Anzeige

Rezensionen

Benedict Wells‘ “Becks letzter Sommer” ist ein tragikomischer Roman über verpasste Chancen und Träume

Lehrer Beck hat eine gescheiterte Musikerkarriere und kein Liebesleben. Doch als Manager eines Musiktalents wittert er seine Chance. Benedict Wells‘ „Becks letzter Sommer“ ist ein magischer Road Trip nach Istanbul.

Benedict Wells Becks letzter Sommer Leseprobe
Beck war spät dran, er raste mit dem Audi zur Schule. Aus den Boxen dröhnte Transmission von Joy Division. Er steckte sich eine Zigarette an und drehte die Lautstärke auf. Kurz darauf hielt er auf dem Lehrerparkplatz. Als Beck durch die Flure des Georg-Büchner-Gymnasiums ging, spürte er wieder, wie sehr er dieses Gebäude hasste. Hier hatte schon sein Vater unterrichtet, hier hatte er selbst das Abitur gemacht, ehe er nach dem geplatzten Traum von einer Musikerkarriere an genau dieser Schule Lehrer geworden war. Inzwischen kannte er jeden Winkel, jedes Geräusch, jedes Gefühl: Jungs, die heimlich auf den Toiletten rauchten, kichernde Mädchen, ein küssendes Pärchen auf dem Schulhof, hektische Gesichter, Gelächter, Versagensangst, laute Lehrerstimmen. All das wiederholte sich, jeden verdammten Tag. Die Gefühle blieben immer die gleichen, während die Menschen, die sie erlebten, austauschbar waren. Nachdem er zwei Stunden Deutsch unterrichtet hatte, befand sich Beck nun im West¬ügel. Er hatte die 11b in Musik. Das Fach teilte er sich mit Norbert Berchthold, einem verklemmten Anfangvierziger, den er aus tiefster Seele hasste. Diese betuliche, unfassbar langweilige Frank-Elstner-Art, diese Hochwasserjeans der Karstadtmarken Le Frog und Barisal, diese weißen Birkenstocksandalen mit weißen Socken im Sommer. Norbert Fucking Berchthold. Das einzig Interessante an ihm war, dass er eine dreizehn Jahre ältere Freundin namens Inge hatte, deren Falten im Gesicht so tief waren, als hätte man mit einem Messer lange Striche in Ton geritzt. Beck nannte sie immer die »grimmige Inge«, weil sie nie lachte. Die grimmige Inge war arbeitslos, und hin und wieder kam sie Berchthold nach dem Unterricht besuchen, dann schlossen sich die beiden im Hinterzimmer des Musikraums ein, rauchten es voll und hörten französische Chansons oder Joe Cocker. Übel nahm Beck seinem Kollegen aber vor allem zwei Dinge. Erstens, dass
sich dieser alte Öko-Pazi⁄st vor ein paar Jahren tatsächlich auf die Schienen eines Castor-Transports gelegt hatte. Wie gestört konnte man sein? Und zweitens war da noch die Werner-Tasse, aus der Berchthold jeden Tag seinen Kaffee trank. Abartig. Und mit so was teilt man sich dann noch muntere zwei Jahrzehnte lang den Job, dachte Beck, aber ohne mich. Allerdings: So wie es aussah, kam er aus dieser Lehrersache nicht mehr raus, also würde er Berchthold in den nächsten Jahren wohl irgendwie kunstvoll ermorden müssen. Vielleicht Gi∫ in den Kaffee schütten, dann hätte es sich endlich ausgewernert. Beck betrat das Musikzimmer. Mit einem Buch in der Hand kam Anna Lind auf ihn zu. Anna war fast achtzehn und ein wahrgewordener Lehrertraum oder, wie Kollege Ernst Mayer neulich Beck zugeraunt hatte, ein »geiles Stück«. Ihr langes Haar war blond, ihre blauen Augen glänzten, als ob sie ständig den Tränen nahe wäre, und ihr Gesicht hatte eine unschuldige Kühle, die schon fast wieder durchtrieben wirkte. Wenn Beck sie ansah, kamen ihm immer Wörter wie unfassbar sexy, heiß, göttlich in den Sinn. Hier weiterlesen.

Chat

Noch keine Nachrichten

Schreib die erste Nachricht in diesen Chat.