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Herr Wolf, wenn man Ihren Krimi-Hörbüchern lauscht, dann entsteht so etwas wie Lagerfeueratmosphäre. Ich glaube, das hat mir Ihrer Art zu sprechen zu tun. Gehen Sie mit einer bestimmten Haltung ins Tonstudio, mit einer bestimmten Vorstellung, wie Sie lesen wollen? Oder machen Sie das aus dem Bauch heraus?
Die Hörbucharbeit ist für mich sehr wichtig und ich liebe sie sehr. Gemeinsam mit meinem Regisseur Ulrich Maske und einem Tontechniker tauche ich für mindestens eine Woche völlig ab in die Romanwelt. Dann weht der ostfriesische Wind im Studio. Ich habe das Gefühl, meine Figuren stehen neben mir und zeigen mir, wie ich es am besten machen soll. Im Studio bekomme ich nochmal einen besonders guten Kontakt zu meinen Figuren. Jede hat ja eine ganz eigene Sprache, eine eigene Herangehensweise, und auf wie viele Arten kann man „Moin“ oder „Nein“ sagen? Darin kann tiefe Ablehnung liegen oder auch Hinwendung, Bedauern … So viel ist möglich und deshalb liebe ich die Studioarbeit so sehr.
„Ostfriesenzorn“ beginnt damit, dass ein Mann Frauen unter die Röcke fotografiert. Wenig später liegt eine Frau tot am Strand von Langeoog. Sie wurde mit einem Draht erdrosselt und beinahe geköpft. Was war der Ausgangspunkt Ihres Nachdenkens über diesen Plot?
In Nicht-Coronazeiten bei ausgedehnten Signierstunden und Diskussionen mit meinen Leserinnen und Lesern wurde ich von zwei jungen Frauen darauf hingewiesen, dass ihnen auf der Rolltreppe jemand unter den Rock fotografiert hatte. Die selbstbewussten jungen Frauen hatten den Mann zur Rede gestellt und sogar die Polizei gerufen. Die Polizei konnte aber nichts machen, denn das Ganze war damals noch keine Straftat. Ich konnte das gar nicht glauben und begann, das sogenannte „Upskirting“ zu recherchieren. Es taten sich Abgründe auf …
Nachdem ich den Roman beendet und an den Verlag abgeschickt hatte, wurde „Upskirting“ endlich verboten. Seit diesem Jahr steht es unter Strafe.
„Ostfriesenzorn“ ist ja eigentlich ein Ann-Kathrin-Klaasen-Krimi. Aber da spielt jetzt auch Dr. Sommerfeldt mit, der Arzt und Serienkiller, dem Sie mit der Totenstille-Totentanz-Todesspiel-Reihe eine eigene Serie geschenkt haben. Ann Kathrin und Dr. Sommerfeldt tauchen jetzt wechselseitig in Ihren beiden Serien auf. Das ist ein interessantes Manöver. Warum haben Sie sich dazu entschlossen?
Dr. Bernhard Sommerfeldt ist vermutlich der beliebteste Serienkiller in unserem Land. Nachdem ich die Trilogie abgeschlossen hatte, haben mir hunderte Leserinnen geschrieben: „Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein, Klaus-Peter – mit Dr. Sommerfeldt muss es weitergehen!“ Nun konnte ich schlecht Teil vier der Trilogie schreiben. Gleichzeitig wollte ich den Willen der Fans respektieren. Ich selbst fand auch, dass Sommerfeldt eine so interessante, widersprüchliche Figur ist, es durfte einfach nicht zu Ende sein. Diese Figur ist noch nicht auserzählt. Deswegen spielt er im 15. Band der Ostfriesenkrimireihe wieder mit. Er ist praktisch eine demokratisch hineingewählte Figur. Ich erfülle mit seinem erneuten Auftauchen den Wunsch der Fans.
Dr. Sommerfeldt ist eine irre Figur: intelligent, durchtrieben, gefährlich, aber auch ein Lebemann und Genießer. Wenn Sie ihn beschreiben, spürt man, dass Sie diesen Serienmörder mögen. Muss ein Krimiautor eine dunkle Seite in sich tragen?
Ich glaube, dass jeder Mensch die Hölle in sich trägt. Die Frage ist nur, bricht sie aus oder nicht? Wie sehr hat er sich unter Kontrolle oder wird er getriggert?
Und ja, Sie haben völlig recht, ich mag Dr. Bernhard Sommerfeldt. Ich teile auch viele seiner Ansichten über Literatur und Kunst. Ich könnte nächtelang mit ihm über Bücher, Hörbücher und Theaterstücke diskutieren. Man kann von ihm auch lernen, eine gute Fischsuppe zu kochen …
Was tritt zu Tage, wenn wir auf Ihre eigene dunkle Seite blicken?
Ich würde niemals eine Partei wählen, die für die Todesstrafe ist. Wir sollten dem Staat niemals erlauben, Menschen umzubringen. Aber ich weiß natürlich, dass ich, wenn es um meine Frau und meine Kinder geht, sehr alttestamentarisch reagieren könnte. Wenn es um sie geht und um ihr Wohl, könnte ich für mich nicht garantieren … Ich glaube, es geht vielen Familienvätern so. Das ist vielleicht ein ganz altes, archaisches Prinzip.
