Er erfand eigens eine Sprache für seinen Fantasyroman „Serera – Die zwei Welten“. Phantastikautor Bruno Hof im Interview über die von ihm erfundenen Bestien, Magier – und das sagenumwobene „Buch der Hüter“.

Bruno Hof im Interview zu seinem Debütroman Serera – Die zwei Welten

19. November 2021 | Interview: Jörg Steinleitner

Serera

Herr Hof, Ihr Roman „Serera – Die zwei Welten“ kreist um geheimnisvolle Tore sowie einen bedeutsamen Schlüssel. Das müssen Sie erklären.

Die Tore sind die Verbindung zwischen unserer Welt und der Parallelwelt Serera. Es gibt – so scheint es – drei Tore, wobei allen Eingeweihten nur von zweien die Orte, wo sie sich befinden, bekannt sind. Waren früher die Tore offen, um in unsere Welt aus Serera, der Quelle des Zaubers – Magie zu bringen – so sind sie heute verschlossen, um unsere Welt von dem Einen, dem großen Lebensfeind, fernzuhalten, der nach Serera verbannt wurde. Dem Einen oder dem Seelenlosen, der danach trachtet, alles Leben bei uns zu vernichten.

Je Tor existieren zwei Schlüssel, für jede Seite einer. Die gleichzeitige Benutzung der Schlüssel eines Tores öffnet das Tor und verbindet die Welten, was schreckliche Konsequenzen hätte. Benutzt man nur einen Schlüssel, öffnet sich das Tor nur kurz und man katapultiert sich auf die andere Seite – eine Reise ohne Wiederkehr, hat man den anderen Schlüssel des Tores nicht im Zugriff.

In ihrer Geschichte spielt das Thema Zeit eine große Rolle …

Unsere Welt ist rast- und ruhelos, sich permanent in scheinbar unkontrollierbarem Tempo nach vorne treibend. Die Zeit verläuft bei uns viel schneller als in Serera, das noch – in unseren Worten gesprochen – nach Werten lebt, dessen Wesen die Gemeinschaftlichkeit ist. Dieses Utopia genügt sich sozusagen selbst, gerät aber unter Druck – die Entwicklungen bei uns beeinflussen Serera, Sereras Wesen wird angegriffen. Denn der Eine speist seine Stärke durch all das, was bei uns schlecht ist; er wird mächtig, will Serera erobern, um dann mit seiner Armee in unsere Welt zu kommen und zu wüten.

Wer ist „der Eine“?

Der Eine oder der Seelenlose ist nicht einfach der Herr des Bösen, seine Natur ist komplexer. Am besten lese ich hierzu eine Passage des Romans vor, in der Albert zu Robin Folgendes sagt: „Dadurch, dass die Menschen sich zunehmend alles, was sie vorfanden, zu ihrem Zweck und Eigennutz unterwerfen wollten, wuchs die Kraft, alles zu zerstören, und fand Gestalt in dem Seelenlosen. Der Seelenlose entstand in unserer Welt, Robin; die Leere, die die Menschen unwillentlich schufen, bekam selbst einen Körper und einen Willen. Der Seelenlose ist traurig, dass es ihn gibt. Er will selber enden und kann dies nur, wenn alles Leben vernichtet ist, das ihm als sinnlos erscheint … Vielleicht zu Beginn noch ohne Verstand und Gefühl, dann selbst unter Qualen nachvollziehend, dass er wuchs und von der Welt gerufen wurde.“

Obgleich nicht klassisch Herr des Bösen, bedient sich der Eine jedoch des Bösen. Wesentliche üble Taten und Gedanken in unserer Welt werden zu Fleisch, aus dem der Eine sein Heer formt.

Auch die anderen Figuren, die Sie kreiert haben, sind facettenreich. Einer davon ist Robin Grimm. Was ist dieser Robin für ein Mensch?

Robin Grimm ist ein gewöhnlicher sechszehnjähriger Jugendlicher, unmotiviert, der nicht weiß, was er will, und gerne vor Problemen wegläuft. Wie so viele hat er wenig Selbstvertrauen und will keine Rolle spielen, auch nachdem er zufällig an einen der bedeutenden Schlüssel gelangt ist und – als er von einer Kreatur des Einen verfolgt wird – notgedrungen diesen Schlüssel benutzt und es ihn nach Serera verschlägt. Übrigens ist die Erzählung kein Jugendroman, auch wenn die Hauptfigur ein Jugendlicher ist.

