
Frau Haigh, mit Ihrem neuen Roman „Der Ruf des schwimmenden Gartens“ entführen Sie uns nach Madeira. Vermutlich ein malerischer Ort, sonst hätten Sie sich diesen Schauplatz nicht ausgesucht?
Madeira ist ein einziges lebendiges Landschaftsgemälde und wird nicht umsonst die Blumeninsel genannt. Ewiger Frühling, viel Sonne im Wechsel mit meist kurzen Regenschauern sind für die dortige Flora ein Paradies. Man nennt sie auch den schwimmenden Garten des Atlantiks – daher bezog ich meine Inspiration für den Buchtitel.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Ärztin Sofie, die im Jahr 1914 am Bremer Krankenhaus arbeitet. Allerdings wird sie von ihren männlichen Kollegen nicht respektiert. Doch dann hört sie von einer einmaligen Chance, die ihre Abenteuerlust weckt.
Sofie verdankt ihre hervorragende Ausbildung einem Studium in der Schweiz, die es Frauen bereits ab den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts ermöglichte, Medizin zu studieren. Die erste Schweizer Ärztin eröffnete 1874 ihre Praxis. Ein Jahr am Londoner St. Thomas Hospital rundete Sofies Ausbildung ab. Ihr Dilemma besteht darin, dass ihr die Kollegen das angeeignete Wissen neiden und sie sich sicher sein kann, dass ihr Aufstiegschancen in der von Männern dominierten Ärzteschaft verwehrt bleiben.
Doch dann erhält sie das Angebot, beim Aufbau einer Station im neuen deutschen Krankenhaus in Funchal auf Madeira von Anfang an mit dabei zu sein?
Genau, und zudem in ihrem Fachgebiet, der Pneumologie. Ihr Vater hat geschäftlich selbst Zeit auf Madeira verbracht, so dass ihr die Insel von seinen Erzählungen nicht fremd und ein Wagnis, dem Aufbruch in eine Welt jenseits der europäischen Metropolen wert ist.
Einer der Investoren ist der Kaufmann Richard Hauenstein. Was beeindruckt Sofie an ihm?
Richard ist ein Macher, der zudem mit einem schier unwiderstehlichen Angebot auf sie zukommt. Sie vertraut ihm, weil er der Sohn eines Freundes ihres Vaters ist. Während des harten Studiums und im ersten Berufsjahr in der Bremer Klinik hatte sie keine Zeit für ein Privatleben und ist daher dem charmanten und zugleich weltmännischen Mann nicht abgeneigt, doch nach und nach bröckelt die Fassade, als sie Madeira erreicht …
Was ihre Arbeit als Ärztin angeht, stellt Sofie fest, dass auf Madeira nicht alles so ist, wie man es ihr versprochen hat?
Sofie rechnet bei Ankunft auf der Insel damit, ein bereits fast fertiggestelltes Krankenhaus vorzufinden, bei dem sie ihre Expertise als Lungenfachärztin auch in Fragen der Organisation und der Behandlungsabläufe mit einbringen kann. Stattdessen steht sie vor einem sich teilweise noch im Rohbau befindlichen Gebäude. Immerhin zeigt man ihr auf dem Rathaus die Pläne und schätzt ihren Rat. Doch monatelang däumchendrehend auf der Insel zu verweilen, bis das Krankenhaus fertig ist und sich von Richard auch noch Avancen machen zu lassen, kommt für Sofie nicht in Frage.
Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Roman gekommen? Da steckt vermutlich eine intensive Vorrecherche drin?
Ausnahmsweise diesmal nicht während einer Recherchereise für meine Komödien, die ich als Tessa Hennig schreibe. Ich stieß auf der Suche nach einer Romanidee für einen neuen historischen Roman rein zufällig auf ältere Rechercheunterlagen, die ich nach einer Madeira-Reise gesammelt hatte. Ein interessantes Setting. Dann suchte ich nach einem Bezug zur deutschen Geschichte, nach der „Perle“, die es sich zu erzählen lohnt. Und prompt fand ich sie. Ein deutsches Krankenhaus auf Madeira, das heute noch existiert. Einen Aspekt der Weltgeschichte zu erzählen, den die meisten nicht kennen, ist Öl in Taras Feuer, wie jeder weiß, der meine Romane kennt.
Sofie soll als Tuberkulose-Ärztin arbeiten. Wie wurde die Tuberkulose damals behandelt?
Es gab seinerzeit für die als Auszehrung bekannte Erkrankung noch keine Behandlungsmöglichkeit in Form einer Medikation, doch es war bekannt, dass Aufenthalte in einem warmen Seeklima, also in salzhaltiger Luft, und in der Sonne vielen Erkrankten Heilung versprachen. Bereits 1882 entdeckte der deutsche Epidemiologe Robert Koch den Erreger der Krankheit. Das von ihm entwickelte Gegenmittel Tuberkulin entpuppte sich jedoch als Fehlschlag. Es bildete fortan aber die Grundlage für einen Tuberkulosetest, den es ab 1907 auch in deutschen Kliniken gab.
Für den Chat bitte einloggen