Der Mörder in „Ostfriesenzorn“ will der „beste“ Killer sein und sogar sein Idol Dr. Sommerfeldt übertreffen, der im Gefängnis sitzt. Hat die Figur des größenwahnsinnigen Mörders ein Vorbild im echten Leben? Lassen Sie sich manchmal von echten Kriminalfällen oder Tätern inspirieren?
Einige Kripoleute gehören zu meinem Freundeskreis. Ich war früher auch mal Gerichtsreporter. In meinen Büchern stimmt eigentlich alles. Viele Personen, die auftreten, gibt es wirklich und die heißen auch so, z.B. der Konditor Jörg Tapper und seine Frau Monika. Die beiden betreiben das Café ten Cate, in dem ich oft sitze und schreibe. Das Café spielt ja auch in meinen Büchern immer eine große Rolle. Man kann jeden Strauch finden, der in meinen Büchern vorkommt. Aber meine Mörder erfinde ich und die Opfer ebenfalls. Ich glaube, dass meine Leserinnen und Leser sich besser unterhalten fühlen, wenn sie wissen, dass das Opfer nicht wirklich gelitten hat.
Im Roman kommt auch das Gefängnis in Lingen vor …
… in dem Dr. Bernhard Sommerfeldt einsitzt. Natürlich war ich vorher dort, habe eine Lesung gemacht, mit den Gefangenen und den Justizvollzugsbeamtinnen diskutiert. Ich muss die Atmosphäre in mich aufnehmen, alles sehen, riechen, anfassen und dann wird daraus der Steinbruch für meine Geschichten. Andere Autoren nehmen reale Kriminalfälle, verfremden sie und erzählen sie dann nach. Das ist nicht mein Ding. Ich will eine erfundene Geschichte in einer real existierenden Kulisse und real existierenden gesellschaftlichen Verhältnissen ansiedeln.
Die tote Frau, das Opfer in „Ostfriesenzorn“, war eine unbeliebte Lehrerin für Deutsch und Geschichte und stammt aus Wattenscheid und Gelsenkirchen, Ihrer Heimat. Sie lebte in Scheidung von ihrem Ex-Mann. Könnte er ihr Mörder sein?
Ich verrate natürlich jetzt nicht, wer der Mörder ist … (lacht). Gelsenkirchen und Wattenscheid kommen vor, weil ich in Gelsenkirchen geboren bin und mich da natürlich noch ganz gut auskenne. Es geht um ein altes Bergmannshäuschen. Darin bin ich früher ein- und ausgegangen. Ich erzähle von einer Lehrerin, die unter großem Druck steht und nun tot ist. Dazu sind Kriminalromane gut. So entsteht ein großes Gesellschaftspanorama, ein Kaleidoskop von Personen. Die Kriminalpolizei muss versuchen, im Nachhinein so ein Leben zu rekonstruieren, herauszufinden, was schiefgelaufen ist, ob jemand Feinde hatte und warum. Dabei sind wir sehr nah an der gesellschaftlichen Realität und an dem Riss, der an einigen Stellen durch die Gesellschaft, ja durch jeden Einzelnen geht.
Sogar Che Guevara kommt in einem Dialog von „Ostfriesenzorn“ vor. Damit zitieren Sie nebenbei Ihre abenteuerliche Vergangenheit. Sie waren früher politisch sehr aktiv, unter anderem in Nicaragua, und sozusagen auf Ches Spuren unterwegs. War er für Sie ein Vorbild?
Als ich jung war, war er natürlich ein großes Vorbild für mich. Man kannte ja nicht viele Politiker, die selbstlos für eine bessere, gerechtere Gesellschaft eingetreten sind, sondern war mehr umgeben von Leuten, die auf ihre eigene Karriere achteten und Politik betrieben, um ihr eigenes Fortkommen zu befördern. Das kann man Che Guevara sicherlich an keiner Stelle vorwerfen.
Ich war damals in Kuba und habe viele seiner alten Kampfesgefährten noch treffen und mit ihnen sprechen können. Ich habe daraus gelernt, wie Menschen sich in Extremsituationen verhalten, die sich gegen Unrecht auflehnen.
Vom politischen Schriftsteller zum Bestseller-König im Unterhaltungsbereich der Literatur – das ist ein weiter Weg. Ihre Autobiografie könnte ein spannendes Buch werden. Haben Sie schon angefangen?
Ich glaube, dass die vielen Abenteuer, die ich in meinem Leben erleben durfte, manchmal auch erleben musste, mir jetzt beim Schreiben helfen. Ich bin mal mit einem Verlag Konkurs gegangen. Ich war damals 25 Jahre alt und hatte 2,7 Millionen Mark Schulden. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Pfändungsbeamte kommt und man am Abgrund seiner Existenz steht. Das hilft mir jetzt, Menschen in solcher Not zu beschreiben. Jeder Roman ist immer ein bisschen Biografie des Autors, egal, ob er das zugibt oder nicht, egal, ob er das weiß oder nicht. Aber sein Wissen, seine Träume, seine Verletzungen, sind doch in den erzählten Figuren vorhanden.
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