Vor welcher Aufgabe steht Robin?

Aus seiner Sicht sollte er überhaupt keine Aufgabe haben. Doch die Ereignisse zwingen ihn zu handeln. In Serera wird er mit der Forderung konfrontiert, sich als Hüter des Schlüssels, den er bei sich trägt, anzusehen, Verantwortung zu übernehmen im heraufziehenden Krieg gegen den Einen und dessen Armee. Bei ihm gibt es natürlich eine Entwicklung, aber nicht geradlinig. Ich wollte, dass die Hauptfigur glaubwürdig in dieser ihrer Entwicklung bleibt; es sollte kein Mensch sein, der in eine andere Welt kommt, und – kaum ist er dort – wird er König, Anführer oder was auch immer.

Dann gibt es da noch Klara und Albert. Was hat es mit ihnen und ihrer Burg und dem Museum auf sich?

Auf jeder Seite der Tore gibt es Hüter, Menschen, die Tor und Schlüssel hüten, bestrebt, dass das Geheimnis geheim bleibt. Klara von Burg-Torheim ist eine Hüterin in unserer Welt; Albert, ihr Lebenspartner, ist eingeweiht und unterstützt sie. Sie ist Burgherrin und in der heutigen Zeit wird es immer schwieriger, das Geheimnis zu bewahren. In dem der Burg angeschlossenen Museum steht eines der Tore, recht unscheinbar …

Neben der Menschenwelt gibt es die Welt der phantastischen Kreaturen und Zauberer. Zu ihnen zählt zum Beispiel „die Hungrige“. Welcher Gattung Wesen ist sie zuzuordnen?

Der Eine hat viele Diener, die aus Fleischstücken, welche aus einem Gebirge ausgeworfen werden, geformt werden. Zu den wichtigsten Dienern gehören die Offiziere und die Späher. Die Sinne der Späher sind abgerichtet auf das Auffinden der Tore und die Jagd nach den Schlüsseln. Die Hungrige ist eine Späherin, die der Eine in unsere Welt geschickt hat, und die Klara von Burg-Torheim und Albert verfolgt, um für ihren Herrn den Schlüssel an sich zu reißen. In ihrer eigenen Gestalt sind die Späher hyänenähnliche Tiere; sie können aber Menschen erobern und deren Körper und Hirne in Gebrauch nehmen. Auch die Hungrige erobert einen Menschen zur Tarnung. In Serera selbst spielen im Verlauf der Handlung der Treiber und die Fängerin eine wichtige Rolle.

Und was hat es mit Magiern wie Magis, Prasis oder Peris auf sich? Welche Ziele verfolgen sie?

Die Magier gibt es schon seit Urzeiten. Früher in unserer Welt dafür sorgend, dass Zauber aus Serera in unsere Welt strömen konnte, und die Menschen beratend, distanzierten sie sich von den Menschen, als diese nur noch von Eigennutz getrieben wurden und die Gemeinschaftlichkeit verloren ging. Mit Menschen, die auf ihrer Seite standen, gingen sie zum Zeitpunkt der Verbannung des Einen nach Serera, um dort eine neue Welt aufzubauen, der Beginn der menschlichen Gemeinschaften und Ursprung der Völker Sereras. Magis und Prasis waren bestimmende Zauberer zur Anfangszeit. Peris ist der letzte der Magier in Serera, anerkannte Autorität als „Erster Diener“, Bewahrer vieler magischen Formeln – er ist aber nicht Sereras Herrscher.

Welcher Art sind die Bestien, die Angst und Schrecken verbreiten?

Die riesige Armee des Einen, geführt von den Offizieren, besteht aus zähen, ledrigen, dunklen Kreaturen, jeden Schmerz ertragend und nur danach trachtend, menschliches Leben zu nehmen. Wölfe und Gnome ergänzen diese nicht-menschlichen Bestien. Darüber hinaus gelingt es im Laufe der Handlung einem Offizier des Einen, Flugkreaturen zu schaffen, die von einem starken Geflügelten namens Stirb! befehligt werden. Die Geburt und Formung Stirbs! ist eine ganz besondere Geschichte, von der sich bisherige Leserinnen und Leser richtiggehend schockiert zeigten.

