Michael Tsokos: Abgeschnitten. Film-Interview | BUCHSZENE

Prof. Dr. Michael Tsokos über seinen und Sebastian Fitzeks Thriller „Abgeschnitten“, der ins Kino kommt

Titelbild Abgeschnitten

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9. Oktober 2018 | Interview: Jörg Steinleitner


Sebastian Fitzeks und Michael Tsokos‘ Thriller “Abgeschnitten“ wurde verfilmt. Wir sprechen mit dem Rechtsmedizin-Professor über Zettel in den Köpfen von Leichen, kuriose Fälle und Hannibal Lecter.


Herr Professor Tsokos, Moritz Bleibtreu spielt in der Verfilmung Ihres Bestsellers „Abgeschnitten“ Ihr alter ego. Inwiefern erkennen Sie sich da wieder?

Das ist sehr gut gelungen und genau das war ja auch das Anliegen von Sebastian Fitzek und mir: Wir wollten eine Obduktion und die Arbeit eines Rechtsmediziners im Sektionssaal so authentisch wie möglich darstellen. Denn fast alles, was wir sonst in Krimis zu sehen oder zu lesen bekommen, ist unrealistisch. Ich denke da nur an die Minzpaste, die sich die Tatortkommissare seit Hannibal Lecter unter die Nase schmieren. Das ist vollkommen unsinnig, denn wir benötigen unseren Geruchssinn, um die unterschiedlichen Gerüche wahrnehmen zu können, die auch auf unterschiedliche Vergiftungen hinweisen können.

Die Geschichte ist ziemlich drastisch: Rechtsmediziner Paul Herzfeld findet bei einer Autopsie im Kopf der Leiche einen Zettel mit der Handynummer seiner Tochter Hannah. Hannah ist entführt worden. Gehört es zum Alltag von Rechtsmedizinern, in Leichen merkwürdige Gegenstände wie Zettel mit Handynummern zu finden? Ist Ihnen selbst in Ihrer Laufbahn jemals etwas Vergleichbares passiert?

Ich hatte mal einen Fall, da hatte jemand einen Zettel mit einem Namen drauf in der Hosentasche, als wir seine Bekleidung bei der Obduktion untersuchten. Auf dem Zettel stand „Wenn ich sterbe, ist XY dafür verantwortlich“. Das war die Inspiration für die Handynummer im Kopf. Aber nein, letzteres ist mir so noch nicht untergekommen, das ist dramaturgische Freiheit.

Wie ging es Ihnen, als Sie im Kino den Film das erste Mal sahen?

Ich war restlos begeistert. Was ja nicht alle Autoren von sich behaupten können, wenn sie die filmische Umsetzung ihres Werkes sehen. Ich bin mir sicher, der Film wird eine Benchmark im deutschen Kino. Der Cast, die Bilder – der Film ist vom ersten Moment bis zum letzten einfach großartig geworden.

Was empfinden Sie als besonders geglückt?

Ich war erstaunt, wie es dem Regisseur Christian Alvat gelungen ist, dass man zwischendurch laut lachen kann. Vielleicht würde auch sonst mancher Kinobesucher die drastischen Bilder nicht ganz so gut verkraften. Und die Schauspieler sind überragend. Es sind keine einfachen Rollen, die sie aber alle unglaublich berührend spielen.

Haben Sie Moritz Bleibtreu, Jasna Fritzi Bauer, Lars Eidinger und die anderen Schauspieler persönlich kennengelernt? Konnten Sie ihnen Ihre Arbeit als Rechtsmediziner erklären und es ihnen so erleichtern, in die Rollen zu schlüpfen?

Einige waren bei einer Obduktion mit dabei und ich war als Berater mit am Set, das hat sicher etwas ausgemacht. Außerdem spielen einige meiner echten Kollegen in dem Film mit, das macht die Stimmung und Atmosphäre auch noch mal authentischer.

Muss ein Rechtsmediziner wie Sie eigentlich auch manchmal schauspielern?

Als Rechtsmediziner bin ich objektiv und authentisch, das erfordert der Beruf. Zu Hause muss ich manchmal meinen Kindern gegenüber etwas schauspielern, zum Beispiel, wenn ich empört über irgendetwas tun muss, was sich nicht gehört, über das ich aber eigentlich laut loslachen möchte. Aber ich durfte in „Abgeschnitten“ eine kleine Rolle spielen, sozusagen mich selbst, denn ich bin ein Professor und halte eine Vorlesung. Das hat Spaß gemacht, ich hatte aber natürlich nur ein paar Sätze und das war wiederum auch gut so.

Gibt es etwas, wo der Film vollkommen von der Realität weggeht?

Die zeitliche Verdichtung der Geschehnisse. Aber ansonsten ist alles sehr realistisch. 

Sie haben den Thriller gemeinsam mit Sebastian Fitzek geschrieben. Wie sah Ihre Zusammenarbeit konkret aus?

Als wir uns kennenlernten, hatte ich die Idee zu dem Plot schon im Kopf, denn mir war genau das passiert:  Ich konnte eine Obduktion wegen eines Unwetters auf Helgoland nicht durchführen. Die Insel war durch einen Orkan vom Festland abgeschnitten und ich saß in Cuxhaven fest. Wie komme ich jetzt an die Befunde der Leiche? Sebastian war gleich begeistert. Wir haben uns dann oft getroffen, Textentwürfe und -passagen hin- und her gemailt und sind auch einmal nach Helgoland geflogen. Mit Sebastian Fitzek zusammen zu arbeiten ist ein Geschenk.

Wenn wir bereits Ihr Buch „Abgeschnitten“ kennen – wieso sollten wir trotzdem noch den Film ansehen?

Weil Sie so einen Film im deutschen Kino noch nicht gesehen haben!

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