Sten Nadolny - Das Glück des Zauberers. Tipp | BUCHSZENE

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21. Dezember 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Ein Zauberer-Großvater träumt von einer Zauberer-Enkeltochter. Im Alter 106 Jahren wird sie ihm geschenkt. Sten Nadolnys „Das Glück des Zauberers“ feiert das Leben: Jeder einzelne Tag ist wertvoll.


Sten Nadolnys weiser und poetischer Roman „Das Glück des Zauberers“ – gelesen von Frau Bluhm


Titelbild Das Glück des Zauberers

© Roman Samborskyi shutterstock-ID:790179505


Frau Bluhm liest „Das Glück des Zauberers“: 5 von 5 Bluhmen

5 Blumen Frau Bluhm liest


Für einen Zauberer-Großvater geht ein großer Wunsch in Erfüllung

Meisterzauberer Pharoc ist bereits stolze 106 Jahre alt, als geschieht, womit er nicht mehr gerechnet hatte: Mathilda, die neugeborene Tochter seines jüngsten Sohnes Johann, macht in ihrer Wiege „das lange Ärmchen“ und gibt sich für ihren außergewöhnlichen Großvater dadurch als künftige Zauberin zu erkennen. Pharoc, der vierfacher Vater und vielfacher Großvater ist, hatte ein langes und größtenteils glückliches Leben, doch unter all seinen Nachkommen gab es keinen, der seine Fähigkeiten geerbt hatte. Das ändert sich nun mit der Geburt Mathildas, und so verfasst der alte Mann in den nächsten Jahren insgesamt 12 Briefe, die seiner zaubernden Enkeltochter übergeben werden sollen, sobald sie volljährig ist.

Je älter Zauberer werden, umso mehr magische Kräfte sammeln sie

Pharoc (nur diejenigen, die es unter den Zauberern zu Meistern bringen, gewinnen dadurch das Anrecht, ohne Vornamen aufzutreten) möchte seiner Enkelin den Einstieg in die Welt des Zauberns ebnen und nutzt daher die Briefe, um Mathilda, wenn sie einmal 18 Jahre alt ist, allerlei gute Tipps und Tricks mit auf den Weg zu geben. Zu dem Zeitpunkt, an dem sie die Briefe im Jahr 2018 erhalten wird, werden ihr nur wenige Fähigkeiten zur Verfügung stehen. Je älter Zauberer werden, umso mehr Kräfte sammeln sie. Unabänderliches Naturgesetz.

Sten Nadolnys Held hat auch einen unangenehmen Feind

Die Fähigkeit zu fliegen entsteht beispielsweise in den frühen Zwanzigern eines Zaubererlebens, die Fähigkeit durch Wände zu gehen aber erst mit Mitte 30. Die Fähigkeit Geld zu zaubern leider erst in Richtung Lebensmitte, was schon so manchen jungen Zauberer zur Weißglut getrieben hat. So bleibt es nicht aus, dass Pharocs Briefe an Mathilda auch seine eigene Biografie durchleuchten. Er erzählt der jungen Frau von sich als Heranwachsendem, als jungem Mann, der seine große Liebe Emma findet und auf seinen größten Feind trifft, den eher unterbegabten Zauberer Schneidebein.

„Das Glück des Zauberers“ nimmt mit auf eine Reise durchs 20. Jahrhundert

So wird Sten Nadolnys „Das Glück des Zauberers“ zur interessanten Reise durch das komplette 20. Jahrhundert. Er erzählt Mathilda, wie seine Gabe ihm half zu überleben, wie sie teilweise aber auch von großen Ereignissen der Geschichte überschattet und damit zum Fluch wurde. Pharoc schildert uns die vergangenen Zeiten durch die Augen eines partizipierenden Beobachters, durch sie sehen und atmen wir die Vergangenheit und begegnen bekannten, realen Personen. Genau wie Pharoc, freut man sich über das Kennenlernen der meisten, auf den ein oder anderen Hackenknaller hätte man aber auch verzichten können.

Der eine Zauberer spannt dem anderen die Geliebte aus

In Schneidebein erhält Pharocs Geschichte den geradezu perfekten Antagonisten. Als kleiner Junge schon geltungssüchtig, doch stets nur die Nummer zwei hinter Pharocs Fähigkeiten, spannt ihm dieser als junger Mann auch noch seine Flamme Emma aus. Schneidebein, für den Emma nur eine von vielen war, sinnt dennoch allein schon aus Prinzip auf Rache und nutzt jede Möglichkeit des 20. Jahrhunderts, um diese auch zu bekommen, selbstverständlich auch die SS-Uniform.

Jeder Tag ist ein Geschenk in Sten Nadolnys „Das Glück des Zauberers“

Vielleicht ist es gerade dieser Prototyp eines Gegenspielers, der uns die Person des Pharoc noch menschlicher und authentischer erscheinen lässt. Er ist einer von den Guten, so viel steht fest, auch wenn er in seinem Leben so manche Betrügerei durchgezogen hat. Doch stets wahrnehmbar ist sein wundervoll friedlicher Geist und später, als er älter wird, auch seine warmherzige Demut gegenüber dem Leben. Er nimmt jeden Tag und jede Begegnung, jede Erfahrung, die er in seinem langen Leben machen durfte als Geschenk und ist selbst sein größter Kritiker in der festen Annahme, dass nur der, der selbst die größten Irrtümer begangen hat, nicht ganz so verachtungsvoll auf die Fehler anderer blickt. Dieser Gedanke zieht sich durch den gesamten Roman und lässt einen beim Lesen gleichfalls demütig und melancholisch zurück.

Sten Nadolny zeigt, wie schön es wäre, wenn es Wunder gäbe

Die Menschen, die „Das Glück des Zauberers“ lesen, können sich durch Pharocs Augen vorstellen, wie es wäre, wenn es Wunder gäbe. Sten Nadolnys Roman ist ein Gleichnis für das Leben als immerwährendes Geschenk. Der Autor schenkt uns eine Reise in die Vergangenheit, vollgepackt mit kleinen, aber immens wichtigen Weisheiten, versehen mit einem unheimlich schönen, ironischen Unterton und gerahmt von poetischer Schreibweise. Ich sehe Pharoc beim Lesen fast schon vor mir, als Großvater im Lehnstuhl, der seine Weisheit, die er, bescheiden wie er ist, abstreitet, an Mathilda und ihre Generation weitergibt. Ich bin mir sicher, auch wir anderen Enkeltöchter dürfen uns davon gerne eine Scheibe abschneiden.

Sten Nadolny

Geboren 1942 in Zehdenick an der Havel, lebt Sten Nadolny in Berlin und am Chiemsee. Für sein Werk wurde er unter anderen mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 1980 und dem Weilheimer Literaturpreis 2010 ausgezeichnet.


Zur Biografie von Sten Nadolny


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