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Ist ein allgemeines Dienstpflichtjahr sinnvoll? Eine Kolumne über Seemänner, Liebeskummer und das Leben

Kolumne Steinleitners Woche

15. August 2018 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten


Was macht ein junger Mann mit Liebeskummer? Zur See fahren, hatte unser Kolumnist in Romanen gelesen. Und es getan. Eine Kolumne über Abenteuer und die Sinnhaftigkeit eines Dienstjahrs für junge Leute.


Rosa knutschte mit einem Bodybuilder, Anja zog mir einen Arztsohn mit Vespa vor

Ich war mal aus Liebesverzweiflung Seemann. Daran erinnere ich mich jetzt, da über die Wiedereinführung einer allgemeinen Dienstpflicht für junge Leute diskutiert wird. Eigentlich hatte ich mir damals bereits eine Zivildienststelle bei einem behinderten Kind in München gesichert und auch schon verweigert. Aber dann stellte ich fest, dass Rosa, in die ich unsterblich verliebt war, parallel zu mir mit einem Bodybuilder knutschte. Und wenig später zog ich bei Anja wegen eines Arztsohns mit Vespa den Kürzeren. Ich hatte nur ein Fahrrad und mein Vater war kein Doktor, sondern tot. Das mit Anja empfand ich als besonders schlimme Niederlage, sie trug nämlich ziemlich interessante weiße Spitzenunterwäsche.

Liebeskranke junge Männer fahren zur See, hatte ich in einem Roman gelesen

Aber ich hatte ja mehrere Romane gelesen, in denen stand, dass unglückliche junge Männer Seeleute werden, um das Unglück hinter sich zu lassen. Und so zog ich meine Wehrdienstverweigerung zurück. Weil ich seinerzeit bei der Musterung aus Jux den Dienst bei der Marine angekreuzt hatte, erreichte mich wenig später der Einberufungsbefehl für Wilhelmshaven und die Fregatte Köln. Ich würde Seemann werden. Dieser Gedanke gefiel mir. Es klang nach Abenteuer, großer weiter Welt und natürlich auch nach großer Literatur. Mein Großvater fand die Idee nur mittelgut. Er war als Offizier im Zweiten Weltkrieg in Russland gewesen. Er hatte im Schützengraben die Fliegen von den verwesenden Leichen seiner Kameraden vertrieben. Er hatte seither eine Fliegenphobie und wollte mit Militär nichts mehr zu tun haben. Aber er hielt mich nicht von meinem Vorhaben ab.

Dass es sich nicht um einen Roman handelte, begriff ich, als der Typ uns anschrie

Dass es sich nicht um einen Roman handelte, in dem ich eine Rolle übernehmen durfte, begriff ich am Borkumer Landungssteg. Auf der Nordseeinsel sollte meine Grundausbildung zum Seemann stattfinden. Als die Fähre, gefüllt mit Rekruten und Touristen, anlegte, lief noch alles nach Roman-Plot. Aber kaum hatten wir Land unter den Füßen, baute sich vor uns ein kleiner Mann mit blondem Schnurrbart und in Marine-Uniform auf und schrie: „Moin, Rekruten! Maat Röding mein Name. Alles hört auf mein Kommando!“ Als einige lachten, brüllte er: „Ruhe, Matrosen! Stillgestanden! Augen geradeaus! Im Gleichschritt Marsch!“ Obwohl ich noch nichts über das Leben eines Soldaten wusste, begriff ich in diesem Moment, dass das Militär vom Stil her nicht so richtig zu mir passte. Wenn ich bis heute eines nicht leiden kann, dann ist es Geschrei.

Rasieren war bei der Marine Befehl. Allerdings hatte ich gar keinen Bart

Die nächsten Wochen bedeuteten für mich eine Leidensphase: Ich, mit einem zehn Jahre jüngeren Bruder praktisch als Einzelkind aufgewachsen, übernachtete fortan mit fünf anderen Jungs auf einer Kammer. Wir lernten es, unsere Hemden, Unterhosen, Soldaten-Pyjamas und Pullover präzise zusammen- und in den Spind zu legen. Wenn es auch nur einen Millimeter Abweichung gab, wurde man vor versammelter Truppe zusammengefaltet. Dies führte dazu, dass die meisten von uns immer das gleiche Hemd trugen. Ich lernte Schuhe zu wienern, dass man sich in ihrem Leder spiegeln konnte; ich lernte mich zu rasieren, obwohl ich praktisch keinen Bart hatte. Aber Rasieren war Befehl. Meine Oberlippe wurde ganz rot davon. Dem Toilettenputzen entkam ich, indem ich mich um das Maskottchen unserer Seemannschaftslehrgruppe kümmerte: Ich wurde der Ziegenpeter für Seeziege Olga.

