„Der letzte Satz“: Eine berührende literarische Reise | BUCHSZENE.DE

Gustav Mahler erinnert sich: daran, wie er komponierte, wie er sich in seine Frau verliebte und wie sie ihm abhandenkam. Robert Seethalers „Der letzte Satz“ liest sich angenehm und enthüllt doch Schwächen.

Begeben Sie sich mit „Der letzte Satz“ auf eine berührende literarische Reise

8. September 2020 | Jörg Steinleitner

Robert Seethaler

Der letzte Satz

ISBN 978-3-44626788-6

128 Seiten | € 19,00

Hanser Berlin
Bestseller-Button Belletristik

Romantik (4/5)

Komik (1/5)

Weisheit (4/5)

Gänsehaut (1/5)

Unterhaltung (3/5)

Titelbild Der letzte Satz

©Alenavlad shutterstock-ID 511942015

Die Hauptfigur von „Der letzte Satz“ ist der Komponist Gustav Mahler

Robert Seethaler ist ein Meister der literarischen Miniatur, der Konzentration auf einen Charakter, eine eng umgrenzte Geschichte, ein schlichtes Schicksal. Das Überraschende an seinem neuen Werk „Der letzte Satz“ ist die Tatsache, dass es sich bei seiner Hauptfigur nicht – wie etwa in „Ein ganzes Leben“ – um einen einfachen Mann handelt. Der literarische Held von „Der letzte Satz“ ist der große Komponist und Musiker Gustav Mahler. Und hierin liegt auch ein wenig das Problem von Robert Seethalers neuem Werk.

Wer Robert Seethalers Sprache lesen darf, folgt jeder Geschichte

Doch zunächst zu den unbestreitbaren Stärken dieses mit 128 Seiten sehr kurzen Romans: Robert Seethalers Sprache breitet sich klar und majestätisch vor einem aus wie ein kühler Gebirgssee unter blauem Himmel. Sie ist einfach und melodiös, da stimmt jedes Wort. Wer so eine ruhige Sprache lesen darf, folgt jeder Geschichte, ganz gleich, was und von wem sie erzählt. Sie hat etwas Meditatives, Reines – und befriedigt damit vermutlich eine Sehnsucht, die derzeit viele Menschen bewegt: jene nach Abstand vom Krawall der digitalen Welt und auch vom Krawall auf unseren ganz wirklichen Straßen. Robert Seethalers Texte zu lesen, bietet die Möglichkeit einer Flucht ins Grundsätzliche.

Von Wiener Schmierfinken, Sigmund Freud und Auguste Rodin

„Der letzte Satz“ nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine Seefahrt. Gustav Mahler reist von Europa nach Amerika. Er ist kränklich und wird vor allem umsorgt von einem Schiffsjungen. Während der Komponist übers Meer schippert, erinnert er sich: daran, wie er sich in seine spätere Frau Alma, die schönste ganz Wiens, verliebte; wie er im tirolerischen Toblach im Komponierhäuschen unter Fichten zu Kreativität fand; wie ein „Wiener Schmierfink“ über ihn schrieb, er sei „ein flackerndes Flämmchen im Sturm der eigenen Verzweiflung“; wie ihn stets die Furcht vor dem Scheitern begleitete; wie ihm die Tochter starb; wie lästig es ihm war, Auguste Rodin in Paris für eine Büste Modell sitzen zu müssen; wie er, auf Heilung hoffend, Sigmund Freud nach Holland hinterherreiste und enttäuscht wurde; und wie ihm schließlich „der Baumeister“ die Frau ausspannte.

Warum sich das ganz große Glück des Lesens nicht vollständig einstellt

Der von Robert Seethaler entworfene Gustav Mahler erinnert sich abgeklärt und melancholisch; gelegentlich blitzt ein stiller Humor auf. Seine Gedanken erleben wir gerne mit, und doch stellt sich nicht das ganz große Glück des Lesens ein, das man etwa bei der Lektüre von „Ein ganzes Leben“ verspürt. Dass es sich um ein kleineres Glück handelt, könnte an der Größe der Hauptperson liegen. Gustav Mahler ist kein einfacher Arbeiter, er ist ein musikalischer Riese. Ihn in diesem Text zu einem einfachen Mann geschrumpft zu sehen, verstört. Womöglich funktionierte die Geschichte besser, handelte es sich um einen unbekannten Musiker. Womöglich lenkt die Figur Gustav Mahler ab von der meisterlichen Kunst des Robert Seethaler, im Kleinen das Große zu erblicken. Nichts desto trotz ist „Der letzte Satz“ ein schönes Büchlein, dessen Lektüre bereichert. Ein Robert Seethaler bleibt noch immer ein Robert Seethaler.

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