
© ARVD73, Shutterstock / Autorin: © Felix Matthies
Frau Wollschlaeger, nach „Elbschuld“ und „Elbschmerz“ legen Sie Ihren fünften Krimi vor. Ihr neues Werk „Elbfang“ beginnt mit einer Liebesszene, die einen ziemlich gruseligen Verlauf nimmt.
Ja, der Heiratsantrag geht gründlich in die Hose. Dabei hat Moritz sich so viel Mühe gegeben. Hanna und er sitzen bei einem romantischen und exquisiten Picknick an der Krückau bei Kronsnest, ein Meer aus Teelichtern erleuchtet die Nacht. Doch bevor Moritz richtig loslegen kann, schippert ein mysteriöser Sensenmann in einem Boot an ihnen vorbei. Das war´s dann mit der romantischen Stimmung.
Natürlich meldet das Liebespaar diese verstörende nächtliche Szene. Wie reagiert die Polizei auf die Erzählungen vom Mann mit der Kutte?
Die Beamten der Bereitschaft, die vor Ort eintreffen, nehmen das Ganze zwar auf, aber nicht sehr ernst. Deshalb drücken Sie es auch den Kollegen aus Kophusen aufs Auge. Als Hauke Thomsen und Peter Brandt sich den „Tatort“ bei Tageslicht anschauen, ist Hauke wenig überzeugt. Aber so leicht gibt Peter nicht auf und am Ende hat er den richtigen Riecher.
Die Beamten finden also etwas, das nahelegt, dass man die Geschichte mit dem Sensenmann nicht völlig auf die leichte Schulter nehmen sollte?
Ganz genau! Dank Peters Hartnäckigkeit setzen sie mit der Fähre über. Und siehe da, sie entdecken einen Scheiterhaufen, der getarnt als Holzverschnitt auf seinen Einsatz wartet.
Ein Scheiterhaufen ruft in unserer Vorstellung sofort mittelalterliche Bilder hervor, wir denken zum Beispiel an Hexenverbrennungen. Ist das die richtige Richtung?
Ja und Nein. Die Assoziation ist natürlich gewollt, obwohl hier keine Hexen verbrannt werden. So viel kann ich verraten. Es geht mehr um die öffentliche Bestrafung. Ein Mahnmal, wenn man so will. Außerdem dient diese spektakuläre Art und Weise der Hinrichtung noch einem anderen Zweck …
Und dann erinnert sich Peter Brandt noch an einen Vermisstenfall, der ins Bild passen würde …
Ja, es handelt sich dabei um einen früheren Fährmann. Da schrillen bei Peter natürlich sofort sämtliche Alarmglocken.
Schließlich scheint noch eine Wiese eine Rolle zu spielen. Ein IT-Spezialist und Schäfer, der sich für sie interessierte, wurde fast umgebracht. Können wir noch ein bisschen mehr verraten, ohne zu spoilern?
Die beiden Polizisten stoßen bei ihren Ermittlungen auf viele vermeintliche Zufälle. Das macht sie misstrauisch. Zum Beispiel ist der Schäfer genau auf der Wiese unglücklich gestürzt, auf der der Scheiterhaufen steht. Der arme Mann liegt im künstlichen Koma, der kann ihnen also nicht weiterhelfen. Dann finden sie heraus, dass ein weiterer Fährmann kürzlich spurlos verschwunden ist. Außerdem werden die beiden das Gefühl nicht los, dass da jemand nach Aufmerksamkeit sucht.
Im weiteren Verlauf der Geschichte taucht auch noch ein brennendes Floß auf der Elbe auf. Was ist sein Geheimnis?
Genau genommen taucht das Floß auf einer der Wettern auf, einem zumeist breiten Graben, der zur Entwässerung des Marschlandes dient. Auf diesem Floß finden sie eine alte Dose aus Metall, die das Feuer überlebt hat. Darin liegt ein Brief, der auf den ersten Blick gar nichts mit dem Sensenmann und dem Scheiterhaufen zu tun hat. Aber das stimmt natürlich nicht. Nach und nach kommen sie der Vergangenheit auf die Spur. Und spätestens als Goldberg endlich zurückkehrt, sind sie wieder voll einsatzbereit.
Sie haben zwischen die einzelnen Kapitel von „Elbfang“ immer wieder Briefe eingefügt. Was hat es mit denen auf sich?
Der Stationsleiter in Kophusen ist Kommissar Philip Goldberg. Hals über Kopf hat er seinen gesamten Jahresurlaub genommen und ist aus Kophusen verschwunden. Die Briefe erzählen parallel von seiner eigenen Geschichte, die er in diesem Band endgültig überwindet. Es ist ein Abschied und ein Neuanfang zugleich.
Wie sind Sie auf die Idee mit dem Mann gekommen, der verkleidet als „der Tod“ nachts herumspukt – gab es eine reale Geschichte, die Sie inspiriert hat?
Ein Freund hatte mich zur Kronsnester Fähre mitgenommen. Und als wir da so am Deich standen und dem Fährmann zuschauten, tauchte plötzlich ein Sensenmann vor meinem geistigen Auge auf. Bewaffnet mit einer Sense, trieb er in diesem kleinen Kahn vom Mondlicht beleuchtet flussabwärts. Damit war die Idee für das neue Buch geboren.
Der Fährmann und der Sensenmann sind ja auch mythische bzw. mythologische Figuren. Auf welche alten Geschichten und Legenden nehmen Sie Bezug?
Früher in der Schule hatte ich Lateinunterricht. Und meine damalige Lehrerin hatte ein Faible für die römische und griechische Mythologie. Allzu viel ist leider nicht mehr hängen geblieben, aber unter anderem erinnere ich mich noch an Charon, den Fährmann, der die Toten über den Fluss ins Reich des Hades bringt. Die Vorstellung hat mich schon damals fasziniert. Und später, als ich durch die Schauspielschule Rilkes Gedicht „Orpheus und Eurydike“ entdeckte, hat sich dieses Bild förmlich eingebrannt. Als ich in Kronsnest den Fährkahn sah, schloss sich unterbewusst der Kreis auf wundersame Weise.
Für den Chat bitte einloggen