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Tina Rausch und Ulrich Kirstein im Interview über „Allgemeinbildung deutsche Literatur für Dummies“

Titelbild Allgemeinbildung deutsche Literatur für Dummies - Tina Rausch, Ulrich Kirstein

Foto © Alke Müller-Wendlandt

7. August 2018 | Interview: Jörg Steinleitner


Alles, was man über Bücher wissen sollte in einem Band? Im Interview erklären Tina Rausch und Ulrich Kirstein ihr so amüsantes wie kluges Werk „Allgemeinbildung deutsche Literatur für Dummies“.


Frau Rausch, Herr Kirstein, ist es okay, wenn ich schon beim Lesen der ersten Seiten Ihres neuen Buchs „Allgemeinbildung deutsche Literatur für Dummies“ lachen musste?

Ulrich Kirstein: Ja, klar, wir wollten unseren Lesern gleich zu Beginn die Schwere und Bedeutungstiefe nehmen, die Themen wie Literatur und Allgemeinbildung hierzulande oftmals einnehmen. Was fanden Sie denn lustig?

Ihre Zusammenfassung von Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ in einem Satz. Die endet mit „… und beteiligt sich an den Vorbereitungen der sogenannten Parallelaktion anlässlich des 70. Thronjubiläums von Kaiser Franz Joseph und des 30. Thronjubiläums des Deutschen Kaisers Wilhelm II. im Jahr 1918, die wohl nie stattfinden wird – genau wie der Roman kein Ende findet.“ Dieser flapsige Ton gefällt mir.

Kirstein: Wir haben so geschrieben, wie wir es selbst gerne lesen würden. Manchmal, das geben wir zu, ist der Gaul auch etwas mit uns durchgegangen. Da war es dann an unserer Lektorin, uns zu zügeln.

Tina Rausch: Das Zitat stammt aus den sogenannten Schummelseiten. Wenn Lesen nicht so Ihr Ding ist, können Sie sich die folgenden knapp 500 Seiten auch sparen: Mit diesen vier Seiten kommen Sie überall als Profi durch!

Ich habe ja selbst Literaturwissenschaft studiert und muss sagen, dass der Titel Ihres Buchs ein Etikettenschwindel ist: Für Dummies ist das gar nicht, was Sie da geschrieben haben. Sondern das ist richtig gut recherchiert und dazu noch unterhaltsam! Für wen ist dieses Buch also?

Kirstein: Gute Frage! Der Stempel „Für Dummies“ der Reihe ist keinesfalls so gemeint, dass die Leser dumm sind, sondern dass sie sich in genau diesem Fachgebiet (noch) nicht so gut auskennen und mehr wissen wollen. Daher richtet sich das Buch an alle Literaturinteressierten, an Viel-Leser, die Struktur in ihr Leseverhalten bekommen wollen, und an Wenig-Leser, die Ideen für neue Lektüre suchen. Schüler, Studierende der Germanistik und Deutschlehrer wollen wir auch nicht ausnehmen – und natürlich alle, die gerne mit ihrem Wissen angeben wollen!

Rausch: Nicht zu vergessen diejenigen, die nach Klatsch und Tratsch aus dem Literaturbetrieb gieren …

Wieso sollte man über Literatur Bescheid wissen – heute, wo man alles im Smartphone nachschauen kann und Literatur ohnehin an Stellenwert einzubüßen scheint?

Kirstein: Ja, wobei das Bescheidwissen gar nicht so im Vordergrund stehen soll, sondern die Lust am Wissen. Und, ganz ehrlich, das Smartphone macht sich im Regal wesentlich schlechter als Bücher!

Tina Rausch: Das Tolle ist, dass man durch dieses dicke Buch ähnlich wie durchs Internet surfen kann. Der modulare Aufbau erlaubt es, von einer Anekdote über Goethe zurück zu Skurrilem über Ritterromane zu springen – und von dort in die Jetztzeit zu den Berliner Lesebühnen.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Themen vorgegangen? Hatten Sie feste Kriterien?

