise als aufgeklärter Europäer sagen würde, das vererbt sich nur durch Vorbild, durch Zuschauen, durch Sozialisierung und nicht qua Blut.

Ich glaube, das stimmt nicht.

Ich glaube auch nicht, dass das stimmt.

Aber noch einmal zurück zu deiner Verweigerung, deinen Vater kennenzulernen: Du wusstest, dass es ihn gibt. Du hattest keinen anderen Vater zur Verfügung. Und dennoch wolltest du partout nichts von ihm wissen. Das ist rätselhaft.

Ich kann nur sagen, wie es war: Warum sollte ich mich für jemanden interessieren, den es nicht gab?

Aber es gab ihn ja. Er war nur nicht da!

Ja, schon, aber das Interesse muss ja erst einmal geweckt werden. Und er war ja nie da gewesen. Ich konnte ihn ja noch nicht einmal vermissen. Vermissen kann man doch nur etwas, das man sich irgendwie vorstellen kann. Vielmehr empfand ich als Kind diesen Vater als Schwachstelle. Meine Mutter war alleinerziehend, finanziell stand uns das Wasser immer bis zum Hals, und da hatte ich dann schon immer mal wieder diese giftigen, vorwurfsvollen Gedanken gegen meine Mutter: Wenn du nicht immer alles anders machen würdest als alle anderen Mütter, dann hättest du auch einen ganz normalen deutschen Mann! Und ich hätte nicht so einen abwesenden afrikanischen Vater, und dann würde es uns finanziell auch besser gehen.

Deine Wünsche richteten sich nicht in Richtung eines Vaters, sondern …

… ich wollte vor allem ein voll gültiges Leben als Deutscher in Deutschland führen. Und unter diesem Gesichtspunkt erschien mir mein Vater eher als eine Bedrohung. Denn ich dachte, wenn der auftauchen würde, dann würde der mich exotisieren. Dann würde plötzlich klar sein, dass ich zur Hälfte doch gar nicht deutsch bin, sondern nigerianisch. Aber ich wollte partout nicht nigerianisch sein, weil mich mit dem Land gar nichts verband. Ich hoffte einfach nur, hier meinen Weg gehen zu können. Und ich hatte eher umgekehrt die Sorge: Hoffentlich meldet der sich nicht, sonst ist es mit meinem deutschen Leben möglicherweise vorbei.

Es war natürlich auch eine andere Zeit.

Ja, das waren die 70er und 80er Jahre. Heute ist es völlig selbstverständlich, dass wir alle auf drei Hochzeiten tanzen. Also man schämt sich ja schon fast, wenn man hundertprozentig biodeutsche Kinder hat. Da muss ja immer wenigstens die Mutter Argentinierin sein und deren Mutter wiederum Italienerin, damit man drei Kulturen vereinen kann. Und dann fliegt man Ostern zu der einen Familie, Weihnachten zur anderen und hat sein Ferienhaus im dritten Land und so weiter – das war damals wirklich nicht so. Die Vorstellung, dass multioptional oder multiidentitär oder multikulturell selbstverständliche Lebensformen sind, das gibt’s noch nicht so lange. – Früher gab’s ja auch diese Loyalitätsfrage, welche noch sehr lange das Argument gegen die doppelte Staatsbürgerschaft war.

Man könne nicht zwei Ländern gegenüber loyal sein …

… da hat sich unser Denken glücklicherweise komplett verändert. Meine Furcht als „ungewöhnlicher“ Deutscher aufzufliegen, war das eine damals. Das andere war die Tatsache, dass es im Heidelberg meiner Jugend schlicht keine Vorbilder gab, an denen ich mich hätte orientieren können. In dem Sinne, dass ich hätte sagen können: Ich bin nicht weniger deutsch, nur weil es auch noch eine afrikanische Seite gibt. Die Frage stellte sich nun aber auch nicht, weil mein Vater einfach gar nicht da war und es noch nicht einmal Briefkontakt gab. Sowie er auftauchte, das war im Jahre 1992, war es ja nun auch nicht so, dass ich mich verweigert hätte. Allenfalls innerlich. Aber äußerlich habe ich ja sehr vieles getan, von dem, was das neue Land Nigeria von mir wollte.

Aber du bist kein Häuptling geworden. Das war ja das, was dein Vater sich wünschte: Du solltest seine Position als Stammesführer einnehmen, er wollte dich nach Nigeria holen. – Das ist etwas, das ich nicht verstehe: Für einen, der Geschichten liebt, ist das doch die beste und unglaublichste Geschichte schlechthin! Warum hast du dir diese Häuptlingsgeschichte für dein Leben entgehen lassen? Warum hast du nicht gesagt, dieser Vorschlag, mich zum Stammeshäuptling zu machen, der ist so verrückt, das muss ich machen?

