Warum es lesenswert ist – Die Mitternachtsbibliothek | BUCHSZENE.DE

In einer tiefen Depression festhängend, beschließt Matt Haigs Heldin Nora, sich das Leben zu nehmen. Doch wie durch ein Wunder landet sie in „Der Mitternachtsbibliothek“ und lernt sich neu kennen.

Matt Haigs Bestseller „Die Mitternachtsbibliothek“ hat eine zutiefst tröstliche Botschaft

5. April 2021 | Frau Bluhm

Titelbild Die Mitternachtsbibliothek

©Thiranun Kunatun shutterstock-ID 604328939


Frau Bluhm liest „Die Mitternachtsbibliothek“: 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest

 


Nora hat genug gelitten – sie beschließt, sich das Leben zu nehmen

Nora Seed ist am Boden zerstört. Sie hat nie den richtigen Beruf für sich gefunden, den frühen Verlust ihres Vaters hat sie nie überwunden, und der Rest ihrer Familie pflegt keinen Kontakt mehr zu ihr. Vor nicht allzu langer Zeit ist ihre Verlobung in die Brüche gegangen und zu allem Übel stirbt auch noch ihr geliebter Kater. Das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Nora beschließt, sich mit ihren Antidepressiva eine Überdosis zu verpassen und zu sterben.

Es geschieht ein Wunder: Nora landet in der Mitternachtsbibliothek

Doch dann passiert das Unglaubliche: Anstatt ins Licht zu gehen, findet sich Nora unversehens in einer riesigen Bibliothek wieder, in deren unzähligen Regalen in Form von Büchern die Leben stehen, die Nora führen hätte können, hätte sie in ihrem Leben andere Entscheidungen getroffen. In dieser Bibliothek, in der die Uhren immer auf Mitternacht stehen, bekommt Nora eine zweite Chance, ihr Leben anders zu gestalten. Unter Mithilfe der Bibliothekarin probiert sie eine Version ihrer selbst nach der anderen aus – nur um mit der Zeit zu merken, dass es in jedem Leben etwas gibt, das nicht so läuft.

Matt Haigs Hauptfigur durchläuft eine beeindruckende Entwicklung

Bereits in den ersten Kapiteln von „Die Mitternachtsbibliothek“ baut Matt Haig eine unmittelbare Verbindung des Lesers bzw. der Leserin zu dieser besonderen Protagonistin auf. Wir begleiten Nora in den beiden letzten Tagen ihres Lebens auf der Erde und leiden mit ihr. Diese innere Verzweiflung, mit der die 35-Jährige sich jeden Tag auseinandersetzen muss, fasst Matt Haig in absolut nachvollziehbare und emotional berührende Worte. Was mir dabei unglaublich nahe ging: Die Nora, die die Mitternachtsbibliothek betritt, und die, die sie wieder verlässt (in welche Richtung verrate ich nicht), sind zwei verschiedene Personen.

Wir sollten lernen, uns so zu akzeptieren, wie wir sind

Die Erfahrungen, die Nora in den verschiedenen Versionen ihrer selbst sammelt, indem sie durch die Bücher reist, beginnen sehr schnell in ihr zu wirken und entwickeln ihre Persönlichkeit weiter. Sie selbst steht am Ende ihrer Reise genau am selben Punkt, wie zum Moment ihres Selbstmordes; die Uhr tickte ja keine Sekunde weiter, doch ihre innere Einstellung zu ihrem Leben hat sich geändert. Für mich ist das eine wunderschöne, märchenhafte Beschreibung dessen, was im eigenen Leben passieren kann, wenn man bei sich selbst ankommt. Wenn man sich so akzeptiert, wie es man nun mal ist. Matt Haig sendet hier eine tolle, tröstliche und wichtige Botschaft aus, die einem beim Lesen einfach nur guttut.

Vieles in „Die Mitternachtsbibliothek“ ist lustig, manches traurig

Ganz gleich, in welches Buch Nora springt, sie bleibt stets gleich alt. Dabei erlebt sie einige Überraschungen: Einmal erwacht sie als Sportskanone in einem fremden Hotelzimmer; einmal mitten in einem Swimmingpool, und sogar in der Arktis. Jedes Mal muss sie zunächst einmal herausfinden, wie sie dort überhaupt hingekommen ist, und wie sich ihr Leben entwickelt hat, nachdem sie die betreffende Entscheidung im Buch des Lebens verändert hat. Vieles ist oft sehr lustig, manches traurig, einiges sogar regelrecht gefährlich spannend. Matt Haig beschert uns während dieser erstaunlichen Reise die ganze Palette menschlicher Gefühle.

Dieser Roman regt dazu an, über sein eigenes Leben nachzudenken

Eine Emotion herrscht dabei immer vor: das Bereuen. Die Nora, die wir zu Beginn kennenlernen, bereut so gut wie alles in ihrem Leben. „Das Buch des Bedauerns“, das einzige Buch in der Mitternachtsbibliothek, das keine Farbe hat, ist das dickste der gesamten Sammlung. Beim Verlassen ist es quasi nicht mehr existent. Denn Nora begreift mit zunehmender Erfahrung, dass es nicht die Entscheidungen in ihrem Leben waren, die sie depressiv und suizidgefährdet machten, sondern ihre eigene Bewertung derselben und ihre Reue darüber. Zwangsläufig beginnt man beim Lesen über sein eigenes Leben, über seine eigene Reue nachzudenken. Ein Prozess, der nicht unbedingt angenehm ist, aber letztendlich doch reinigend wirkt.  

Matt Haigs Protagonistin wurde mir zu einer guten Freundin

Matt Haig hat mir mit „Die Mitternachtsbibliothek“ nicht nur ein Buch für ein regnerisches Wochenende geschenkt. Nora Seed wurde für mich zu einer guten Freundin, an deren Erfahrungen ich noch lange zurückdenken werde. Bestimmt werde ich noch oft an meine eigene Mitternachtsbibliothek denken und versuchen, nur bunte Bücher in die Regale zu stellen. Das kleine, graue Buch des Bereuens packe ich dann einfach in die hinterste Ecke, auf dass es bald unter einer dicken Staubschicht verschwindet.

 

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Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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