Ein Lokalpolitiker, der die Menschen aufhetzt und eine Anschlagsserie. Peter Gerdes‘ Krimi „Hetzwerk“ spielt in Ostfriesland. Im Werkstattbericht führt uns der Autor zunächst auf eine falsche Fährte.

Leidenschaftlich erläutert Peter Gerdes die Entstehung seines Krimis „Hetzwerk“

24. Mai 2021 | Redaktion

Titelbild Hetzwerk

Soll ich wirklich über meine verflossene Geliebte schreiben?

Die verflossene Geliebte. Soll ich wirklich über sie schreiben? Sie literarisch verarbeiten, öffentlich bloßstellen, aller Welt vorführen, wie sie wirklich tickt? Wie gierig und gemein sie sein kann, wie verlogen, wie gut sie heuchelt, obwohl sie in Wahrheit längst über ihre alten Ideale lacht? Soll ich das wirklich tun?

Es könnte wie eine verspätete Revanche, wie Rache aussehen

Es könnte wie Rache wirken, wie ein verspätetes Revanchefoul. Schließlich haben wir uns schon vor langer Zeit getrennt. Nein: Ich habe sie verlassen. Sie hätte mich schon noch eine Weile ertragen, vielleicht sogar für immer. Ja, das hätte sie. So egal war ich ihr. Solche wie mich hatte sie Dutzende an jedem Finger, hat sie immer noch. Wohlmeinende Idealisten, immer gut für niedere Dienste. Ins Hinterzimmer aber geht sie mit den anderen, genau wie früher, da ist sie sich treu geblieben. Sich. Aber mir nicht!

Kaum waren wir zusammen, gab es Streit – ein Dauerzustand

Ja, ich schreibe über sie. Ich mache sie richtig fertig. Dabei liebe ich sie doch immer noch! Seit damals, als mein Vater uns miteinander bekannt gemacht hat. Kaum waren wir zusammen, gab es Streit – ein Dauerzustand bis zur späteren Trennung und darüber hinaus. Und trotzdem, solch eine Liebe vergeht nie ganz. Auch wenn die Geliebte längst nicht mehr die ist, der ich einst verfiel. Ich trage es in mir, da machst du nichts! Ihr Name? Sie heißt SPD.

Es lag an Willy Brandt, seinerzeit. Doch dann kam die kalte Dusche

Natürlich wegen Willy Brandt seinerzeit. Das Pathos, diese großen Gesten, der Kniefall in Warschau! Vor allem aber seine Vergangenheit als Emigrant und Widerstandskämpfer. Alle anderen Bundestagsparteien steckten voller Mitläufer und Mittäter, da kam doch nur diese eine Partei in Frage! Also rein da mit 17, voller Euphorie. Sofort kalte Dusche: verständnisloses Herumsitzen bei unverständlichen Debatten. Die höheren Ränge waren nie dabei, entschieden später sowieso nach eigenem Gutdünken. In der nächsten Versammlung erklärten uns ihre Kofferträger, warum das richtig gewesen war. Diese Kofferträger waren die nächsten auf der Karriereleiter, und nur wer nickte, bekam die Chance, ihnen nachzufolgen.

Irgendwann war Schluss. Ich trat aus der SPD aus

Frust, Rückzug, Abstand. Nächster Versuch an der Uni, wo seinerzeit linke Positionen dominierten. Aber egal, was dort entwickelt wurde, in den Ortsvereinen wurde alles geblockt. Die SPD zimmerte sogar das Hochschulrahmengesetz, das viele Reformansätze abwürgte. Nächste Frustphase. Und immer so weiter, bis hin zum Schröderismus und der Zerstörung der Ems durch eine rot-grüne Landesregierung. Da war dann Schluss, Austritt, Tschüss.

Ein literarisches Schlaglicht könnte unseren politischen Zustand erhellen

Und das noch einmal im Roman thematisieren? Wo wir doch gerade ganz andere Probleme haben? AfD und Neue Rechte, gewaltbereite Schwurbler, Islamismus und Antisemitismus, Krisen und Krisenprofiteure? Genau darum. Denn jetzt fehlt eine Gegenkraft, ein sozial kompetentes Sammelbecken, ein wertestabiles Bollwerk. Nicht jeder merkt das, denn die Fassade steht ja noch. Ein literarisches Schlaglicht könnte diesen Zustand erhellen und enthüllen. Also warum nicht?

Hauptkommissar Stahnke, Nidal Ekinci und Kramer sind sofort dabei

Mein Ermittlerteam ist sofort dabei. Hauptkommissar Stahnke war nie ein ausgewiesener Linker, aber er hat gelernt, nicht zuletzt von seiner langjährigen Freundin Sina – und er hasst Verlogenheit. Dem detailversessenen Stoiker Kramer muss man mit „alternativen Fakten“ gar nicht erst kommen, und Nidal Ekinci ist ein zu helles Köpfchen, um sich dauerhaft für dumm verkaufen zu lassen.

Den Fall zu „Hetzwerk“ liefern ein paar karrieregeile Lokalpolitiker

Und der Fall? Den liefern ein paar ebenso karrieregeile wie gewissenlose Lokalpolitiker frei Haus. Jedenfalls den Ansatz dazu, denn natürlich entwickeln sich die Dinge zwischen Buchdeckeln doch anders. Vollkommen anders. Da kommt zum einen Hetzer-Netzwerk bald ein zweites, ebenfalls der Realität abgeschautes. Wo beide sich überlappen, kommt die Fiktion auf Touren. Schon sind all die anderen Probleme wieder präsent. Die Dinge werden zunächst brisant, dann brandgefährlich. Und sehr schnell tödlich.

Ich habe nur eine Sorge: Dass die Realität meine Fiktion überholen könnte

Warum so schnell? Weil die Fiktion sich sputen muss, um mit der Realität Schritt zu halten. Selten habe ich so große Sorge gehabt, die überraschenden Wendungen meines neuen Buches noch vor dessen Erscheinen morgens in der Zeitung zu lesen! Oder gar den Showdown. Sicherheitshalber habe ich gleich zwei eingebaut …

Ein Ostfrieslandroman. Das Böse ist immer und überall

Ein Ostfrieslandroman? Ein Regionalkrimi? Ganz gewiss. Die Region ist hier pars pro toto, ist eine Versuchsanordnung unter der Lupe. Und Ostfriesland ist mehr als Deichschafe und Schäfchenwolken. Idylle ist anderswo, hier geht’s zur Sache. Machen wir uns nichts vor, das Böse ist immer und überall. Gleich hinterm Deich ganz besonders.

Der Inhalt von Peter Gerdes‘ Kriminalroman „Hetzwerk“ auf einen Blick:

Regionalpolitiker Carsten Fecht hetzt online gegen jeden, der seiner Karriere im Wege steht. Bis er erschossen wird. Hat sich eins seiner Opfer gerächt? Oder fürchtete ein Mittäter peinliche Enthüllungen? Hauptkommissar Stahnke und sein Team haben die Ermittlungen kaum aufgenommen, als mehrere Anschläge Ostfriesland erschüttern. Hängen die Fälle zusammen? Steckt ein Netzwerk dahinter? Je näher Stahnke und Kollege Ekinci der Wahrheit kommen, desto brisanter wird die Lage. Auch für sie selbst …


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