Heute würde ich es vielleicht so sehen. Aber damals hatte das für mich gar nichts Spielerisches. Ich hatte schon eher das Gefühl: Mein Vater und seine Familie – die hinreißend sind, auch in der Masse an Liebe, die sie mir entgegenbrachten und -bringen – die greifen schon so stark nach mir, dass ich mich an Deutschland klammern muss, damit die mich nicht komplett nach Nigeria transferieren. Und mein Vater wollte immer etwas, das dazu führte, dass mein Lebensmittelpunkt nach Nigeria verlagert würde: Er wollte mir sein Krankenhaus überschreiben, er wollte mir die nigerianische Staatsbürgerschaft andienen, mich mit einer Nigerianerin verheiraten – natürlich musste ich da immer auf die Bremse treten, immer sagen: Nein, nein, nein! Deswegen war das für mich auch keine Option zu sagen, mit meinem Spielbein bin ich jetzt mal afrikanischer Häuptling. Ich hatte einfach die Sorge, die lassen mich nicht mehr weg.

Wie schade das ist! Letztlich liest sich das ja fast wie ein Märchen: Ein junger Mann weiß von seinem Vater, kennt ihn aber nicht. Eines Tages begegnet er ihm und es stellt sich heraus, er ist ein nigerianischer Adeliger!

So kann man das sehen. Komisch dabei ist, dass ich völlig unabhängig von meinem „adeligen“ Vater recht früh – das lag vor allem auch an meiner begeisterten Proust-Lektüre – selber so eine Adelsverehrung übernommen hatte.

Du bist nach dem Studium nach Berlin gegangen für vier Jahre. Als wir uns einmal trafen, erzähltest du, dass es manche Ecken in Brandenburg gäbe, in denen du dich nicht sicher fühlst. Das war in den 90er Jahren. Hat sich diesbezüglich etwas verändert in Deutschland?

Ja. Und ehrlich gesagt, kann ich mich an solche Gefühle auch gar nicht erinnern. Deutschland ist seither viel heterogener geworden. Und … ich weiß nicht, ob ich das in meinem Buch erzähle, aber … ich messe es immer gerne daran, dass irgendwann Mitte der 90er oder späte 90er Jahre etwas aufhörte, woran ich total gewöhnt war: Nämlich, dass kleine Kinder, die im Kinderwagen umhergeschoben werden, mich anstarren, wenn sie mich sehen. Das kommt nicht mehr vor. Das ist für mich ein toller Lackmustest. Denn die Kinder denken sich ja gar nichts dabei, wenn sie starren. Weder etwas Rassistisches noch sonst irgendwas. Sondern einfach nur: Ah, ist da irgendwas Auffälliges oder nicht? Und für einen Dreijährigen im Kinderwagen war ich so, wie ich aussehe, bis 1997 so auffällig, dass sie da irgendwie hinschauten. Und das hörte dann auf. Heute schaut mich kein Kind mehr an.

Du trägst heute deine Haare anders als früher, sie sind länger, man sieht deine Locken. Hat das mit deinem Nachdenken über dich und deine afrikanische Herkunft zu tun oder hast du einfach gemerkt, dass du so cooler aussiehst?

Das ist tatsächlich der einzige Grund. (Großes Gelächter.) Nee, die Leute deuten das immer gerne als größere Versöhnung mit meiner Herkunftswelt, aber ich muss gestehen: Es war nicht meine Entscheidung, sondern es war meine damalige Freundin, die auf die Idee kam und diese Idee auch umsetzte.

Du hast ihr vertraut.

Ich habe ihr vertraut und sah dann gleich, dass das enormen Erfolg hat und auch immer eindeutig von allen erlebt wird mit Erleichterung, im Sinne von: „Ah, endlich lässt er diese Seite auch zu.“

Erleichterung?

Ja, die Umwelt interpretiert ja immer gerne alles psychologisch. Ich selber habe ja so eine gewisse Antipathie gegen das Psychologische – meine Mutter, die ich sehr liebte, war Kinderpsychotherapeutin … Aber ja, es stimmt, als Sechzehnjähriger wäre ich so nicht herumgelaufen wie heute. Dazu fehlte mir aber auch jedes Role Model.

Es gibt heute viel mehr Leute mit lockigen Haaren und dunklerem Teint, die Vorbilder sind.