Auf dem Schiff rauchte Sören mir die ganze Nacht das Bett voll

Irgendwann kam der Tag, an dem uns ein olivgrüner Bus nach Wilhelmshaven karrte. Die Fregatte Köln, mein neues Zuhause, beeindruckte mich sofort: 140 Meter lang, 200 Mann Besatzung. Ein Dorf auf dem Wasser. Jetzt schliefen wir zu zwölft auf einem Deck. Drei übereinander. Ganz unten Sören, der die ganze Nacht rauchte. Links von mir Störtebekker, der mal in der Jugendhockeynationalmannschaft gespielt hatte. Außerdem auf unserem Deck: Wuttke, von Beruf Bergmann im Kohlenpott; Manske, der sich wirklich nie wusch und dementsprechend roch; der kleine, rothaarige Eichhorn, der mal Lehrer werden wollte; Volpert, der wahrscheinlich schwul war, Rütli, der aus dem Grenzgebiet zur Schweiz kam und ein lustiges „ch“ sprach, Bernie, der jede zweite Nacht aus Heimweh heulte und all die anderen.

Waffen, Terror, Angst. Die Seefahrt war nicht ganz so romantisch wie gedacht

Das Militärische war auf dem Schiff zwar nicht mehr so schlimm wie in der Kaserne, aber insgesamt entpuppte sich die Seefahrt als eintöniger als ich sie aus den Romanen kannte. Null Seeräuber waren da und man musste ziemlich viel putzen und pönen, also malern. Klar fuhren wir bis in den nördlichen Atlantik und ins östliche Mittelmeer und klar besuchten wir allerlei fremde Häfen und entdeckten in dunklen Spelunken die Verlockungen des Seemannslebens. Aber wenn unser Schiff nur zwei Tage im Hafen lag, konnte es sein, dass wir gar nicht davon runterkamen, weil es ja jemand bewachen musste. Und dann war man wieder zwei Wochen auf dem Wasser. Eine zusätzliche Schärfe bekam die Zeit durch den Beginn des ersten Golfkriegs. Direkt durfte sich die deutsche Marine damals zwar nicht an Kriegshandlungen beteiligen. Aber wir übernahmen die Überwachung von Seegebieten im östlichen Mittelmeer. Und da verkehrten durchaus Schiffe, die illegale Waffen für die Kriegsteilnehmer an Bord hatten. Die mussten wir aufbringen. Außerdem gab es eine latente Terrorgefahr. Damit niemand desertierte, erfuhren wir immer erst nach Auslaufen aus dem Hafen, wo es als nächstes hingehen sollte. Meine Mutter ist in dieser Zeit vor Angst fast gestorben. Wir selbst haben unsere Furcht in Rum ertränkt, obwohl Alkohol in dem Gefechtszustand „Kriegsmarsch“, in dem wir uns nun befanden, verboten war. Man musste die Flaschen in weiten Hosen an Bord schmuggeln oder den Kollegen, der Wache schob, bestechen.

Mit den Berufssoldaten diskutierten wir über Politik, Befehl und Gehorsam

Viele öde Abende saßen wir in unserem engen Deck. Ich begann aus Langeweile zu nähen. Jeder meiner Kameraden hatte mal seinen persönlichen Zusammenbruch. Heimweh, Angst und private Probleme wurden mit kürzlich noch wildfremden Menschen besprochen. Man kam den anderen auf dem Deck nicht aus. Nach einigen Monaten wusste jeder von jedem alles. Das Interessante war, dass wir einander zu verstehen lernten und auf eine Weise sogar lieb gewannen, obwohl wir so unterschiedlich waren. Aber nicht nur wir Rekruten beeinflussten uns gegenseitig: Ich hatte noch aus Schülerzeiten den Spiegel abonniert. Alle paar Wochen landete ein Hubschrauber mit unserer Post an Deck. Dann bekam ich mehrere Ausgaben des Nachrichtenmagazins geliefert. Als sich das an Bord herumgesprochen hatte, liehen sich immer mehr Kameraden den Spiegel aus, darunter viele Berufssoldaten. Und wir diskutierten über Politik und Freiheit, über Befehl und Gehorsam. Die Wehrdienstleistenden an Bord trugen so frischen Wind in das eher zur Verkrustung neigende Militärleben.

Und was nun? Sollten junge Leute wieder Wehrdienst leisten?

Dies ist einer der Gründe, weshalb ich eine Wiedereinführung einer allgemeinen Dienstpflicht aus gesellschaftlicher Sicht befürworte. Allerdings sollte jede junge Frau und jeder junge Mann für sich entscheiden dürfen, ob sie oder er Zivildienst oder Wehrdienst leistet. Es ist ganz sicher keine verlorene Zeit. Die jungen Menschen können davon nur profitieren. Sie werden herausgerissen aus ihren gewohnten Zusammenhängen. Sie machen wichtige Erfahrungen mit Menschen und Situationen, denen sie sonst nie ausgesetzt würden. Sie erleben Langeweile und Überforderung, Heimweh und Sorge und finden Wege damit umzugehen. Sie lernen sich selbst kennen und vielleicht sogar ein Umfeld, in dem sie gerne arbeiten wollen. Und gleichzeitig leisten sie etwas für die Allgemeinheit. Die allgemeine Dienstpflicht ist bei all ihren Schwächen sinnvoll. Im Übrigen ist es eine erfüllende Erfahrung, für die Gemeinschaft etwas getan zu haben. Egal, ob man das Land verteidigt oder in einem Seniorenheim alten Menschen hilft. Eine Erfahrung, die wir gerade der Selfie-Generation nicht vorenthalten sollten.

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Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Jörg Steinleitner

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