Sie sind begeisterter Fantasyleser. Gibt es Literatur, die Sie besonders zu Ihrem eigenen Werk inspiriert oder allgemein beeinflusst hat?

Nicht unmittelbar, da die Grundidee – wesentliche Gedanken und Taten werden in einer anderen Welt zu Wesen – in ihrer Umsetzung neu ist. Und dieser Gedanke bestimmt die Figur des Einen, der mehr ist als nur ein dunkler Herrscher in einer Welt, die mit unserer nichts zu tun hat. Auch fällt mir auf Anhieb keine epische Fantasy ein, bei der es eine solche Verzahnung zu Entwicklungen in unserer Welt gibt. Was jedoch einzelne Elemente betrifft, gibt es bestimmt Einflüsse. „Herr der Ringe“ habe ich mindestens fünfmal gelesen, vieles von Moorcock – aber zum Beispiel auch die Artus-Sagen. Es gibt dann zudem Details, bei denen man sich andere Werke richtiggehend vergegenwärtigt, zum Beispiel bei der Frage von mit Namen und Zaubern belegten Schwertern, was ich an einer Stelle zum Thema mache. Was menschliche Charaktere, deren Denken und Schwächen betrifft, mag ich vieles von Stephen King, der ein großer Menschenkenner ist. Was die Schaffung von Atmosphäre betrifft, steht Lovecraft bei mir ganz weit oben, aber auch neuzeitliche Klassiker wie zum Beispiel die Werke von Joseph Roth. Mein Lieblingsautor ist übrigens Umberto Eco, da gibt es sicherlich keine auch unbewussten Einflüsse.

Die Menschen hätten in den Jahren vor dem Angriff nur noch bei den Zauberern Rat gesucht, wenn sie Dinge vermehren oder steigern wollten, heißt es im Prolog. Das hört sich ziemlich aktuell an. Haben Sie in Ihren Roman auch eine subtile Kritik an unserem heutigen Leben eingearbeitet?

Auch wenn der Roman – wie alle Phantastikwerke – vorrangig ein sogenannter Unterhaltungsroman ist, der von der Spannung lebt, ist eine kritische Haltung nicht zu übersehen. Wie unsere Welt wirtschaftet, wie sie lebt, das als aufgezwungen erlebte Tempo, also das Getriebenwerden des Einzelnen, das Unterordnen unter die Gesetzmäßigkeiten (eher Gesetzlosigkeiten) des Marktes – all dies entfremdet den einzelnen Menschen. Alle Menschen agieren ja, tun etwas. Durch ihr Tun entsteht ein gesamtes Gefüge, dem sie sich aber ausgeliefert fühlen. Ein Unternehmer zum Beispiel muss, um wirtschaftlich zu überleben, profitorientiert denken; er nimmt Teil an der Schaffung eines Systems, dem er aber wiederum ausgeliefert ist. Ein Börsenkurs oder eine Wirtschaftskrise ereilt auch ihn wie ein Naturereignis. Analog die Zerstörung der Natur oder Kriege. Von Menschen gemacht, empfinden die Menschen solche Entwicklungen als etwas, das von außen, von irgendwoher kommt und sie geißelt.

So ist meine Figur des Einen auch angelegt. Er bekommt Macht – Macht, irgendwann die Menschheit zu vernichten – aufgrund alles „Schlechten“ und „Bösen“, was in unserer Welt geschieht (und für das ja Menschen verantwortlich sind), aber für die Einzelnen wirkt er wie aus dem Nichts kommend als größtmögliche Gefahr, die von außen kommt. Ohne diese Überlegungen hätte ich den Roman mit seiner Grundidee gar nicht schreiben können. Und wegen ihnen hat die Erzählung für das für einen Fantasyroman ungewöhnliche Motto: Eines muss enden – Wahn oder Welt.

Neben dem Tor gibt es noch ein ominöses „Buch der Hüter“. Was ist es und welche Bedeutung kommt ihm im Laufe der Geschichte zu?

