Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? Kritik | BUCHSZENE

Wie ist der ideale Lehrer? Brauchen Schulen möglichst viele Computer? Was können Eltern für den Schulerfolg ihrer Kinder tun? Jürgen Kaubes „Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?“ im Bestseller-Check.

Jürgen Kaubes „Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?“ kritisiert die aktuelle Bildungspolitik

23. August 2019 | Jörg Steinleitner

Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?

Jürgen Kaube

Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?

ISBN 978-3-7371-0053-3

336 Seiten | € 22,00

Rowohlt

Komik (4/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (4/5)

Unterhaltung (4/5)

Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?

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Jürgen Kaube war stellvertretender Feuilletonchef der FAZ

Es ist sehr einfach, Lehrer und ihren Unterricht zu kritisieren. Dabei darf sich jeder für einen Experten halten, denn mindestens eine Schule haben wir alle besucht. Jürgen Kaube, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und einstiger Ressortchef Geisteswissenschaften sowie stellvertretender Feuilletonchef, hat sich die Mühe gemacht, den Zustand unseres Schulwesens zu analysieren. Sein Buch „Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?“ ist das Ergebnis einer umfassenden Bestandsaufnahme, in der immer wieder auch die Schulsysteme anderer Länder eine Rolle spielen.

Das sollten Kinder können: Wissen, Nachdenken, Rechnen und Lesen

Wer Jürgen Kaubes von einem feinen, liebevoll gemeinen Humor getragene Werk liest, kommt aus dem Nicken und „Ja, genau!“ murmeln gar nicht mehr heraus. Jedenfalls, wenn der oder die Leserin kein Anhänger moderner Unterrichtsansätze ist, sondern das Gute eher in dem zu finden sucht, was Lehren und Lernen schon immer erfolgreich machte. Sein Buch ist ein Plädoyer für „zurück zu den Wurzeln“, als man Kindern und Jugendlichen vor allem vier Dinge beizubringen versuchte: Wissen, Nachdenken, Rechnen und Lesen. Denn darauf baue alles auf, meint der Autor. Er hält es für unsinnig, Kompetenzen zu unterrichten, ehe Wissen vorhanden ist. Er fordert dazu auf, die Schüler und Schülerinnen wieder mehr zum Nachdenken zu erziehen. Weg vom Copy und Paste des Internets zur wahren Reflexion. Er findet, dass die Fähigkeiten soliden Rechnens und Lesens die Grundlage für jeden weiteren Lern- und Berufserfolg sind und dass es gerade an ihrer Vermittlung hapert, weil die Lehrpläne vollgestopft sind mit unnötigem Detailwissen und der Vermittlung sogenannter Arbeitstechniken.

Es gibt keinen Beleg dafür, dass Computer das Lernen erfolgreicher machen

Der derzeit allerorten gehörten Forderung, mehr Computer in die Schulen zu bringen, erteilt Jürgen Kaube eine klare Absage: Keine Studie liefere Belege, dass erfolgreicher Unterricht etwas mit einer stärkeren Digitalisierung zu tun habe. Schulen seien Orte, an denen es um Dinge gehe, die sich nicht so leicht änderten. Dem Argument, Schulen müssten die Kinder auf die Zukunft vorbereiten und die sei digital, setzt Jürgen Kaube entgegen, dass die heutigen digitalen Errungenschaften von Menschen erfunden worden seien, die als Schüler noch gar keine Computer kannten, weil es sie nicht gab. Zudem sei es unmöglich, vor allem aber unbezahlbar, alle Schulen mit Computern auszustatten und diese dann dem Fortschritt entsprechend alle paar Jahre zu erneuern.

Wichtig ist es, Kinder im intelligenten Umgang mit allem zu schulen

Gegen einen Informatikunterricht spreche freilich nichts, allerdings stellt Jürgen Kaube in diesem Zusammenhang eine entscheidende Frage: Inwiefern sich denn ein intelligenter Umgang mit dem Internet überhaupt von intelligentem Umgang mit irgendetwas anderem unterscheide? Es sei also gar nicht unbedingt wichtig, die Kinder im intelligenten Umgang mit dem Internet zu schulen, sondern im intelligenten Umgang mit allem. Womit wir wieder bei Jürgen Kaubes Hauptforderung wären: „Nachdenken first“, alles andere second.

