Spinner – Benedict Wells: Leseprobe | BUCHSZENE

Jesper Lier ist 20 und weiß eines: Er muss sein Leben ändern. So erlebt er eine wilde Woche in Berlin. Benedict Wells erzählt in „Spinner“ mit Witz und Ernsthaftigkeit von der Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen.

In Benedict Wells‘ Roman “Spinner” erlebt ein 20-jähriger Held eine wilde Odyssee durch Berlin

30. März 2015 | Redaktion

Benedict Wells

Spinner

Leseprobe


Gelächter im Dunkeln

Ich habe diese eiskalten Hände. Menschen schrecken
immer zurück, wenn sie mir die Hand geben. Und dann
starren sie auf meine langen, weißen Finger, die einem gerade
verstorbenen Pianisten gehören könnten, und nachdem sie
auf meine Finger gestarrt haben, schauen sie mir ins Gesicht
und wirken für einen Augenblick überrascht, dass ich noch
lebe, bei diesen toten Händen. Deshalb bekam ich schon
früh einen Komplex. Immer wieder holte ich meine Hände
aus ihrem Lieblingsversteck, den Hosentaschen, hervor und
betrachtete sie minutenlang. Vor allem, wenn ich nervös war.
Und vor einigen Jahren, als der ganze Wahnsinn geschah,
war ich oft nervös.
Ich fuhr damals mit der S5 Richtung Ostbahnhof. Es
ruckelte, doch die Frau mir gegenüber hielt die Augen
geschlossen. Ich musste gähnen und legte den Kopf in den
Nacken. Dann ruckelte es zum zweiten Mal, und mein Koffer
fiel auf den Boden. Ich stand auf und stellte ihn wieder hin.
Ein Blick auf die Uhr: kurz nach Mitternacht, Montag
früh. Es war wenig los, niemand stieg ein außer einem
angetrunkenen Obdachlosen, der vergeblich versuchte, seine
Zeitungen und seine Lebensgeschichte loszuwerden. »Alles
Wichser!«, rief er in meine Richtung, als er ausstieg.

Ich sagte nichts, betrachtete nur meine Hände mit den
dünnen langen Fingern. Dann ruckelte es erneut, und mein
Koffer fiel wieder um. Diesmal ließ ich ihn liegen.

Wir hielten am Bahnhof. Ich dachte an meine Rückkehr
nach München. Meine Mutter zog mit meinem Bruder in
eine kleinere Wohnung, und ich hatte versprochen, ihnen
zu helfen und meinen Kram auszumisten. Seit der Sache mit
meinem Vater und meinem Umzug hatte ich mich zu Hause
nicht mehr blicken lassen. Das war über ein Jahr her. Nach
München zurückzukehren war das Letzte, was ich wollte.
Wahrscheinlich war ich eine Woche früher aufgebrochen als
geplant, um es schneller hinter mich zu bringen. Vielleicht
vermisste ich aber auch nur das, was von meiner Familie
übriggeblieben war. Vielleicht.
Ich betrat die Bahnhofshalle. Während ich meinen
schwarzen Samsonite-Trolley hinter mir herzog, kam mir
ein blondes Mädchen entgegen, das genau den gleichen
Koffer im Schlepptau hatte.
»Schichtwechsel«, sagte ich zu ihr, dann war sie auch
schon an mir vorbeigegangen.
Ich musste lächeln, da ich mir einbildete, sie hätte mir
einen intensiven Blick zugeworfen. Träumer, dachte ich.
Nach ein paar Schritten drehte ich mich noch mal um, doch
das Mädchen war weg.

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