Das „Buch der Hüter“ wurde in früher Zeit von einem Zauberer verfasst, zu der Zeit, als die Magier den Einen nach Serera verbannten. Es enthält die wichtigen Erkenntnisse über das Wesen des Einen, über die Tore, aber auch Zaubersprüche. Das letzte Kapitel in diesem Buch ist besonders bedeutungsvoll, deshalb wurde es versiegelt …

Mehrmals in der Geschichte zitieren Sie eine unbekannte Sprache. Damit man versteht, was die Worte bedeuten, schreiben Sie stets die Übersetzung daneben. Hinten im Buch findet sich zudem eine Erklärung der Sprache sowie ein Wörterbuch. Haben Sie diese Sprache selbst erfunden? Wie haben Sie das gemacht?

Die Sprache ist tatsächlich erfunden, ebenso die einfache Grammatik. Wichtig waren mir dabei die Wortstämme. Was sahen die frühen Zauberer als miteinander verwandt an, zum Beispiel sas (=Ende), sast (=Tod), saste (=vergehen) und Ähnliches. Die Übersetzungen sind zumeist in Reimform. Dies kommt daher, dass das „Buch der Hüter“ im 18. Jahrhundert entschlüsselt und übersetzt wurde – und der rastlose, wissbegierige Übersetzer wollte durch die Reimform, durch seine Poesie zeigen, dass er „kein hartes Herz“ hat.

Ihr Roman ist sehr detailreich. Hatten Sie beim Schreiben irgendeinen Trick, wie Sie die Kontrolle über all die Figuren und Einzelheiten behielten – oder haben Sie einfach nur ein unglaublich gutes Gedächtnis?

Eine Zeittabelle aller wichtigen Ereignisse war und ist aus zwei Gründen absolut notwendig: Einmal verläuft die Zeit in Serera wesentlich langsamer als in unserer Welt. Und es gibt Ereignisse, die in beiden Welten eine Rolle spielen, die jeweiligen Entwicklungen beeinflussend. Dazu kommen die Perspektivwechsel in den einzelnen Abschnitten. Die Abschnitte konzentrieren sich stets auf eine Figur des Romans. So gibt es Geschehnisse, die mehrmals zur Sprache kommen, aber aus jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln. Das hilft sehr beim Spannungsaufbau, braucht aber ständige Kontrolle.

Wichtig sind für mich auch Blätter über die Entwicklungen aller wichtigen Figuren. Und schließlich sind eine Übersicht über alle Namen und deren Bedeutung sowie das Kartenmaterial unabdingbar. Natürlich habe ich, was mein eigenes Werk betrifft, ein gutes Gedächtnis, aber es wären handwerkliche Fehler passiert, hätte ich den Stoff nicht permanent anhand dieser Materialien überprüft.

Wie lange haben Sie an dem Roman, der Entwicklung der Sprache, der Kreation der verschiedenen Welten und Figuren gearbeitet?

Die Arbeit an dem Roman begann vor zehn Jahren während einer beruflichen Auszeit, fertigstellen konnte ich ihn aber erst im letzten Jahr. Die ungefähr acht Jahre dazwischen, in denen ich leider nur sporadisch daran arbeiten konnte, taten dem Werk aber sehr gut. Ich verbesserte vieles von dem, was ich anfangs schrieb, da ich eine gewisse Distanz zu dem eigenen Tun zu Beginn bekam. Ich schätze eineinhalb Jahre „netto“ für die Schaffung des Werkes, wenn ich statt einem Beruf nachzugehen nur am Werk arbeite. Grob geschätzt ein halbes Jahr für Überlegungen, die Konstruktion und die Lyrik und ein Jahr für das Schreiben einschließlich eigener Korrekturgänge.

Auf dem Cover Ihres Werks steht „Erstes Buch“. Und am Ende wirkt es, als würde Robins Reise weitergehen. Richtig?

Ja, die Erzählung ist auf zwei Bände angelegt. Robin wird in eine wichtigere Rolle gedrängt werden, die Situation in unserer Welt und in Serera wird sich weiter zuspitzen, die Ereignisse in beiden Welten werden sich noch mehr verzahnen. Das zweite Buch wird den Untertitel „Die zwei Kriege“ haben. Es droht der Untergang Sereras. Der Sieg des Einen ist zum Greifen nah, bald wird er unsere Welt heimsuchen, in der sich bereits Endzeitzustände entwickeln …


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