Ein Buch voller Wahrheit und Lügen – Michel Houellebecqs „Unterwerfung“

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Ein Buch voller Wahrheit und Lügen – Michel Houellebecqs „Unterwerfung“

BUCHSZENE-Faktor:

Romantik


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Weisheit


Gänsehaut


Unterhaltung


30. August 2016 | Bernhard Berkmann | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Es sträuben sich einem alle Haare, wenn man sich klarmacht, dass am Tag, an dem dieser Roman erschien, das Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ stattfand. Denn Michel Houellebecq erzählt in „Unterwerfung“ von einem Paris der Anschläge, des Bürgerkriegs und Machtkämpfe. Von einem Paris, in dem die Bruderschaft der Muslime die Regierung übernimmt und ein Imperium anstrebt, das die Europäische Union bis nach Nordafrika ausdehnen will. Visionär ist diese Geschichte zweifellos. Aber ist sie auch unterhaltsam, lesbar und lesenswert?

„Unterhaltungen zwischen Männern: dieser merkwürdige Vorgang, der zwischen Homoerotik und Duell schwankt.“

Dies ist ein Buch voller Wahrheiten und Lügen. Es ist ein erschreckendes Buch und doch erheitert einen die Lektüre immer wieder, denn der Autor verfügt über ein großes Maß an Ironie. Obwohl auf dem Titel dieses Buchs „Roman“ steht, ist es vielleicht gar keiner, sondern ein kurioser politisch-soziologischer Essay, den sein Autor lediglich als „Roman“ getarnt hat. Mag dies alles bereits erstaunlich sein, so ist das Erstaunlichste an Michel Houellebecqs „Unterwerfung“, dass er in diesem Werk Ereignisse vorweggenommen hat, die kurz nach oder zeitgleich zur Veröffentlichung desselben tatsächlich passiert sind. Der Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ fand just am selben Tag statt, an dem „Unterwerfung“ in Frankreich erschien. Was für ein schrecklicher Zufall, denn auch in „Unterwerfung“ geht es um ein in Gewalt versinkendes Paris!

„Der Wideraufbau des römischen Imperiums war bereits im Gange.“

Der Ich-Erzähler François, der als Literaturwissenschaftler an der Universität arbeitet, versetzt uns in ein Frankreich kurz vor der Präsidentschaftswahl. Anschläge erschüttern das Land, Autos brennen, die Staatsmacht verliert die Kontrolle. Und es tritt ein, was niemand für möglich hält: Die beiden bürgerlichen Parteien, die sich die Regierungsarbeit über Jahrzehnte hinweg aufgeteilt haben, schaffen es nicht in die Stichwahl. Übrig bleiben der Front National und die Bruderschaft der Muslime, die letztlich das Rennen macht.

Wenn man dies liest, muss man sich nicht nur an die realen Verhältnisse im Frankreich der Gegenwart erinnert fühlen. Man kann auch auf andere europäische Ländern blicken, etwa auf die Präsidentschaftswahl in Österreich: Auch dort wurden die Bewerber der bürgerlichen Parteien bereits im ersten Wahlgang aussortiert. Auch sie gaben – wie es in Houellebecqs die Bürgerlichen tun – keine Wahlempfehlung für die Stichwahl.

„Zum ersten Mal in meinem Leben, hatte ich begonnen, über Gott nachzudenken. Er machte mir Angst.“

Dass Houellebecq derartige Details erfunden hat, die dann realiter eintraten, lässt einen erschaudern. Und natürlich belässt Houellebecq das von ihm beschriebene Frankreich nicht in diesem Zustand. Nach der Wahl geht es erst richtig los: Die neue Regierung schließt die Universitäten und besetzt alle wichtigen Posten mit Gefolgsleuten der Muslimischen Bruderschaft. Nach und nach wird islamisches Recht eingeführt, Frauen dürfen nur noch verhüllt in der Öffentlichkeit auftreten, Polygamie wird normal. Die neuen Potentaten wollen ihre Macht auf ganz Europa ausweiten und schließlich auch die nordafrikanischen Staaten eingliedern. Dem neuen Präsidenten Ben Abbes geht es um die Errichtung eines muslimischen Imperiums. Wer da nicht an die Großmachträume aktueller Präsidenten denkt, muss ein Träumer sein.

„Escort-Dienste habe ich nur in Anspruch genommen, um den Übergang von einer Studentin zur nächsten zu überbrücken.“

Parallel zu diesem politischen Geschehen begleiten wir Houellebecqs Helden – er verliert seinen Posten an der Universität – durch seinen Alltag. Dieser besteht vor allem aus Sex und Essen. Würde sich François nicht auch für Politik, Literatur und Alkohol interessieren, er wäre ein Tier. Er ist kein sympathischer Held, sondern ein Ekel, das bei aller Intellektualität nicht ohne vulgäre Sprache auskommt. Wenn er eine Frau „in den Arsch fickt“, dann drückt er dies auch genau so aus. Wenn er die „Schlampe Babette trifft“, dann formuliert er dies so. So lange dies angesichts der politischen Situation noch möglich ist, geht François viele Affären mit Studentinnen ein. Er begehrt Frauen und zugleich verachtet er sie. Intellektuellen Austausch sucht er ausschließlich mit Männern. Nach und nach kommt ihm die Lebenslust abhanden – aus politischen und privaten Gründen. Denn das Leben in diesem Frankreich unter neuer Herrschaft verwandelt sich rasant.

„Die Menschheit interessierte mich nicht, sie widerte mich sogar an.“

Dies alles zu mitzuerleben fasziniert vor allem im ersten Teil des Buchs. Houellebecqs Beobachtungsgabe und seine visionären Fähigkeiten sind so gnadenlos wie grandios. Doch nach und nach versteht man, worauf er hinauswill und die Handlung verwandelt sich immer mehr in Richtung eines gesellschaftspolitischen und philosophischen Essays. Die Gespräche, die geführt werden, sind oftmals extrem gelehrt und theorielastig. Der Leser, der kein Literaturwissenschaftler ist, wird hier viele Anspielungen nicht verstehen; und auch wenn zwischendurch immer wieder ein guter Meursault oder Sauternes getrunken wird, so muss man doch sagen: Dies ist kein Stück Literatur, das man zur Unterhaltung liest. Nein, die Lektüre dieses Werks kommt der Lektüre eines Sachbuchs nahe. Es ist ein Buch, das nachdenklich stimmt und zu heftiger Diskussion anregt. Denn selten wurde ein vergleichbar aberwitziges Szenario entworfen, das der Wirklichkeit so nahe kommt. Für politikinteressierte Leser ist dieses Buch ein Muss.

Michel Houellebecq

Geboren 1958 auf der französischen Insel Réunion, verbrachteMichel Houellebecq seine Kindheit in Algerien und Paris. Als Scheidungskind wuchs er vor allem bei seinen Großeltern auf. Er schloss sein Studium mit…
Zur Biografie von Michel Houellebecq

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Michel Houellebecq

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