Mit den Brustwarzen lächeln und Champagner trinken – Joachim Meyerhoffs „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“

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Mit den Brustwarzen lächeln und Champagner trinken – Joachim Meyerhoffs „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“

BUCHSZENE-Faktor:

Romantik

Komik


Weisheit


Gänsehaut


Unterhaltung


16. September 2016 | Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten


Sie wollen mal wieder richtig lachen – und zwar gepflegt und mit Stil? Dann sollten Sie Joachim Meyerhoffs Buch „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ lesen. Darin erzählt er von seinen ersten Schritten als Schauspielschüler in München. Vor allem aber erzählt er von seinen urkomischen Großeltern – einem Professor für Philosophie und einer ehemaligen Schauspielerin. Selten liest man ein Buch, das so erheitert und dabei niemals platt ist.

„Moooahhhh, was ihr nur immer alle von mir wollt.“

Ein Buch, in dem ein Schauspieler von seiner Zeit an der Schauspielschule erzählt, könnte ein witziges Buch sein, das man aber nicht unbedingt lesen muss. Dass angehende Schauspieler während ihrer Ausbildung alberne Übungsaufgaben bekommen – á la „Spiele Effi Briest als Nilpferd!“ – ist allgemein bekannt. Daher startet der Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff mit einer gewissen Hypothek in sein Vorhaben, von seinen Anfängen im Bühnenfach zu erzählen. So ein Buch könnte gnadenlos scheitern, unlustig sein, doof, einfallslos, klischeehaft. Aber keine Sorge: Dies ist nicht der Fall. Vielmehr reitet „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ auf einer Welle champagnerfrischen Humors.

„Die Haushälterin war, und das blieb ewig ein Rätsel, immer barfuß.“

Viel hat dieses geglückte Experiment biographischen Erzählens mit der Tatsache zu tun, dass der angehende Darsteller für die Zeit seiner Ausbildung an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule bei seinen Großeltern wohnen musste. Er fand auf dem Münchner Wohnungsmarkt keine bezahlbare Bleibe. Und so kam es, dass Meyerhoff uns Einblick gibt in das Innenleben eines Ehepaars, über das man sich schlechterdings nur schieflachen kann. Allerdings nicht, weil diese beiden so lächerliche Figuren wären, sondern wegen der niveauvollen Unverfrorenheit, mit der sie ganz offensichtlich ihre Leben genossen.

„Schon nach ein paar Wochen wusste ich alles über sie. Über Orson Welles, Oskar Werner und Sarah Bernhardt.“

Meyerhoffs Großmutter war einst Schauspielerin, gab diesen Beruf aber beizeiten auf, weil „das Theater zu abgeschmackt“ geworden sei, wie sie es ausdrückte. „Es konnte passieren“, schreibt Meyerhoff, „dass sie wie von einem tiefen Schmerz durchdrungen den Blick in die Ferne schweifen ließ, so langsam die Arme hob, dass nicht einmal die goldenen Armreife aneinanderklackten, und erst, als sie sicher war, dass alle am Tisch gebannt zu ihr sahen, sagte sie: ‚Moooahhhh …‘, und dann, nach einer langen, spannungsgeladenen Pause, ‚der Brie ist ja ein Gedicht heute Abend.‘“

„Er will so an den Text rankommen.“ „Als Nilpferd?“ „Du Armer, wer hat sich denn diesen Humbug ausgedacht?“

Der Großvater war Philosophie-Professor, Instituts-Direktor, Bundesverdienstkreuzträger und vieles Honoriges mehr. Diese beiden Figuren sind es, die das Buch zum Pointenfeuerwerk machen. Und wenn nur die Hälfte der Episoden, die der Enkel über das nobel am Nymphenburger Schlosspark residierende Paar ausplaudert, stimmt, dann waren das aber mal richtig unterhaltsame Leute. Stets sehr gut gekleidet und sehr gepflegt, sahen sie noch im hohen Alter blendend aus und starteten einen jeden Tag mit einem Champagnerfrühstück.

„Mein Großvater torkelte auf die Terrasse, um frische Luft zu atmen.“

Im Laufe des Tages nahmen sie, glaubt man dem Enkel, noch etliche weitere Spirituosen zu sich. Er, den die Großmutter „Lieberling“ nannte, war nach jeder Mahlzeit sturztrunken, doch Oma und Opa verloren nichts von ihrer Eleganz. Es ist urkomisch wie Meyerhoff ihr so stilvolles wie schräges Dasein beschreibt. Er zitiert geistreiche Gespräche und herrliche Missverständnisse. Er lässt die Großeltern den Weltwahnsinn kommentieren und am Ende wünscht man sich als Leser nur eines: Dass man auch mal eine Woche in der Villa in Nymphenburg hätte wohnen dürfen.

Joachim Meyerhoff

Geboren 1967 in Homburg an der Saar und aufgewachsen in Schleswig, zählt Joachim Meyerhoff seit 2005 zum Ensemble des Wiener Burgtheaters. In seinem sechsteiligen Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“ trat…
Zur Biografie von Joachim Meyerhoff

Joachim Meyerhoff

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