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Babylon-Berlin-Autor Volker Kutscher im Interview über seinen Gereon-Rath-Krimi „Marlow“

Titelbild Marlow

Foto © Andreas Chudowski

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16. November 2018 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten


Volker Kutscher im Interview – über Geldhaie, den Morphium-süchtigen Göring und Erich Kästner, unsere gefährdete Demokratie, seine Fernsehserie „Babylon Berlin“ und den neuen Gereon-Rath-Krimi „Marlow“.


Herr Kutscher, Ihr neuer Gereon-Rath-Krimi „Marlow“ ist wieder spannend geschrieben und beeindruckend gut recherchiert. Wie behalten Sie den Überblick über die vielen Figuren und ihre Lebensläufe – es ist immerhin schon der siebte Band!

Die fiktiven Biographien meiner Figuren habe ich in Stichworten niedergeschrieben, so dass ich bei Bedarf da nachschauen kann. Ansonsten schlage ich bestimmte Details auch ab und an in den alten Romanen nach.

„Marlow“ spielt in den 30er-Jahren nach Hitlers Machtergreifung. Rath wird konfrontiert mit einem mysteriösen Todesfall: Ein Berliner Taxifahrer fährt mit seinem Fahrgast scheinbar grundlos und mit Vollgas gegen eine Mauer – beide sterben. Man möchte die Akte gerne schließen, doch Rath findet heraus, dass der Fahrgast ein Doppelleben führte. Dürfen wir noch mehr verraten?

Was man über das oben Beschriebene hinaus noch sagen kann, ist, dass der Konflikt zwischen Rath und Marlow, der sich nach langen Jahren der wechselseitigen Unterstützung in „Lunapark“ schon abzeichnet, im aktuellen Roman eskaliert. Außerdem lernen wir – wie der Titel schon nahelegt – Johann Marlow und seine verborgenen Schwächen besser kennen. Und dann geht es um die Vergangenheit von Charlotte Rath, geborene Ritter. Rath lernt Seiten an seiner Frau kennen, von denen er bislang nichts ahnte.

Im Laufe der Ermittlungen kommt Rath drauf, dass es zwischen dem Tod des Mannes aus dem Taxi und dem Tod von Raths Schwiegervater einen Zusammenhang gibt. War Ihnen denn damals, als Sie den Schwiegervater sterben ließen, schon klar, dass Sie diesen Faden der Geschichte noch einmal aufgreifen würden?

Dass Charlys Vater tot ist und dass dieser Tod die Tochter sehr belastet, ist ja schon seit den ersten Rath-Romanen klar. Die Art und Weise allerdings und die Umstände, unter denen Christian Ritter ums Leben gekommen ist, die wurden erst konkret, als ich die Kurzgeschichte „Moabit“ für Kat Menschiks wunderschöne illustrierte Reihe geschrieben habe. Und damals, also vor knapp zwei Jahren, war mir schon klar, dass diese Vorgeschichte, bei der einige Fragen offen bleiben, auch in einem Roman wieder aufgegriffen werden müsste.

Im Laufe der Geschichte geraten Gereon Rath und seine Frau Charly immer häufiger in die Situation, sich zum Nationalsozialismus bekennen zu müssen, obwohl sie dies nicht wollen. Aber die Stimmung auf der Straße ist einfach so. Dieses Jahr ging mal die Meldung durch die Medien, dass mitten in München eine deutsch-eritreische Unternehmerfamilie von zwei Frauen als „Deutsche zweiter Klasse“ angepöbelt wurden. Ich musste sofort an Ihren Roman denken. Gehen wir zu weit, wenn wir sagen, dass wir uns in Deutschland, was Rassismus angeht, gerade in einer gefährlichen Richtung bewegen?

