Anna Todd: „Spring Girls“. Buchkritik | BUCHSZENE

Vier sehr unterschiedliche Schwestern werden erwachsen. Davon erzählt Anna Todds „Spring Girls“. BUCHSZENE.DE-Kritikerin Stephanie Pointner ist mit der Adaption des Literaturklassikers nicht ganz glücklich.

Anna Todds „Spring Girls” ist inspiriert von Louisa May Alcotts „Betty und ihre Schwestern“

3. April 2020 | Stephanie Pointner

Titelbild Spring Girls

©Chuck Wagner shutterstock-ID 253885210

Das Vorbild für Anna Todds Roman heißt „Betty und ihre Schwestern“

Der Roman „Betty und ihre Schwestern“, im englischen Original „Little Women“, zählt seit seinem Erscheinen in den Jahren 1868 und 1869 zu den Klassikern der amerikanischen Literaturgeschichte und wird bis heute noch gerne gekauft und gelesen. Die Grundthematik der in zwei Teilen erschienenen Geschichte ist zeitlos und daher hat die Autorin Anna Todd den Versuch gewagt, diesen Klassiker neu zu erzählen und für die heutige Zeit zu adaptieren.

Im Zentrum stehen vier sehr unterschiedliche Schwestern

Im Zentrum der Geschichte stehen die vier in New Orleans lebenden Schwestern Meg, Jo, Beth und Amy Spring, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Meg ist die älteste und träumt davon, dass ihr Partner sie heiratet, obwohl sie noch Gefühle für ihren Exfreund hat. Umso härter trifft es sie, als ihr Exfreund sich verlobt und dennoch Kontakt zu Meg sucht. Jo interessiert sich nur für ihre journalistische Tätigkeit und setzt alles daran die Aufnahme für ein New Yorker College zu schaffen. Doch eines Tages zieht ein Junge in ihrem Alter in das Nachbarhaus und stellt Jos Pläne auf den Kopf. Die dritte Schwester, Beth, ist eine Außenseiterin ohne Freundeskreis. Sie wirkt sehr schüchtern und zurückgezogen und ist die gute Seele im Hause Spring, da sie die gesamte Haushaltsführung übernimmt. Amy, das Nesthäkchen, will so sein wie Meg, beginnt sich zu schminken und über Jungs zu reden. Doch sie muss schnell feststellen, dass das Erwachsenwerden nicht so einfach ist.  

Der Vater stationiert im Irak, die Mutter dem Alkohol verfallen

Trotz der verschiedenen Charakterzüge und Zukunftspläne haben alle Schwestern die gleichen Sorgen: Der Vater ist im Irak stationiert und wird schwer verwundet, die Mutter greift aus Sorge um den Vater immer öfter zum Alkohol und vernachlässigt dabei die Wünsche und Sorgen ihrer Töchter und zudem plagen die Familie finanzielle Engpässe. Des Weiteren gibt es zahlreiche Intrigen, Mobbing und falsche Freunde, die den Schwestern stark zusetzen und deren Zusammenhalt fordern.

Das intrigante Nesthäkchen Amy ist die facettenreichste Figur

Die Handlung von „Spring Girls“ (Heyne Verlag) ist unaufgeregt, lässt sich aber trotz einiger Längen relativ flüssig lesen. Anna Todds Kapitel kreisen um Meg und Jo und zum Ende der Geschichte auch um Beth. Ich finde es sehr schade, dass es keine Kapitel aus Amys Perspektive gibt. Das Nesthäkchen ist meiner Meinung nach die interessanteste und facettenreichste Figur des Romans, ihre Erlebnisse hätten viel Potenzial gehabt, etwa die erste Periode oder der erste Kuss. Zudem ist Amy manipulativ und intrigant, aber dies findet nur kurz Erwähnung in den Kapiteln rund um die anderen Schwestern. Dadurch verschenkt Anna Todd Möglichkeiten. Beth hingegen ist zu perfekt. Sie hat weder Wünsche noch Ängste oder Sorgen und beugt sich immer der Allgemeinheit, ohne ihre eigenen Bedürfnisse zu äußern. Ich war von ihr schnell genervt, da sie nichts zur Handlung beiträgt, aber dennoch viel Platz einnimmt.

Der verzweifelte Versuch, moderne Elemente einfließen zu lassen

Beim Lesen hatte ich regelmäßig den Eindruck, dass Anna Todd sehr gewollt, beinahe schon verzweifelt, versucht moderne Elemente in die Handlung einfließen zu lassen. So werden viele aktuelle Filme, Musiker, Streamingdienste und die Nutzung von Handys, Laptops und Internet erwähnt, ohne dass dies für die Handlung relevant wäre.

Die Protagonisten wirken blass, sie berühren nicht

Obwohl die jeweiligen Kapitel rund um eine bestimmte Schwester geschrieben sind und es zahlreiche Intrigen und emotionale Geschehnisse gibt, bleiben die Protagonisten doch blass und unauthentisch. Sie berühren einen nicht. Dies liegt vermutlich daran, dass die Kapitel sehr kurz sind und damit die Perspektive permanent wechselt, oft sogar innerhalb einer Szene. Zudem legt Anna Todd das Augenmerk zu stark auf die Liebesbeziehungen von Meg und Jo, wodurch andere Sorgen, wie jene um den im Krieg verwundeten Vater, kaum Platz finden.

Die Darstellung der Distanz zur Mutter ist gelungen

Zahlreiche Intrigen und Mobbing werden ebenfalls immer wieder angeschnitten und binnen weniger Seiten, oftmals sogar Zeilen, heruntergebrochen. Obwohl es sich bei den Schwestern um pubertierende Jugendliche, bzw. junge Erwachsene handelt, wirken sie sehr reflektiert und vergeben jeden Fehltritt sofort. Das ist ein wenig unglaubwürdig. Sehr gut hingegen gefällt mir die Distanz zur Mutter. Diese wird selten als Mutter bezeichnet, sondern auch in den Gesprächen der Schwestern immer beim Vornamen genannt. Hier gelingt es Anna Todd, die fehlende mütterliche Präsenz und das aufgrund des Alkoholmissbrauchs schwierige Mutter-Tochter-Verhältnis treffend darzustellen. Alles in allem ist diese Neuadaption des guten alten Klassikers meiner Meinung nach zu langatmig, emotionslos und gezwungen. Ich empfehle daher interessierten Leser*innen zu Louisa May Alcotts Original zu greifen.

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