Carsten Stahl im Interview: Du Täter, Du Opfer | BUCHSZENE

Carsten Stahl wurde vom Kriminellen zum Unterstützer der Schwächsten in unserer Gesellschaft. Im Interview erklärt er sein Anti-Mobbing-Konzept und weshalb er sein Buch „Du Täter, Du Opfer“ schrieb.

Carsten Stahl im Interview über sein Buch „Du Täter, Du Opfer – Stark gegen Mobbing und Gewalt“

22. Februar 2018 | Interview: Jörg Steinleitner

Carsten Stahl Du Täter, du Opfer

© privat

 

Carsten Stahl, Sie waren früher Chef einer kriminellen Berliner Gang. Heute kämpfen Sie mit Ihrem „Camp Stahl“ gegen Mobbing unter Kindern und Jugendlichen. Welcher Art waren die Geschäfte Ihrer Gang?

Viel entscheidender als das, was ich damals getan habe ist, was ich heute tue. Ich bewahre in meinen Antimobbingseminaren Kinder und Jugendliche vor den Fehlern, die ich damals gemacht habe

Wie und weshalb sind Sie als Jugendlicher auf die schiefe Bahn geraten?

Ich habe als Kind extreme Gewalt erlebt. Für mich gab’s damals zwei Möglichkeiten: erdulden und dabei kaputtgehen, oder zurückschlagen und überleben. Beim Zurückschlagen berauschte ich mich nach und nach an meiner eigenen Gewalttätigkeit. Sich wehren, kann dazu führen, dass man vom Opfer zum Täter wird.

Warum haben Sie Ihren kriminellen Weg verlassen?

Wie auch immer, meine Kinder sind der Grund, weshalb ich meinem Leben einen anderen Sinn gebe.

In Ihrem Buch „Du Täter, Du Opfer – Stark gegen Mobbing und Gewalt“ schildern Sie, dass die Ursache Ihrer späteren Kriminalität im Mobbing zu finden war. Auch stellen Sie eine Verbindung her zwischen den Amokläufen jugendlicher Täter und Mobbing. Könnten Sie das bitte genauer erklären?

Mobbing ist Gewalt, die sich im Opfer anstaut, und unter bestimmten Umständen explodieren kann. Wäre ich als Kind an eine Waffe herangekommen, hätte ich vielleicht meine Mobber auch ins Visier genommen.

Die Serie „Privatdetektive im Einsatz“, für die sie an die 300 Folgen drehten, machte Sie zum Idol vieler Jugendlicher. Trotzdem sind Sie aus der Serie ausgestiegen, um quasi Sozialarbeit für Kinder zu machen. Warum tun Sie das?

Die Serie lief mit großen Erfolg, doch ich wurde immer unzufriedener. Ich wollte ein komplett anderes Format, und schlug dem Produzenten vor, eine Rolle als Streetworker anzulegen, der eingreift, bevor Kinder zu Opfern und Tätern werden. Vergeblich, kein Interesse.

Heute besuchen Sie viele Schulen. Was besprechen Sie da genau mit den Kindern? Wie funktioniert Ihr Anti-Mobbing-Programm?

Ich habe einen sehr guten Draht zu Kindern. Sie schauen zu mir auf, weil ich mich gegen Ungerechtigkeiten einsetze. Ich bin offen und ehrlich zu ihnen, und muss keine „professionelle Distanz“ aufbauen, die den Zugang zu Kindern oft erschwert.

  • Schüler nehmen teil am Camp Stahl
    © privat

Sicher spüren Sie instinktiv, wenn Sie eine Schulklasse besuchen, welche Kinder in Gefahr sind, abzudriften? Wie können Sie helfen?

Ich bin kein Hellseher. In Vorbesprechungen erfahre ich vom Direktor und den Lehrern, welche Konflikte an der Schule vorhanden sind. Ich öffne mein Herz und gebrauche meinen Verstand, und genau das bekomme ich von den Kindern zurück.

„Wird ein Kind über längere Zeit gedemütigt und geschlagen, muss es Schmerzen aushalten. Es zerbricht“, schreiben Sie in Ihrem Buch. „Oder es lernt, sich zu wehren. Zunächst schlägt es nur zurück, doch mit jedem Sieg wächst die Verführung anzugreifen. Bis das Kind daran Gefallen findet. Eine Art Dauerkränkung verhindert jegliche Schuldgefühle.“ Was schließen Sie daraus?

In Deutschland bringt sich jeden zweiten Tag ein Teenager um. Mobbing in verschiedensten Formen ist eine der Hauptursachen.

Das Mobbing an Schulen scheint zuzunehmen. Was läuft an deutschen Schulen falsch?

Nur wirksame, zielgerichtete Prävention durch Menschen mit Erfahrungen, wie ich sie gemacht habe, in Kooperation mit Pädagogen und Sozialarbeitern ist nachhaltig.

Wie können Eltern helfen?

Eltern müssen Signale von den Kindern wahrnehmen und genau zuhören, was die ihnen sagen, denn schlechte Erfahrungen erwähnen sie nicht öfter als zwei oder drei Mal, dann verschließen sie sich.

Carsten Stahl

Viele Jahre lang war Carsten Stahl Chef einer kriminellen Berliner Gang. Sein Leben drehte sich um Geld, Frauen und teure Autos.


Zur Biografie von Carsten Stahl


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