Genau, ich wäre damals gar nicht auf die Idee gekommen, dass man das mit den Haaren so machen könnte – und wie das dann aussähe … Wenn du dich als junger Mensch für eine Frisur entscheidest, dann … Ich meine, ich erzähle das ja auch in dem Buch: Ich hatte eine Weile lang den Wunsch, die Frisur von Udo Lindenberg zu haben, weil ich sein Fan war. Ich mit meinem krausen Haar! Aber als ich zwanzig war, gab es für mich kein Vorbild, das ein intellektuelles Leben führte und afrikanisches krauses Haar hatte, und dieses Haar in einer bestimmten Form kultivierte. So jemanden, bei dem ich hätte sagen können: Der ist toll, der beschäftigt sich auch mit Philosophie, dessen Stil will ich imitieren. Das hatte ich nicht. Und interessanterweise hatte meine damalige Freundin, die meine neue Frisur durchsetzte, gleich ein Role Model für mich. Man kann ja nicht einfach so sagen: „Jetzt lass mal wachsen“, sondern sie sagte: „Du siehst dann aus wie Basquiat, der Freund von Andy Warhol.“ Und dann hat sie mir den gegoogelt, und dann habe ich mir gedacht, der sieht ja wirklich nicht schlecht aus. „Und du meinst, so sieht das dann bei mir auch aus?“, habe ich sie gefragt. Und sie meinte: „Ja logisch!“

Du hättest es also leichter gehabt, wenn es für dich als Kind Vorbilder gegeben hätte. Das heißt, man müsste dafür sorgen, dass Kinder möglichst viele verschiedene Vorbilder zur Auswahl haben, denn umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das jeweilige Kind ein Vorbild findet, das zu ihm passt und das es stark machen kann. Woraufhin das Kind sagen kann: Da will ich hin!

Politiker sagen ja gerne solche Sätze wie: „Kinder brauchen Vorbilder.“ Und ich dachte mir früher immer: Das ist die langweiligste Phrase, die man sich nur denken kann. Und je jünger man ist, umso mehr ist man ja auch von der eigenen Individualität überzeugt. Das heißt, überzeugt davon, dass das alles auf eigenem Mist gewachsen ist, aber in Wahrheit läuft alles, glaube ich, über Vorbilder. Und zwar über solch verborgene Ecken, dass man es selber gar nicht merkt. Aber je älter ich werde, umso mehr merke ich, wie wichtig es ist, dass einem selber mal einer etwas vorführt. Dann wandelt man es sich an und dann verwandelt es sich und schließlich wird es zu etwas Eigenem. Ich glaube schon, dass wahnsinnig viel über Vorbilder läuft.

Das meinte ich auch mit meiner Frage vom Anfang unseres Gesprächs: Für mich waren Bücher immer eine Option, Möglichkeiten des Lebens durchzuspielen. Ich habe die Sachen gelesen, ich habe mich in die Helden hineinversetzt, und habe geguckt, wie machen die das? Und ich würde sagen, dass ich mir dadurch extrem viele Erfahrungen im realen Leben erspart habe, weil ich sie einfach in der Literatur schon erleben konnte.

Dem kann ich zustimmen. Das geht mir genauso.

Was auffällt: Es gibt einige Themenbereiche, die du aussparst in deiner Autobiographie. Du schreibst nichts über die Liebe, nichts über deine Studentenzeit und auch nichts über die Anfänge deiner Karriere als Literaturkritiker. Warum?

Na ja, ich wollte auf keinen Fall so eine Autobiographie im klassischen Sinne schreiben; so ein Buch, das alte Staatsmänner verfassen; eines, das die Leute lesen, weil der Verfasser bedeutend ist. Mir ging es darum zu erzählen wie es ist, in Deutschland als jemand aufzuwachsen, der anders aussieht und einen abwesenden afrikanischen Vater hat.
Und warum musste die Liebe draußen bleiben?

Die Liebe ist schon ein Thema, das mich interessieren könnte. Aber das kann man eigentlich nur als Roman machen, das würde mir sonst doch zu persönlich. Und was meine Studentenzeit angeht – das hätte, glaube ich, zu weit vom Thema weggeführt. Da gäbe es natürlich schon auch was zu erzählen. Ich meine, München war in den 90er Jahren ja schon sehr von Distinktion geprägt. Die Luft war dünn hier. Überall standen Türsteher. Man wurde ausgegrenzt. Zum Glück ist das heute ganz anders geworden. Aber das ist ein anderes Thema und hätte den Umfang des Buchs gesprengt.

