Leϊla Slimani: All das zu verlieren. Kritik | BUCHSZENE

Adèle ist Ehefrau, Mutter und sexsüchtig. Ihre Krankheit bringt sie in dunkle Gassen, in die Hände gewalttätiger Männer und in Lebensgefahr. Leϊla Slimanis „All das zu verlieren“ im Bestseller-Check.

In Leϊla Slimanis Roman „All das zu verlieren“ riskiert eine Frau und Mutter wegen ihrer Sexsucht alles

15. Juli 2019 | Jörg Steinleitner

Leïla Slimani

All das zu verlieren

ISBN 978-3-630-87553-8

224 Seiten | € 22,00

Luchterhand

Romantik (3/5)

Weisheit (3/5)

Gänsehaut (4/5)

Unterhaltung (4/5)

All das zu verlieren

© Volodymyr Tverdokhlib shutterstock-ID: 1187675779

Eigentlich hat Adèle alles, doch in ihrem Körper haust ein Monster

Es ist die Geschichte einer Frau mit monströsem Sexualtrieb, von der die französische Schriftstellerin Leϊla Slimani in „All das zu verlieren“ erzählt. Adèle hat eigentlich alles: Einen Mann, der sie liebt und einen kleinen, gesunden Sohn. Sie hat einen spannenden Job als Journalistin in Paris und die Tatsache, dass ihr Ehepartner ein erfolgreicher Chirurg ist, ermöglicht ihr auch ein Leben in gehobenem Wohlstand. Doch in Adèles Körper haust ein Monster: Es ist die Krankheit Sexsucht.

Sie hat Sex mit fremden Männern und gerät dadurch in Lebensgefahr

Adèles Trieb äußert sich darin, dass sie sich regelmäßig höchster Gefahr aussetzt, indem sie mit wildfremden Männern Sex hat. Oftmals greift sie sich diese Männer von der Gosse auf. Dass Adèle dabei meist vergewaltigungsähnliche Zustände durchleidet, entspricht ihrem Lustgefühl. Niemand ahnt von Adèles geheimem Zweitleben. Es gelingt ihr, die Spuren ihrer brutalen Sucht – blauen Flecken, blutige Kratzer und andere Verwundungen – zu kaschieren.

Die Affäre mit einem berühmten Chirurgen führt zur Katastrophe

Doch die Situation spitzt sich zu, weil Adèles Ausschweifungen immer wilder werden und sie immer weniger in der Lage ist, ihr normales Leben aufrecht zu erhalten. Als sie sich in eine Affäre mit dem Vorgesetzten ihres Mannes, einem berühmten Arzt, stürzt, kulminiert die Situation. Denn nun stehen plötzlich Familie, Job und gesellschaftliche Stellung im Feuer. Die Heldin hat sich ihre persönliche Hölle geschaffen und es scheint nur noch ein schreckliches Ende vorstellbar.

Ist die Lektüre von Leϊla Slimanis „All das zu verlieren“ zu empfehlen?

Leϊla Slimani ist mit „All das zu verlieren“ ein außergewöhnlicher Bestseller gelungen. Der Roman ist sprachlich hochwertig, dabei aber keineswegs mühsam zu lesen. Leϊla Slimani findet treffende Bilder für die drastischen Gefühls- und Körperzustände, in die sie ihre Hauptfigur schickt. Die Geschichte wird getragen von einer gewissen Atemlosigkeit. Sie liest sich flüssig, man eilt förmlich durch die Seiten. Dennoch ist die Lektüre keine reine Freude. Dies liegt an der vor allem in der ersten Hälfte sehr präsenten Sexthematik: Wir begleiten Adèle in etliche erschreckende Gewaltszenen hinein und das ist – weil Leϊla Slimani diese anschaulich beschreibt – kein Genuss, sondern schlicht furchterregend und irgendwann vielleicht auch ein wenig zu viel des Kaputten.

Beruhigend ist, was die Autorin in einem Interview sagt

Deshalb ist es eine Erleichterung, als Leϊla Slimani etwa ab der Hälfte der Geschichte den Fokus des Erzählten vom Gewaltsex auf die Auswirkungen desselben rückt. Hier gewinnt die Story noch einmal an Tiefe: Wir erfahren, wie es einer Sexsüchtigen geht, wenn sich ihr Familien- und Berufsleben zerlegt und wie wenig Aussicht auf Heilung und Rettung sie hat. Leϊlia Slimanis „All das zu verlieren“ erinnert an Michel Houellebecqs  ja auch mitunter erschreckende Werke, wie z.B. „Serotonin“ oder „Unterwerfung“. Wie bei ihm häufig, hinterlässt die Lektüre ein Gefühl der Verunsicherung. Beruhigend in diesem Zusammenhang ist, was die Autorin in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte: Dass etwa 95 Prozent der Sexsucht-Patienten Männer sind und nur fünf Prozent Frauen. Diese erschütternde Geschichte ist zum Glück also gar nicht so wahrscheinlich.

Loading