Ohne Erinnerung und Sehnsucht ist das Leben sinnlos – Jane Gardams „Ein untadeliger Mann“

Ohne Erinnerung und Sehnsucht ist das Leben sinnlos – Jane Gardams „Ein untadeliger Mann“

BUCHSZENE-Faktor:

Romantik


Komik


Weisheit


Gänsehaut


Unterhaltung


18. August 2016 | Jörg Steinleitner


Er war einer der besten britischen Anwälte in Hongkong und er half der Queen beim Stricken. Er ist reich, ohne dies zu zeigen, und hütet gemeinsam mit seinen Cousinen ein düsteres Geheimnis. Als seine Frau Betty stirbt, macht er sich noch einmal auf zu einer großen Reise. Im Bestseller-Check erfahren Sie, ob Sir Edward Feathers ein Romanheld sein könnte, der zu Ihnen passt.

„Komm mit zu mir“, sagte Babs. „Da ist sonst niemand. Wir gehen ins Bett.“

Dieser Roman wird Sie garantiert nicht enttäuschen. Allein schon wegen seiner Hauptfigur: Sir Edward Feathers war viele Jahre lang Anwalt in Hongkong, er blickt zurück auf ein reiches Leben. Ein Leben, zu dem es auch gehörte, die Queen zu bewachen und ihr beim Stricken zu helfen. Ein Leben, in dem der Held seine erste sexuelle Erfahrung im Dunkeln und mit einem Buttermilchmädchen macht, was ihm eine üble Krankheit einträgt.

„Es war dunkel, Sir … Sie ist einfach in mein Bett gestiegen. Sie hat mir Buttermilch gegeben.“

Ein Leben, an dessen Ende plötzlich der Orientierungspunkt fehlt, weil Edwards Frau stirbt: „Er sah Bettys buntes, altes Hinterteil aus dem Tulpenbeet ragen. Ihr wettergegerbtes Gesicht. ‚Hundert sind drin, hundert muss ich noch!‘, hatte sie gerufen. ‚Ich möchte keinen Gin. Wollen wir das Mittagessen auslassen?‘ Dann war sie tot umgefallen.“Für Edward verändert dieser Tod alles. Die Beerdigung ist kaum zwei Wochen vorbei, und schon setzt er sich in seinen Mercedes, um seine beiden Cousinen Babs und Claire zu besuchen, die er viele Jahre nicht gesehen hat. Viel zu früh, wie sein Gärtner und seine Haushälterin, deren Namen er sich nicht merken kann, finden.

 „Sir Edward, Sie sind verrückt. Sie gehen auf die achtzig zu. Außerdem haben Sie keine Ahnung, wie es auf dem A1 Motorway zugeht.“

Mit seinen Cousinen verbindet Edward ein düsteres Geheimnis, das erst ganz am Ende der Geschichte gelüftet wird. Edwards Reise führt zu merkwürdigen Begegnungen. „‘Wer zum Teufel war das denn?‘, fragte ein Polizist den anderen. ‚Wie aus einem Theaterstück aus dem Vierten.‘“Und zu denkwürdigen Überlegungen. Edward erinnert sich an sein Leben. Es ist ein reiches Leben als Gentleman, ein abenteuerliches Leben, geprägt von Krieg, Konvention, Status, Pflicht und Pflichterfüllung. Ein Leben voller privater Ereignisse, die oft eine kuriose Verbindung zur Weltgeschichte oder zur Geschichte des British Empire aufweisen.

„Und hier saß sie nun, sanft, mit schmalen Schultern wie eine Kurtisane auf ihrem leinenbezogenen Sofa und lächelte.“

Jane Gardam erzählt davon mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Ihre Dialoge sind oftmals so pointiert, sie treffen den Punkt so genau, dass man beim Lesen schmunzelt oder sogar lacht. Aber Jane Gardam trifft die Wahrheit auch dort mit Präzision, wo sie schmerzt. Wegen dieser nachdenklichen Passagen ist dieser Roman keine Wellnesslektüre. Denn unweigerlich beginnt man beim Lesen darüber nachzudenken, wie wohl das eigene Alter werden wird. Wie das eigene, bisherige Leben war. An diesem Nachdenken kann man schlechtlaunig werden; oder man kann wachsen und sich eine Wahrheit, die über allen schönen und schrecklichen Geschichten dieses Romans steht, mitnehmen in seinen eigenen Alltag: „Ohne Erinnerung und Sehnsucht ist das Leben sinnlos.“ Erinnerung und Sehnsucht. Diese beiden Stoffe scheinen wichtige Zutaten eines erfüllten Lebens zu sein. Man sollte stets auf der Hut sein, ausreichend davon in der Vorratskammer seines Herzens aufzubewahren.

Jane Gardam

Geboren 1928 in North Yorkshire, wurde Jane Gardam als einzige Schriftstellerin gleich zweimal mit dem Whitbread/Costa Award ausgezeichnet. Mit „Ein untadeliger Mann“ stand sie auf der Shortlist des Orange Prize…
Zur Biografie von Jane Gardam

Jane Gardam

Geboren 1928 in North Yorkshire, wurde Jane Gardam als einzige Schriftstellerin gleich zweimal mit dem Whitbread/Costa Award ausgezeichnet. Mit „Ein untadeliger Mann“ stand sie auf der Shortlist des Orange Prize…
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