Cid Jonas Gutenrath: Skorpione. Interview | BUCHSZENE

„Zielgruppenanalyse? Auflagenhöhe? Kohle?“ Glauser-Preisträger Cid Jonas Gutenrath („Skorpione“) pfeift auf das übliche Verlagsgedöns. Im Interview spricht er über Freunde, Neurosen und sein Schreiben.

Cid Jonas Gutenrath hat für seinen Debüt-Krimi „Skorpione“ vom Syndikat den begehrten Glauser-Preis verliehen bekommen

27. September 2019 | Interview: Redaktion

Titelbild Skorpione

© Andrey_Popov shutterstock-ID: 555970783

Was sich in meinem Leben verändert hat, seit ich stolzer Debüt-Glauser-Preisträger bin?

Nicht viel. Schönwetterfreunde und einige tatsächliche Freunde sind neu in meinem Leben, was mich freut und dankbar macht. Was das Geschäft angeht, müsste ich meine Frau fragen, hier herrscht Matriarchat. Is‘ nich‘ mein Ressort. Zumindest mein Verlag, soviel weiß ich, ist wenig beeindruckt. Er hat mir am 17. April per SMS gratuliert.

Was mich inspiriert?

Meine Kinder, mein wundervoller Hund, Musik, der Mammutbaum den ich vor knapp zwanzig Jahren kniehoch in meinem Garten gepflanzt habe und der inzwischen meine Hütte weit überragt. Er hat mich gelehrt, dass du Gegenwind und Sturm, ja fast alles überstehen kannst, wenn du es nur schaffst starke Wurzeln zu schlagen. Und zu guter Letzt eine Menge an privaten und beruflichen Erlebnissen, die es abzuarbeiten gilt.

Ob ich Schreibrituale habe?

Jaaa … Leider bin ich nicht ganz frei von dem, was man Zwangsneurose nennt, wofür ich von meinen Kindern herzlich gemobbt werde. Nix Schlimmes, … aber so Einiges … Immer derselbe Glücksbleistift; nur das schwarze, ledereingebundene Notizbuch der alten Meister; eine kleine Harry Potter-Ecke im Wohnzimmer unter der Treppe in der es angeblich nach Whiskey und nassem Hund riecht, und, und, und …

Mit wem ich über eine neue Buchidee spreche?

Klingt ein bisschen traurig, ich weiß, soll aber keinesfalls Mitleid erregend wirken, weil ich wohl selbst ein wenig Schuld daran bin, aber: mit niemandem. In meinem Umfeld sind hauptsächlich Menschen, die an Erfolgen interessiert sind, nicht an kreativen Schaffensprozessen. Es gibt einen einzigen Freund in meinem Leben, ein Hüne von Kerl, aber im selben Gemütszustand wie ich, den ich in Bezug auf meine Bücher mehrfach um Rat gebeten habe.

Mein wichtigster Schreibtipp?

Hör auf deinen Bauch! Und bleib dem treu, an was du glaubst. Mach dir keinen Kopf um „Zielgruppenanalyse“, „Auflagen“, oder Kohle. Sobald du anfängst über so etwas nachzudenken, geht die Magie flöten, ist das Wunder vorbei. Daran glaube ich fest. Die Menschen fühlen, ob du es ehrlich meinst. Einer der alten Meister hat einmal gesagt „nur was von Herzen kommt, geht zu Herzen.“ That‘s it.

Was ich am ersten Tag nach der Manuskriptabgabe tue?

Essen. Gut essen. Weil mir das Schreiben in der Regel auf den Magen schlägt und ich deshalb meist weder vernünftig, noch regelmäßig futter. Ob das nun an Termindruck, oder meinem Kopfkino liegt, sei mal dahingestellt. Und dann bereite ich mich auf das zu erwartende Gewitter vor und lege mir Strategien zurecht, wie ich „mein Baby“ vor Verplattung und Mainstream rette.

Mit welchem Autor ich gerne mal getauscht hätte?

Bukowski. Weil der alte Sack sich am Ende bestimmt total amüsiert hat über den Rummel den sie um ihn gemacht haben.

Zum Schluss sind mir noch drei Dinge sehr wichtig:

1. Noch einmal DANKE an das Syndikat! Ihr habt meine Ehre gerettet und die Straße gewürdigt! Das vergesse ich Euch nie.

2. Ich habe in Aachen Menschen getroffen und Freunde gefunden die mich nicht als grobschlächtigen, vernarbten Schläger behandelt haben, wie es mir schon oft in meinem Leben passiert ist. Auch dafür bin ich dankbar.

3. „Im Vorwort meines letzten Buches muss ich irgendeinen Nerv getroffen haben. Ich kann und will mich nicht entschuldigen, für das, was ich bin. Aber für jene, die ich vielleicht wirklich verletzt habe: Es tut mir leid!“

Einen lieben Gruß an meine Leser, oder besser, an alle, „deren Herz auf ähnlicher Amplitude poltert“!

Warum Cid Jonas Gutenraths „Skorpione“ den GLAUSER-Preis für das beste Debüt gewonnen hat? Die Begründung der Jury:

„Wenn das Meer in der Nähe ist, bekommt der Winter eine ganz andere Bedeutung. Und so manche Entscheidung ebenfalls.“ Der desillusionierte Ex-Polizist Sascha Simoneit arbeitet als Privatdetektiv in Berlin-Moabit und wird in einen Fall von internationalen Ausmaßen hineingezogen. Dadurch wird er überraschend auch mit seiner Vergangenheit als Söldner konfrontiert.

Cid Jonas Gutenrath schreibt in einer klaren, rotzigen und nicht immer politisch korrekten Sprache. Die Geschichte von „Skorpione“ spielt in einem schwierigen sozialen Milieu, das aus mehr als einem Grund nachdenklich macht. Die Themen sind breit gefächert: Gescheiterte Existenzen, Männerfreundschaften, skurrile Charaktere und Reibungspunkte, die in der unterschiedlichen ethnischen Herkunft der handelnden Personen begründet sind.

Das alles auf engstem Raum und in einer beängstigend genau beschriebenen Umgebung. Dazwischen ein Mann, der so realistisch zwiespältig zwischen gutherzig und brutal, mitfühlend und kompromisslos, liebevoll und rücksichtslos schwankt, dass man Angst bekommt und sich fragt, wie es wohl mit ihm enden wird.

Auch der rote Faden hat es in sich: eine internationale Verschwörung, in der es um Organhandel, Seilschaften, ehemalige Kampfschwimmer der Bundeswehr und Söldner in diversen Kriegen geht. Cid Jonas Gutenrath ist mit „Skorpione“ ein Roman gelungen, der spannend, fordernd, humorvoll und mit einer Botschaft versehen ist, die jeder hören sollte.

Syndikat Infokasten Anno Mord

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