Alina Bronsky: Der Zopf meiner Großmutter. Kritik | BUCHSZENE

Die russische Großmutter weiß alles. Der Enkelsohn ist im fremden Deutschland ständig in Gefahr. Alina Bronskys „Der Zopf meiner Großmutter“ ist ein kluger, lustiger Roman über Familie, Liebe und Heimat.

In „Der Zopf meiner Großmutter“ erzählt Alina Bronsky mit genialem Witz von einer russischen Flüchtlingsfamilie in Deutschland

6. September 2019 | Jörg Steinleitner

Alina Bronsky

Der Zopf meiner Großmutter

ISBN 978-3-462-05145-2

224 Seiten | € 20,00

Kiepenheuer & Witsch

Romantik (4/5)

Komik (5/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (2/5)

Unterhaltung (5/5)

Titelbild Der Zopf meiner Grossmutter

© Ecaterina Glazcova shutterstock-ID: 1006980067

Alina Bronskys Titelheldin ist durchtrieben, paranoid und mütterlich

Der Hauptperson von Alina Bronskys Roman „Der Zopf meiner Großmutter“, der titelgebenden Großmutter, kann man nicht widerstehen. Sie ist verrückt, durchtrieben und paranoid, sie ist mütterlich, grob und liebevoll zugleich, und hat ein grandioses Talent zum Dramatisieren. Als Flüchtling, gemeinsam mit ihrer Familie durch einen Trick nach Deutschland gekommen, glaubt sie an alles, was aus Russland kommt und russisch ist.

Angeblich war die Großmutter einmal eine erfolgreiche Tänzerin

Die Großmutter war angeblich einmal eine erfolgreiche Tänzerin. Ihre Familie besteht aus ihr, dem Großvater und dem Enkelsohn. Man haust in zwei Zimmern eines ehemaligen Hotels, die Umstände sind schwierig, aber diese Großmutter ist jederzeit Herrin der Situation und lässt sich durch nichts unterkriegen. Nicht einmal durch Gefahren und Unbill, die sie sich selbst einbildet oder die sie erfunden hat.

„Der Zopf meiner Großmutter“ ist ein Buch über Deutsche und Russen

Unter ihrer resoluten Art hat vor allem der Enkelsohn zu leiden. Denn die Großmutter hat eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie man ein Kind zu erziehen hat: keimfrei, ohne Süßigkeiten und möglichst undeutsch: „Die Deutschen waren der Großmutter von Anfang an suspekt gewesen, außerdem kannte sie keine – wenn man von den unbefriedigenden Wortwechseln mit dem Kinderarzt und dem Hausmeister absah.“

Man muss beim Lesen immer wieder über Alina Bronskys Humor lachen

Das Leben mit der Großmutter ist nicht voller Abenteuer, denn eigentlich gibt es in dem trostlosen Flüchtlingsheim nichts zu erleben. Aber die Großmutter macht das Leben zum Abenteuer: durch ihre irrsinnige Perspektive auf alles, was Alltag im fremden Deutschland ist. Durch ihre liebevolle Bösartigkeit und ihre wahnwitzigen Vorurteile über Deutsche und Deutschland, die Alina Bronsky wunderbar in Szene zu setzen weiß. Man muss beim Lesen immer wieder laut auflachen über den Humor, den die selbst in Russland geborene Schriftstellerin mit leichter Hand aufs Papier wirft. Bei aller Übertreibung steckt viel Wahres über Russen und Deutsche in dieser wunderbar schrägen und niemals platten Schelmengeschichte.

Der Großvater und die junge Nina verbindet bald schon ein Geheimnis

So richtig Fahrt nehmen die Begebenheiten in dieser merkwürdigen Patchworkfamilie auf, als eine jüngere Frau das Tableau betritt: Nina stammt auch aus Russland und sie hat eine Tochter, die etwa so alt ist wie unser jugendlicher Held. Als es Nina gelingt, eine Wohnung außerhalb des Flüchtlingsheims zu mieten, schickt die Großmutter den Großvater mit. Er soll der armen, alleinstehenden Frau beim Umzug und der Einrichtung helfen. Der Großvater und die junge Frau, die aussah, „als hätte jemand sie mit einem weichen Bleistift gezeichnet“, werden ein Paar. Obwohl das Ganze zunächst heimlich abläuft, wird der Enkelsohn ziemlich bald zum ungewollten Mitwisser.

Die Geburt des kleinen Tschingis hat das Zeug, die Familie zu zerstören

Die Großmutter erfährt lange nichts von dieser verbotenen Liebe. Auch nicht, als Nina schwanger wird. Doch eines Tages lässt sich die Enthüllung nicht mehr vermeiden, denn Nina bekommt ein Baby, das dem Großvater mit seinen asiatischen Gesichtszügen wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Auf diese Erkenntnis, die für jede normale Familie und für jede normale Großmutter ausreichend Sprengkraft hätte, um alles zu zerstören, reagiert die russische Heldin mit einer Flexibilität und auf eine Art und Weise, wie dies nur Menschen können, die mit einem unerhörten Überlebenswillen ausgestattet sind.

„Der Zopf meiner Großmutter“ ist eine fröhlich machende Lektüre

Ob am Ende alles gut wird; ob unser junger Held, der Enkelsohn, aus diesen komplexen Verhältnissen stammend, jemals den Weg in ein gewöhnlich glückliches Leben finden wird; und welches Rätsel seine eigene Herkunft und den Tod seiner Mutter umranken, das soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Wer aber dieses gut beobachtete, fröhlich machende Buch liest, wird die Antworten auf diese und  nebenbei auch auf viele andere ganz zentrale Fragen des Lebens bekommen.

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