Viel gefährlicher als der Hass einiger Unbelehrbarer, die es leider immer geben wird, ist die Gleichgültigkeit und Ignoranz der Vielen. So war es damals, so ist es auch heute. Wenn ich in Chemnitz als besorgter Bürger auf die Straße gehe, um gegen zunehmende Gewalt im öffentlichen Raum zu demonstrieren, dann ist das mein gutes Recht. Wenn ich dann aber sehe, dass die Demonstranten neben mir den Hitlergruß zeigen, wenn ich höre, dass sie Naziparolen skandieren, dann muss ich reagieren. Mindestens nach Hause gehen. Besser aber, die Polizei darauf aufmerksam machen, dass da neben mir gerade verfassungsfeindliche Dinge getan werden. Wenn ich das nicht tue, darf ich mich auch nicht wundern, wenn ich selbst als Nazi bezeichnet werde. Das bin ich dann nämlich, oder aber ein nützlicher Idiot. Sowas hat man früher Mitläufer genannt. Und ohne die vielen Mitläufer hätte es das Dritte Reich nie gegeben.

Ist unsere Demokratie in Gefahr?

Ja. Und wir müssen darum kämpfen, so einfach ist das. Kopf in den Sand oder Hände in die Taschen stecken ist keine Option. Aber wir dürfen nicht vergessen: die Gefahr kommt nicht nur von rechts. Auch Salafisten und radikale Islamisten gefährden unsere Demokratie, autokratische Herrscher wie Putin oder Erdogan, Rechtsstaatsverächter wie Trump. Man sollte sich immer wieder bewusst machen, wie wertvoll unsere Errungenschaften sind, Errungenschaften, für die viele Menschen in der Vergangenheit gekämpft haben und gestorben sind: Demokratie, Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und man sollte nie vergessen, wie schnell es gehen kann, dass so etwas vor die Hunde geht. Wenn es eine Lehre aus den Jahren vor und nach 1933 gibt, dann diese.

Rath besucht den Reichsparteitag in Nürnberg, um seinen Pflegesohn Fritze beim Marschieren zu „bewundern“, aber auch, um geheime Akten über die Bespitzelung Görings zu stehlen. Dabei beobachtet er zufällig Hitlers Ankunft. Als alle „Heil Hitler“ rufen, kann Rath plötzlich nicht anders, und ruft mit. Was passiert da?

Er befindet sich mitten in einer fanatisierten Masse und merkt, dass er da als einzig Andersdenkender einfach nicht gegenan kann. Sein Körper macht Dinge, die sein Kopf eigentlich gar nicht will. Er erlebt, wie es ist, Teil eines Massenwahns zu werden.

Sie spicken Ihren Kriminalroman mit wunderbaren Details; einmal etwa serviert Raths Schwiegermutter den Nachtisch „Errötendes Mädchen“ oder Charly liest „Das kunstseidene Mädchen“, den die Frau vom Jugendamt als „Asphaltroman“ bezeichnet. Wo finden Sie solcherlei Details?

Überall. In zeitgenössischen Romanen, in Biographien, in Filmen, in Zeitungen. Ich mag solche Alltagsdetails, sie bringen uns die Welt von damals näher. Dass Charly Irmgard Keun liest und andere Romane der Neuen Sachlichkeit, die die Nazis als Asphaltliteratur verschmähten, hat natürlich auch etwas mit meiner Vorliebe für diese Literatur zu tun. Das „errötende Mädchen“ habe ich aus dem wunderbaren Film „Kästner und der kleine Dienstag“, den ich all meinen Lesern wärmstens ans Herz legen möchte. Der Film zeigt in anderthalb Stunden, wie perfide und boshaft die Nazis das Leben nach 1933 in Deutschland vergiftet haben, und er zeigt es so gut und so bewegend, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe.

Am Ende scheint es so, dass jeder jeden belügt und ausspioniert. Niemand darf sich mehr sicher fühlen – bis hinauf zu Göring, den Sie als Morphium-süchtigen, impotenten Geldhai schildern, der mit Kriminellen kooperiert. War das wirklich alles so?

