Jetzt, da das neue Jahr vor uns liegt wie ein roter Teppich, ist es Zeit zu danken. „Wem? Was? Warum so pathetisch?“ fragen Sie zurecht. Und womöglich auch: „Hat der Herr Kolumnist zu viel Buchstabensuppe gegessen?“ Aber nein, liebe Mitleser und Mitleserinnen, ich bin bei Sinnen und meine es ganz ernst: Lassen Sie uns diese Minuten nutzen, um jener zu gedenken, denen wir unser Leserleben verdanken; jenen, die in mühseliger Vorab-Lesearbeit dafür sorgen, dass das richtige Buch an den passenden Mann (und die passende Frau) kommt. Jenen einhundertzwanzigtausend – in Zahlen: 120.000 – Buchhändlerinnen und Buchhändlern in Deutschland, die Tag für Tag den Wahnsinn des Bücherempfehlens uns -verkaufens zelebrieren, um Leseglück in unsere Häuser zu tragen.
Sie meinen, denen müsse man doch nicht danken, weil Buchhändler doch ohnehin ein Traumjob sei? Wenn Sie sich da mal nicht täuschen, verehrte Mitleser und Mitleserinnen! Werfen Sie einen Blick auf die fabelhafte Facebook-Seite „Buchhändlerwelt und -wahnsinn“. Auf dieser Seite erzählen echte Buchhändlerinnen und -händler Anekdoten aus ihrem Alltag; Anekdoten, die mal unglaublich witzig, mal unglaublich schmerzhaft und manchmal einfach nur unglaublich sind.
Kürzlich etwa, so steht es auf der Seite, sei ein Vater mit seinem vierjährigen Sohn in einer Buchhandlung auf einen ganz gewöhnlichen Globus gestoßen. Auf die Frage des Kinds, was das sei, habe der Vater geantwortet: „Das, mein Sohn, ist Kugel Earth!“
Zugegebenermaßen ist dies ein eher exotisches Erlebnis. Wesentlich zahlreicher sind jene Anekdoten, die von der verzweifelten Suche der Kunden nach bestimmten Buchtiteln berichten – und den verzweifelten Versuchen der Buchhändler, ihnen dabei zu helfen: Mal verlangt ein Kunde nach „Am Anfang war der Tod“, nach aufwendiger Recherche stellt sich heraus, dass es eigentlich um „Am Ende war die Tat“ ging. Mal verlangt der Kunde nach „Tot im eigenen Körper“, aber eigentlich meinte er doch „Mein Leben ohne mich“. Ein altes Ehepaar suchte jüngst nach dem Werk „Narrenjahr“, welches sich nach endloser Suche als „Narnia“ entpuppte.
Sehr schön sind auch die Geschichten, in denen der Buchhändler sich in den Augen des Kunden auf kafkaeske Weise verwandelt: Ein Kunde fragt die an der Information sitzende Buchhändlerin: „Sind Sie die Kasse?“ Die Buchhändlerin: „Nein, zum Bezahlen gehen Sie bitte nach hinten.“ Der Kunde: „Sie sehen aber so kassenmäßig aus!“ Dieses Erlebnis ist kein Einzelfall. Immer mehr Buchhändlerinnen und Buchhändler berichten davon, für Kassen gehalten zu werden. Man fragt sich, welche Substanzen sich Buchkäufer vor dem Besuch einer Buchhandlung zuführen, wenn Sie derartigen Halluzinationen erliegen.
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