Die Lehrperson ist der Schlüssel zum Unterrichtserfolg

Was nun macht Unterricht zu einem gelungenen Unterfangen? Jürgen Kaube zitiert hier immer wieder eine Studie John Hatties aus dem Jahr 2008. Ihr Ergebnis: Einer der wichtigsten Faktoren für erfolgreichen Unterricht ist die Beziehung der Lehrperson zur Klasse. Wohlgemerkt zur Klasse und nicht zum einzelnen Kind. Es lohne sich deshalb wesentlich mehr, Geld in Lehrer zu investieren als in die Digitalisierung der Schulen. Desweiteren werden als zentrale Erfolgskonzepte genannt: Üben, lautes Denken, Klassendiskussion. All dies sind Tugenden, die seit Jahrhunderten das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden prägen.

Mehr Freiheit für den Unterricht zugunsten größerer stofflicher Tiefe

Jürgen Kaube hält den Unterricht an unseren Schulen für überfrachtet mit Stoff, was dazu führe, dass vor allem Inhalte „abgehakt“, aber nicht gedanklich durchdrungen würden. Er regt eine „Didaktik des verstehenden, also verlangsamten Denkens“ an: „Wieso nicht die ersten vier Wochen in Physik bei einem einzigen Vorgang verweilen: Ein Stein fällt aus dem Fenster, wohin fällt er?“ Hierfür wäre es nötig, dass Didaktik und Bildungspolitik ihre Nervosität ablegten, es könnte am Ende im Unterricht etwas nicht drangekommen sein. Stattdessen brauche es Freiheit für Lehrerinnen und Lehrer. Sie müssten Stoffe auslassen dürfen zugunsten von mehr stofflicher Tiefe.

Was zeichnet den idealen Lehrer, die ideale Lehrerin aus?

Voraussetzung für einen solchen Unterricht, der sich exemplarisch an die Einbildungskraft, das Denkvermögen, das Gedächtnis und die Urteilsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler wendet, seien allerdings Lehrer, „die sehr im Stoff stehen, sich gut in ihm und den Fragen, die er enthält, orientieren können.“ Der ideale Lehrer wirke vor allem, dies habe John Hatties Studie ergeben, über folgende Faktoren: Qualität der Instruktion, Glaubwürdigkeit, Klarheit, Feedback, Unterrichtsziele und Erfolgskriterien, modellhaftes Vorführen und Lösungen. Angesichts des Lehrermangels findet Jürgen Kaube, könnte man junge Forscher an die Schulen holen.

Große Verlogenheit – hier wird es für Kritiker der Schulen unbequem

Noch einen zentralen Punkt, der Schule bei Ihrem Gelingen hilft, nennt Jürgen Kaube: das Elternhaus. Er teilt allen Eltern, die glauben, die Schule allein sei dafür verantwortlich, dass aus ihren Kindern etwas werde, eine klare Absage: „Die Schule kann die Familie nicht vertreten. Es liegt eine gewaltige Verlogenheit darin, Kindern und Lehrern die Durchsetzung des gesellschaftlich Wünschenswerten zuzuschieben.“ Wenn das Internetverhalten der Erwachsenen die Konversation absorbiert, „ihre eigenen Geräte niemals abgeschaltet sind und jede Mitteilung sofort nachgeschaut werden muss, kein Gespräch davor sicher ist, von außen unterbrochen zu werden, bilde sich“, zitiert Jürgen Kaube die Medienwissenschaftlerin Sherry Turkle, „bei denen, die Kommunikation gar nicht mehr anders erfahren, das Vermögen zur Konversation erst gar nicht aus. Vom Vertrauen, jederzeit die Aufmerksamkeit der Eltern bekommen zu können, ganz zu schweigen.“ Wenn sich die Bildungssituation unserer Kinder zum Besseren ändern soll, genügt es also nicht, mit dem Finger auf die Schulen und ihre Lehrerinnen und Lehrer zu zeigen – jeder Erwachsene darf sich getrost zunächst einmal an die eigene Nase fassen.


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