Rausch: Na ja, eine gewisse Struktur gibt die Geschichte der deutschen Literatur ja per se vor. Innerhalb dieses Rahmens haben wir uns dann lustvoll ausgetobt – und wild diskutiert.

Hatten Sie manchmal auch schwierige Entscheidungen zu fällen?

Kirstein: Manchmal? Das Gefühl war uns ein treuer Begleiter, und wir stolperten regelmäßig über unsere eigene Vermessenheit, so ein Buch anzugehen. Wir haben auch grundsätzlich alle Timelines des Verlages überzogen – im Übrigen auch die angedachten Vorgaben an Seitenzahlen bei Weitem übertroffen.

Rausch: Am kniffeligsten war die Auswahl der zehn Must-have-Autorinnen und Autoren am Ende des Buches. Um unser schlechtes Gewissen zu beruhigen, stellen wir zum Schluss noch zehn Schriftsteller vor, die (nicht nur von uns) zu Unrecht vergessen wurden. Im Grunde hätte es dann noch ein Kapitel geben müssen über die, die bei den zu Unrecht Vergessenen zu Unrecht vergessen wurden …

Kirstein: … und gerade bei den Zeitgenossen waren wir uns nicht wirklich einig über so manche Autoren und ihre jeweilige Bedeutung.

Apropos Zeitgenossen: Wieso kommt der Schriftsteller Jörg Steinleitner im ganzen Buch nicht vor? Wird das in der zweiten Auflage korrigiert?

Kirstein: Ja, wieso eigentlich. Wir müssten uns bei ihm entschuldigen. Eine zweite Auflage wäre auch deshalb gut, weil es noch viele weitere spannende Sachgebiete gibt, die es diesmal nicht ins Buch geschafft haben, Graphic Novels zum Beispiel oder auch Kinder- und Jugendliteratur.

Rausch: Bei Jörg Steinleitner stünden wir vor dem Problem, welchem Genre wir ihn zuordnen sollten: Kinder- und Jugendliteratur, Popkultur, Krimi, zeitgenössische Romane … Sie sehen schon, der Teufel liegt im Detail!

In welchen Situationen wird mir als Leser dieses Buch zur Seite stehen?

Kirstein: Wenn Sie zum Beispiel verzweifelt einen passenden Gegenstand suchen, um ihn zwischen die Türe zu klemmen, damit sie nicht zufällt, wird Ihnen das knallgelbe Buch sicher sofort in die Augen stechen.

Das Buch ist ja wirklich auch lustig, mit einem Augenzwinkern geschrieben. Haben Sie selbst Lieblingsstellen, die Sie besonders gelungen finden?

Rausch: Was gelungen ist, dürfen uns gerne die Leserinnen und Rezensenten erzählen. Unabhängig von witzig oder nicht, mag ich persönlich das Kapitel 2 über die Einsichten in den Literaturbetrieb sehr gerne.

Kirstein: Wobei das Kapitel 11 über die Dichter im Exil uns auch sehr am Herzen liegt.

Rausch: Das stimmt, oder auch das Kapitel 3 über den Roman und das 10. über die Ismen des 20. Jahrhunderts …

So, und zum Schluss würden wir gerne noch wissen, welche Tatsache über die deutsche Literatur so spannend ist, dass wir damit auf einer Party einen attraktiven Doktoranden oder eine charmante Doktorandin für uns interessieren können. Womit sollten wir einsteigen?

Kirstein: Das ist eine schwierige Frage, vor allem, weil Sie offensichtlich auf Titel einen größeren Wert legen als auf das Geschlecht.

Rausch: Die Frage wäre eher, um welche Profession es geht. Bei angehenden Ärzten könnten Sie vielleicht mit Wissenswertem über Rainald Goetz punkten. Und bei Juristen damit, Schriftsteller aufzuzählen, die auch als Anwälte tätig waren. Da fällt mir ein, dass wir in diesem Zusammenhang einen gewissen Jörg Steinleitner vergessen haben …

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