Ein Buchhändler ist keine Kasse

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Ein Buchhändler ist keine Kasse

30. Dezember 2015 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Hommage an einen schwierigen Beruf und eine irre Facebook-Seite.

Jetzt, da das neue Jahr vor uns liegt wie ein roter Teppich, ist es Zeit zu danken. „Wem? Was? Warum so pathetisch?“ fragen Sie zurecht. Und womöglich auch: „Hat der Herr Kolumnist zu viel Buchstabensuppe gegessen?“ Aber nein, liebe Mitleser und Mitleserinnen, ich bin bei Sinnen und meine es ganz ernst: Lassen Sie uns diese Minuten nutzen, um jener zu gedenken, denen wir unser Leserleben verdanken; jenen, die in mühseliger Vorab-Lesearbeit dafür sorgen, dass das richtige Buch an den passenden Mann (und die passende Frau) kommt. Jenen einhundertzwanzigtausend – in Zahlen: 120.000 – Buchhändlerinnen und Buchhändlern in Deutschland, die Tag für Tag den Wahnsinn des Bücherempfehlens uns -verkaufens zelebrieren, um Leseglück in unsere Häuser zu tragen.

Buchhaendlerwahnsin

Sie meinen, denen müsse man doch nicht danken, weil Buchhändler doch ohnehin ein Traumjob sei? Wenn Sie sich da mal nicht täuschen, verehrte Mitleser und Mitleserinnen! Werfen Sie einen Blick auf die fabelhafte Facebook-Seite „Buchhändlerwelt und -wahnsinn“. Auf dieser Seite erzählen echte Buchhändlerinnen und -händler Anekdoten aus ihrem Alltag; Anekdoten, die mal unglaublich witzig, mal unglaublich schmerzhaft und manchmal einfach nur unglaublich sind.

Kürzlich etwa, so steht es auf der Seite, sei ein Vater mit seinem vierjährigen Sohn in einer Buchhandlung auf einen ganz gewöhnlichen Globus gestoßen. Auf die Frage des Kinds, was das sei, habe der Vater geantwortet: „Das, mein Sohn, ist Kugel Earth!“

Zugegebenermaßen ist dies ein eher exotisches Erlebnis. Wesentlich zahlreicher sind jene Anekdoten, die von der verzweifelten Suche der Kunden nach bestimmten Buchtiteln berichten – und den verzweifelten Versuchen der Buchhändler, ihnen dabei zu helfen: Mal verlangt ein Kunde nach „Am Anfang war der Tod“, nach aufwendiger Recherche stellt sich heraus, dass es eigentlich um „Am Ende war die Tat“ ging. Mal verlangt der Kunde nach „Tot im eigenen Körper“, aber eigentlich meinte er doch „Mein Leben ohne mich“. Ein altes Ehepaar suchte jüngst nach dem Werk „Narrenjahr“, welches sich nach endloser Suche als „Narnia“ entpuppte.

Sehr schön sind auch die Geschichten, in denen der Buchhändler sich in den Augen des Kunden auf kafkaeske Weise verwandelt: Ein Kunde fragt die an der Information sitzende Buchhändlerin: „Sind Sie die Kasse?“ Die Buchhändlerin: „Nein, zum Bezahlen gehen Sie bitte nach hinten.“ Der Kunde: „Sie sehen aber so kassenmäßig aus!“ Dieses Erlebnis ist kein Einzelfall. Immer mehr Buchhändlerinnen und Buchhändler berichten davon, für Kassen gehalten zu werden. Man fragt sich, welche Substanzen sich Buchkäufer vor dem Besuch einer Buchhandlung zuführen, wenn Sie derartigen Halluzinationen erliegen.

Allen potentiellen Buchkäufern, die hier gerade mitlesen, möchte ich gerne eine leicht zu handhabende Denkhilfe mit auf den Weg geben: Kassen sind meist klein, eckig und geben seltsame, oftmals elektronisch klingende Geräusche von sich. Buchhändler sind meist länglich (1,50 bis 2,10 Meter), ihre Gestalt endet nach oben hin in einer Art Kugel (nicht Kugel Earth!), die in der Lage ist, Lektüreempfehlungen von sich zu geben. Bitte überprüfen Sie bei Ihrem nächsten Buchhandelsbesuch das vor Ihnen stehende Wesen mithilfe dieser Parameter, ehe Sie es fälschlicherweise als Kasse ansprechen. Denn nicht erst seit Wittgenstein gilt: Ein Buchhändler kann keine Kasse sein. Und eine Kasse kann kein Buchhändler sein. Nebenbei bemerkt soll es aber Buchhändler geben, die gerne abkassieren. Doch dies ist eine andere Thematik, die nichts mit Philosophie zu tun hat.

Leider Gottes sind die kolportierten Geschichten nicht immer so lustig. Ja, mitunter kommen Buchhändler veritablen Verbrechen auf die Spur: Einmal verlangte ein Kunde nach einem Buch über „Tiefbau und Erdaushub“ in Verbindung mit einem Werk über „Trennung und Scheidung“. Hier stürzt der Buchdealer in eine moralische Zwickmühle. Fragen drängen sich auf: Wie weit reicht die buchhändlerische Treue? Gilt das Schweigerecht des Rechtsanwalts analog für den Buchanwalt? Macht sich der Buchhändler zum Mittäter, wenn er die beiden ganz offensichtlich in finsterer Absicht verlangten Bücher besorgt?

Wir sehen, dass jene, die uns mit Lektüren versorgen, ein brisantes, gefährliches und mühseliges Gewerbe ausüben. Sie stellen sich für uns mit ein Bein ins Gefängnis. Insofern danken wir Ihnen allen heute, liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler. Bitte machen Sie weiter so.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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