Meine Kriminalhandlung ist natürlich wie immer fiktiv. Dass Göring da am Rande mitmischt, ist also ebenfalls reine Fiktion. Gleichwohl wäre es dem Mann zuzutrauen gewesen, so zu handeln, wie er in „Marlow“ handelt. Göring hätte einen veritablen Gangsterboss abgegeben, da bin ich mir sicher. Wie grausam er sein konnte, hat er mehrfach bewiesen, ebensoviele Belege gibt es für seine Raffgier. Und dass er seit seiner Verletzung, die er sich beim Hitlerputsch in München einfing, morphiumsüchtig war und Potenzprobleme hatte, das ist belegt.

Ihr erster Gereon-Rath-Roman wurde von Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten unter dem Titel „Babylon Berlin“ verfilmt. Wird diese Zusammenarbeit weitergehen? Welche Rolle spielen Sie dabei?

Ich liefere mit meinen Romanen die Vorlagen (die sind zum Glück größtenteils schon geschrieben) und die drei – Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries – adaptieren das zu ihrer Serie „Babylon Berlin“, so sieht die Zusammenarbeit aus. Ich bin zwar eingebunden, werde regelmäßig unterrichtet, spiele aber keine aktive Rolle bei diesem Projekt, weder als Drehbuchautor noch sonstwie. Dazu fehlte mir auch die Zeit. Mein Romanprojekt ist noch nicht beendet. Zwei bis drei Romane sind noch zu schreiben. Erst mit dem Jahr 1938 wird die Rath-Reihe enden. Mal schauen, ob mich die Fernsehserie irgendwann einholt, ich glaube nicht. Aber ich bin froh, dass die verantwortlichen Sender Tom, Henk und Achim weitermachen lassen; inzwischen wird die Adaption des zweiten Rath-Romans „Der stumme Tod“ vorbereitet. Ich hoffe sehr, dass die TV-Serie mindestens bis 1933 geht, lieber aber noch darüber hinaus. Ich bin mit „Marlow“ jetzt schon im Herbst 1935.

Hat die Verfilmung Ihr Leben, Ihren Alltag als Autor verändert?

Nein. Außer dass ich in Interviews nun öfter auf „Babylon Berlin“ angesprochen werde. Ich mag die Serie, ich finde sie sehr gelungen, damit wir uns nicht missverstehen, aber ich schreibe meine Romane nicht, damit sie verfilmt werden, ich schreibe sie, damit sie gelesen werden. Und da freue ich mich auch, wenn die Rath-Romane andere kreative Menschen zu Adaptionen anregen, sei es als Graphic Novel, als TV-Serie oder als Hörspiel, doch ist mir dabei sehr bewusst, dass das andere Projekte sind als meine Romanreihe. Auf der liegt mein Fokus.

Raths und Charlys Pflegesohn Fritze ist zu Beginn der Geschichte stark von Nazi-Denken infiltriert. Als man ihn aber aus der Familie reißt, weil deren Gesinnung nicht Nazi-konform ist, beginnt es in ihm zu arbeiten. Wissen Sie schon, wie es mit Fritze im nächsten Band weitergeht?

Natürlich habe ich Ideen, wie es weitergehen könnte, aber die verrate ich nicht. Nicht nur, um Spoiler zu vermeiden, sondern weil ich ganz einfach nicht weiß, ob ich diese Ideen am Ende auch genauso umsetzen werde können. So etwas entscheidet sich bei mir immer erst während des Schreibens.

Und was wird aus der Ehe zwischen Rath und Charly?

Für die gilt dasselbe. Ich lasse mich da überraschen.

Volker Kutscher
Volker Kutscher

Geboren 1962, arbeitete Volker Kutscher nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte zunächst als Tageszeitungsredakteur und Drehbuchautor, bevor er seinen ersten Kriminalroman schrieb. Heute lebt er als freier Autor…
Zur Biografie von Volker Kutscher

Volker Kutscher
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