Wieviel Fiktion steckt in „Das deutsche Krokodil“?

Keine, über die ich Rechenschaft ablegen könnte. Soweit ich es aus meiner subjektiven Perspektive beurteilen kann, ist alles wahr, was ich schreibe.

Im Epilog nimmst du Bezug auf das Lied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“, deren Fremdheit und Gesang die Polizei herbeiruft. „Es stellt sich dann schnell heraus“, schreibst du, „dass es nur drei Chinesen mit einem Kontrabass sind, die sich was erzählen“. Mir ist nicht ganz klar, was dieser Schluss bedeuten soll.

Das ist witzig, auf den Epilog wurde ich noch nie angesprochen. Ich möchte seine Bedeutung aber auch gar nicht gerne auflösen, ich kenne sie vielleicht gar nicht …

Man könnte den Epilog so lesen, dass du damit deine Erzählung ein wenig relativierst, ihr die Schwere nimmst. Im Sinne von: So, jetzt habe ich euch ganz schön viel erzählt – so viel, dass ihr wegen all der Fremdheit beinahe die Polizei gerufen hättet. Aber dafür gibt es gar keinen Grund, denn es ist doch eigentlich nur eine Geschichte …

Dieser Deutung würde ich mich nicht vollkommen verschließen.

Ijoma Mangold

Geboren 1971 in Heidelberg, studierte Ijoma Mangold Literaturwissenschaft und Philosophie in München und Bologna. Nach Stationen bei der Berliner Zeitung und der Süddeutschen Zeitung wechselte er 2009 zur Wochenzeitung „Die…
Zur Biografie von Ijoma Mangold

Share this post:
Ijoma Mangold

Geboren 1971 in Heidelberg, studierte Ijoma Mangold Literaturwissenschaft und Philosophie in München und Bologna. Nach Stationen bei der Berliner Zeitung und der Süddeutschen Zeitung wechselte er 2009 zur Wochenzeitung „Die…
Zur Biografie von Ijoma Mangold

Share this post:
Mehr zur Rubrik
Eine mysteriöse Tatserie erschüttert München
Jörg Steinleitner im Interview über seinen Krimi „Blutige Beichte – Der LKA-Präsident ermittelt“
Jörg Steinleitner

Interviews | 14. Mai 2018 | Bernhard Berkmann

Ein Politikermord, eine Vergewaltigung und ein Einbruch. Und stets derselbe genetische Fingerabdruck. Passt das zusammen? Steinleitners „Blutige Beichte“ entstand in enger Zusammenarbeit mit dem LKA.

Kluftingers geheime Rekorde – enthüllt von Klüpfel & Kobr
Michael Kobr und Volker Klüpfel im Interview (Teil 2) – über das Kluftinger-Jubiläum und ihr neues Hörbuch
Klüpfel Kobr Kluftinger Band 10

Hörbücher Interviews | 11. Mai 2018 | Jörg Steinleitner

In welchem Kluftinger gibt’s die besten Kässpatzen? Welcher ist der lustigste? Und welcher der most sexiest? Lesen Sie den zweiten Teil des großen Jubiläums-Interviews zu Band 10 mit Klüpfel & Kobr!

Die Mafia der Meere – Wolfram Fleischhauers neues Werk
Schriftsteller Wolfram Fleischhauer über seinen neuen, weltumspannenden Roman „Das Meer“
Wolfram Fleischhauer

Interviews Wolfram Fleischhauer Spezial | 26. April 2018 | Jörg Steinleitner

Im Interview gewährt Wolfram Fleischhauer tiefe Einblicke in seine Arbeit: Wie er recherchiert, warum ein Roman moralisch sein muss und inwiefern sich in unseren Kühlschränken ein Horrorszenario aufbaut.

Lust auf Berliner Horror? – Tobias O. Meißners Hiob
Tobias O. Meißner im Interview – über Horror und seinen Roman „Hiobs Spiel 4 – Weltmeister“
Hiobs Spiel

Interviews | 22. April 2018 | Jörg Steinleitner

Tobias O. Meißners „Hiobs Spiel 4 – Weltmeister“ ist ein kreatives, mitunter schockierendes Stück Horrorliteratur. Der Autor des schön gestalteten Bands erklärt im Interview wie alles mit Hiob kam.

Nach oben Zurück zur Übersicht

Mit der Nutzung von BUCHSZENE.DE erklären Sie sich damit einverstanden, dass unser Internetauftritt und unsere Tools/Plugins Cookies zu Zwecken wie der Personalisierung von Inhalten und für Werbung einsetzen. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.