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Frau Bluhm liest Genki Kawamuras „Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ und freut sich

Titelbild Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden - Genki Kawamura

shutterstock © daLy Bild-ID: 133485035

12. Juni 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Weil der Briefträger einen Tumor hat, erklärt er sich zu einem Deal mit dem Teufel bereit: Für jeden Gegenstand, den er von der Welt verschwinden lässt, verlängert der sein Leben um einen Tag.


Frau Bluhm liest: „Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest


Ein Briefträger hat Krebs und macht einen Deal mit dem Teufel

„Die meisten Menschen auf der Welt würden ihre Seele dem Teufel verkaufen. Das Problem ist bloß, dass kein Teufel sie kaufen will.“ Ganz anders trifft es den Protagonisten im Debütroman des Japaners Genki Kawamura: Ein junger Briefträger erfährt, dass er einen unheilbaren Tumor im Kopf hat, der ihn binnen weniger Tage das Leben kosten wird. Zuhause angekommen, steht er immer noch unter Schock, als bereits der Teufel, in Gestalt seines extrovertierten Doppelgängers auf ihn wartet. Der Satan bietet ihm einen Handel an: Für jeden Tag, den er länger leben möchte, muss eine Sache von der Welt verschwinden. Welche, das darf der Teufel auswählen. Der junge Mann willigt ein und als zunächst Telefone, dann Filme und Uhren verschwinden, scheint der Deal beiden Parteien nur Vorteile zu bringen. Doch dann wirft der Teufel alle Katzen der Welt in die Waagschale für den nächsten Tag und der 30-Jährige hat die schwerste Entscheidung seines Lebens zu treffen.

Was würden wir tun, wenn wir unseren Todestag kennen würden?

Das Thema des Buches ist so alt wie die Welt selbst, zahlreiche Verfilmungen und literarische Werke beschäftigen sich mit ihm. Und doch ist es unbestreitbar interessant und aufregend. Denn spätestens seit „Das Beste kommt zum Schluss“ folgen wir doch insgeheim alle dem Beispiel von Jack Nicholson und Morgan Freeman, und haben unsere eigene Bucket-List im Kopf. Doch was würden wir wirklich tun, wenn wir wüssten, wann unser letztes Stündlein geschlagen hat? Plötzlich erscheinen der fast schon klassische Fallschirmsprung und das Essen in einem guten Restaurant unglaublich banal und unwichtig, im Hinblick darauf, dass sie unseren letzten Handlungen auf dieser wunderschönen Welt entsprechen könnten.

Der Briefträger darf Gott spielen und Nutzloses von der Erde verbannen

Zu dieser Einsicht gelangt auch ganz schnell unser Briefträger. Im Übrigen ein höchst sympathischer, weil sehr durchschnittlicher Zeitgenosse, dessen Namen man im Buch kein einziges Mal erfährt. Und da kommt der Teufel ins Spiel. Er bietet Lebenszeit im Austausch dafür, dass der Mensch selbst Gott spielt. Er hat es in der Hand: Sein Leben im Austausch für das Dasein vieler scheinbar nutzloser Dinge. Auf den ersten Blick relativ vielversprechend, denn wie viele nutzlose Dinge gibt es auf der Welt! Ich persönlich könnte durchaus auf Zecken, Meerrettich und Schneematsch verzichten. Und auch die Entscheidungen des Protagonisten kann ich verstehen, denn die Menschen scheinen ohne Telefone und Uhren wirklich erst mal viel freier und glücklicher zu sein. Dann aber das dicke Ende: Allen Katzen dieser Welt soll es an den Kragen gehen! Da beginnt der junge Mann zu zweifeln, denn auch er ist, wie ich, stolzer Mitbewohner eines wundervollen Katers. Auf Uhren und Telefone könnte ich zur Not ja noch verzichten, aber obwohl mein Kater sehr alt und auch schon ein wenig vom Leben gezeichnet ist, käme ich an dieser Stelle ins Grübeln. Oder gerade deswegen. 17 gemeinsame Jahre haben mein Kater und ich miteinander verbracht. Weitaus mehr, als der Durchschnittskatze mit ihrem Besitzer vergönnt ist. Doch könnte ich ihn opfern, nur um einen Tag länger zu leben? Ich bin mir nicht sicher. Und der Briefträger auch nicht. Ich glaube, ich kann ihn gut verstehen.

Genki Kawamura liefert eine Fülle an Lebensweisheiten

Überhaupt enthält dieses kleine Buch eine Fülle von Lebensweisheiten, die das persönliche Wohlbefinden steigern. Genki Kawamura beschreibt viel Wahres. Viel Einfaches. Und Vieles, das im Alltag so oft so schnell verloren geht. Eine Aneinanderreihung von Lieblingszitaten. Ein Weisheiten-Kalender in Buchformat, könnte man sagen. Oftmals musste ich beim Lesen schmunzeln, manchmal sogar herzlich lachen. Doch genauso oft konnte ich innehalten und die Seele dieses Buches in mich aufnehmen und innerlich nicken, denn ganz Vieles von dem, was Genki Kawamura da schreibt, könnte ich sofort und ohne Zögern unterschreiben.

Ein schöner Roman über Leben und Tod, Freundschaft und Liebe

Und damit meine ich nicht nur die Wichtigkeit der Katzen für diese Welt. Es gelingt dem Autor mühelos ein ganz großes Stück Lebensweisheit in ein leicht zu lesendes, amüsantes und kurzweiliges Buch zu packen. Und das, ohne auch nur einmal den erhobenen Zeigefinger zu erheben. Menschlich, direkt und sehr einfühlsam. Und diese Attribute treffen sogar noch auf den Teufel in Menschengestalt zu, dessen extrovertierte und direkte Art noch mal ein Quäntchen Qualität auf dieses ohnehin schon wirklich tolle Buch oben drauf packt. Bestimmt wird mir die ein oder andere Aussage, auf die ich beim Lesen gestoßen bin, noch im Alltag durch den Kopf schießen. Genki Kawamuras „Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ ist ein wunderschöner Roman über den Tod und das Leben, über Freundschaft, Familie und die Liebe. Ich würde jedem empfehlen, die Lektüre dieses Buches unbedingt auf die Bucket-List zu setzen.

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

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Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
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