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Frau Bluhm liest Brianna Wolfsons „Ein zufälliger Irrtum über die Liebe“ und ist erschüttert

Titelbild Ein zufälliger Irrtum über die Liebe - Brianna Wolfson

shutterstock © Masson Bild-ID: 93127819

7. Juni 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Wie sieht es in einem depressiven Menschen aus? Wie wirkt sich seine Krankheit auf seine Familie aus? Um diese beiden Fragen kreist Brianna Wolfsons Debütroman „Ein zufälliger Irrtum über die Liebe“.


Frau Bluhm liest:„Ein zufälliger Irrtum über die Liebe“ 3 von 5 Blu(h)men


Die Geschichte einer Familie, die im Schatten einer Depression lebt

Willow ist kein ganz gewöhnliches Kind. Und das kommt nicht von ungefähr, denn auch Willows Mutter ist keine gewöhnliche Mom. Durch 300 bewegende Seiten führt uns Brianna Wolfson in „Ein zufälliger Irrtum über die Liebe“ durch die (biografisch angehauchte) Geschichte einer Familie, die unter dem dunklen Schatten der Krankheit „Depression“ lebt.

Dann ist plötzlich der Akku leer, und die Zeit der Angst beginnt

Aus wechselnder Sichtweise und in unterschiedlichen Zeitebenen schildert die Autorin das Leben der Familie Thorpe, bestehend aus der elfjährigen Willow, dem sechsjährigen Asher und den Eltern Rex und Rosie. Rex und Rosie könnten unterschiedlicher nicht sein: Er, der Regeln und feststehende Abläufe liebt, und sie, die Individualismus auf zwei Beinen ist, und alles verabscheut, was regelkonform und langweilig ist. Doch sie lieben einander und gründen eine Familie, ja, sie scheinen sogar in ihren Gegensätzen aneinander zu wachsen. Und schon bald steigen wir hinter das Geheimnis von Rosies übersprudelnder Persönlichkeit: Sie ist manisch-depressiv und betäubt ihre Gefühlswallungen mit Drogen. Sie ist quasi die Versinnbildlichung des Ausdrucks „wo Licht, da auch Schatten“. Denn ihre Art und Weise die Welt zu umarmen, alle Energie aufzusaugen und ihr Leben jederzeit zu 100 Prozent auskosten und leben zu wollen, fordert irgendwann all ihre Energie. Dann ist der plötzlich Akku leer, und die Zeit der Angstzustände und Apathie beginnt.

Rosies Liebe zu ihren Kindern ist wunderschön

Aus Rosies Sicht erleben wir das Leben der Familie Thorpe hautnah mit. Werden Zeugen ihrer wunderschönen Liebe zu den Kindern, die sich in Lebensfreude und überschäumenden Gefühlen ausdrückt. Doch wir sehen Rosie auch an ihren Schattentagen, an denen die Depression sie fest im Griff hat und sie nicht in der Lage dazu ist, das Bett zu verlassen. Das alles nehmen wir aus der Sicht der hilflosen elfjährigen Willow wahr. In manchen Situationen einfach herzzerreißend.

Diesen Aspekt hat die Autorin wirklich gut auf den Punkt gebracht

Ich persönlich finde jedes Buch über dieses Thema richtig und wichtig. Viel zu lange wurde Depression als Modekrankheit abgetan und nicht ernst genommen. Auch finde ich, dass es Brianna Wolfson in „Ein zufälliger Irrtum über die Liebe“ wirklich gut gelingt zu beschreiben, wie schonungslos und unwillkürlich diese Krankheit zuschlägt. Dass man es Menschen nicht unbedingt ansehen muss, wie schlecht es ihnen geht und vor allem: Dass es keine Sache von Aufmuntern oder Hilfsangeboten ist, sie zu überwinden. Hilfe holen kann sich nur der Betroffene selbst. Das Umfeld ist dazu verdammt, zuzusehen und abzuwarten. Diesen Aspekt hat die Autorin wirklich gut auf den Punkt gebracht, indem sie Willow und ihre Familie zu Wort kommen lässt.

Irgendwann tat mir der Rest der Familie einfach nur noch leid

Ich bin mir nicht sicher, ob es Absicht war, aber ich habe beim Lesen einen regelrechten Widerwillen gegenüber der Hauptprotagonistin Rosie entwickelt. Ziemlich starke Ablehnung und Unverständnis hinterließen bei mir einen schalen Nachgeschmack. Ich verstehe, was Brianna Wolfson mit dieser wirklich deutlichen und schonungslosen Schilderung beabsichtigt hat, aber der Schuss ging bei mir leider nach hinten los. Es war mir, obwohl ich mich aus persönlichen Gründen schon viel mit dem Thema „Depression“ auseinandergesetzt habe, irgendwann nicht mehr möglich, diese Frau auch nur ansatzweise positiv wahrzunehmen und ein Verständnis für ihren Zustand zu entwickeln. Mir tat der Rest der Familie einfach nur noch leid.

Und dann hat Brianna Wolfson für mich auch mitunter den Ton verfehlt

Auch die Schilderung aus Kinderaugen war gut gemeint, aber leider hat Brianna Wolfson dabei genauso oft den Ton verfehlt, wie sie ihn getroffen hat. An Stellen, an denen analytisches Denken gefragt gewesen wäre, beschreibt sie die Dinge derart aufdringlich überemotional, dass es nicht mehr schön ist. An anderen Stellen legt sie der heranwachsenden Willow analytische Gedanken in den Mund, die absolut nicht zu der Emotionalität einer erst Elfjährigen passen.

Was in einem Menschen vorgeht, der die Kraft zu leben verliert

Abschließend gesagt: Mich konnte das Buch leider überhaupt nicht positiv emotional abholen. Ich finde den Gedanken, dass mal jemand in Buchformat aufschreibt, wie es in einem Menschen aussieht, dem die Kraft ausgeht, das Leben zu umarmen, das er sonst so vollkommen und inniglich liebt, total gut. Leider fand Brianna Wolfson für mich in „Ein zufälliger Irrtum über die Liebe“ nicht die richtigen Worte. Aber wenn sich jemand einfach mal intensiv mit dieser Krankheit befassen möchte, kann dieses Buch ein gut formulierter und leicht zu lesender Einstieg sein.

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Katharina Bluhm
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