Kinder, die lesen, sind gefährlich

Kinder, die lesen, sind gefährlich

9. März 2016 | Kolumne: Jörg Steinleitner


Wie ich einmal nachts im Urwald von Tieren angegriffen wurde.

Kinder, die lesen, sind gefährlich. Finden Sie nicht? Na, dann passen Sie mal auf: Kürzlich will ich am späten Abend vor dem Schlafengehen nach unserem Sohn Leonhard schauen. Er ist sieben und schläft in einem Hochbett. Ich öffne die Tür, betrete sein Zimmer und will das Bett umrunden. Doch so weit komme ich gar nicht, denn – ehe ich mich wehren kann – winden sich mehrere Schlangen um meinen Oberkörper! Zwischen meine Füße werfen sich pelzige Tiere und jemand haut mir einen dicken Ast gegen das Schienbein. Stöhnend gehe ich zu Boden. Als wäre dies nicht schon genug, wirft sich auch noch ein Wesen mit eklig reptilienartiger Schuppenhaut auf mich. Atemlos bleibe ich liegen. Merkwürdigerweise halten die Angreifer jetzt auch still.

Gordon-und-Tapir

Mit rasendem Herzen und schmerzendem Schienbein robbe ich zur Tür und schiebe sie auf. Ein Lichtstrahl fällt ein. Die Reptilienhaut ist die Paillettendecke aus der Faschingskiste. Jetzt will ich’s aber wissen: Ich hole eine Taschenlampe und kehre zurück. Der schwache Lichtkegel des Scheinwerfers wandert durch das Kinderzimmer. Ich bin erschüttert: Das ist kein Kinderzimmer, das ist eine Mischung aus Urwald und Partyhöhle!

Am nächsten Morgen stelle ich Leonhard zur Rede: Was hast du aus deinem Zimmer gemacht? Bist du verrückt geworden? Ich hätte mir fast den Hals gebrochen!

 

„Wenn dir das nicht gefällt, musst du ausziehen!“

Ob ich denn keine Bücher läse, fragt mich mein Sohn. Mitleidigen Blicks nimmt er mich bei der Hand, in der anderen hat er ein Bilderbuch, er setzt sich auf meinen Schoss und liest mir vor: aus „Gordon und Tapir“ von Sebastian Meschenmoser.

Die Geschichte handelt von einem Tapir – das sind diese seltsam aus der Zeit gefallenen, comic-haft aussehenden Vierbeiner mit der langen, rüsselartigen Nase. Der Tapir in dem Buch ist ein Lebensgenießer und liebenswerter Chaot, der in einer WG mit dem ordnungsfanatischen Pinguin Gordon wohnt. Während Gordon symmetrisch in Reih und Glied aufgestellte Dosen im Küchenregal und Fisch liebt, mag Tapir es, wenn überall Pflanzen stehen und Bücher und andere Sachen herumliegen. Tapir hasst Fischgeruch und Abspülen, weshalb er es gar nicht erst tut. Dafür schlabbert er gerne Früchte, deren Schalen er einfach auf den Teppich wirft. Ach ja, und seine dicke Freundin Nilpferd blockiert immer das Bad!

Klar, dass diese WG schon bald implodiert. Der feine Pinguin zieht aus und das bis zu dieser Stelle zauberhaft bunt gezeichnete Bilderbuch wechselt in schwarz-weiß. Traurig, traurig geht es mit einem Mal zu. Tapir schleppt sich lustlos an seinen Arbeitsplatz im Zoo, hält Ausschau nach Gordon, aber der ist nicht da. Wieder zuhause schreibt Tapir dem Pinguinfreund einen Brief, er vermisst ihn. Die beiden versöhnen sich, Tapir besucht Gordon in seiner neuen Wohnung, die kahl und leer und schick ist wie ein Gemälde von Edward Hopper. Am Ende aber schmeißt Tapir eine Party. In seiner Bude! Und das Buch wird wieder bunt. Dazu dekoriert er seine ohnehin schon mit Pflanzen und Krimskrams vollgestellte Wohnung auch noch mit von der Decke hängendem Klopapier, Girlanden und bunten Schnüren. Sogar Papageien feiern mit.

Nachdem mein Sohn fertig gelesen hat, sagt er: „Und ich bin jetzt auch ein Tapir. Wenn dir das nicht gefällt, Papi, dann bist du ein Pinguin und musst ausziehen.“ Ich bin dann nicht ausgezogen. Aber nachts betrete ich das Zimmer meines Sohnes nur noch mit Taschenlampe und Fahrradhelm. Die Sache wird nämlich immer gefährlicher. Derzeit liest er Kirsten Boies „Thabo, Detektiv und Gentleman“. In diesem Detektivkrimi wird in einem Safaripark ein Nashorn wegen seines kostbaren Horns ermordet. Ich sage Ihnen: Ein Vater muss mit allem rechnen.

Sebastian Meschenmoser

Gordon und Tapir

ISBN 978-3-480-23189-8

64 Seiten, € 14,99

Esslinger

Kirsten Boie

Thabo, Detektiv und Gentleman - Der Nashorn-Fall

ISBN 978-3-7891-2033-6

304 Seiten, € 12,99

Oetinger

Ab 10 Jahren

Taran Bjørnstad, Christoffer Grav

Der Krokodildieb

ISBN 978-3-407-82109-6

134 Seiten, € 12,95

Beltz & Gelberg

Ab 8 Jahren

Jörg Steinleitner
Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Jörg Steinleitner
Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Mehr zur Rubrik
Steinleitners Woche über gebrauchte Bücher und die Geheimnisse, auf die wir in ihnen stoßen
Titelbild Steinleitners Woche gebrauchte Bücher

Steinleitners Woche | 9. September 2019 | Jörg Steinleitner

Ein gebrauchtes Buch ist wie ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Jörg Steinleitners Kolumne über geheimnisvolle Zettel in Büchern, über die Liebesgeschichten, die sie andeuten und über persönliche Katastrophen.

Inmitten des zerstörten Afghanistans verbessert eine junge Frau mit Büchern und Lesen die Welt
Kolumne Steinleitners Woche Lesezirkel

Steinleitners Woche | 21. August 2019 | Jörg Steinleitner

Sie kommt aus dem gefährlichsten Land der Welt. Sie studierte in den USA und lernte Lesezirkel kennen. Die Geschichte einer jungen Frau, die in Afghanistan mit Büchern ein kleines bisschen die Welt rettet.

Von einem Auto, das auf der Autobahn selbständig die Türen öffnet und von einem, das Hochzeiten sabotiert
Titelbild Kolumne Steinleitners Woche sabotierende Autos

Steinleitners Woche | 12. Juli 2019 | Jörg Steinleitner

Autos springen nicht an und machen Dinge, die wir nicht wollen, z.B. bei strömendem Regen die Fenster öffnen. Sie verhindern Hochzeiten und stellen uns vor Rätsel. Jörg Steinleitners Kolumne über Autos, die einen zur Verzweiflung bringen – mit passenden Buchtipps!

Erst wollte Jörg Steinleitner nicht GNTM anschauen, aber dann konnte er doch nicht widerstehen
Steinleiteners Woche GNTM anschauen

Steinleitners Woche | 15. Mai 2019 | Jörg Steinleitner

Unser Kolumnist kannte Germany’s Next Topmodel nur vom Hörensagen. Doch seine Kinder brachten ihn dazu, mitzugucken. Und er verfiel ins Staunen. Es ist eine Sendung über Haltung und für Sprachbegeisterte.