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Helene Hegemanns Roman „Bungalow” - Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018

Titelbild Bungalow Helene Hegemann

Foto © Peer Chr shutterstock-ID: 753290359

21. September 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Eine psychisch kranke Mutter, eine übersexualisierte 12-Jährige und Bungalows in Hakenkreuzform in einem beinahe dystopischen Berlin. Frau Bluhm ist geschockt von Helene Hegemanns Roman „Bungalow“.


Frau Bluhm liest „Bungalow“: 3 von 5 Blu(h)men


Die Buchmesse rückt näher – Frau Bluhm stellt ihre eigene Buchpreis-Shortlist zusammen

Oktober ist Buchmessezeit! Und damit rückt auch der Zeitpunkt der Vergabe des deutschen Buchpreises näher. Zwar liegt bereits die Shortlist vor – die Finalisten sind: María Cecilia Barbetta mit „Nachtleuchten“, Maxim Biller mit „Sechs Koffer“, Nino Haratischwili mit „Die Katze und der General“, Inger-Maria Mahlke mit „Archipel“, Susanne Röckel mit „Der Vogelgott“ und Stephan Thome mit „Gott der Barbaren“. Aber ich habe mir vorgenommen, aus den 20 Werken der Longlist vier herauszusuchen und so meine eigene Shortlist zu erstellen. Dabei suche ich aber nicht die für mich besten Werke aus, sondern die, deren Titel mich am meisten ansprechen. Lassen wir uns überraschen!

Unter 20 Kandidaten ist Helene Hegemann eine von 12 nominierten Autorinnen

Den Anfang mache ich mit Helene Hegemann und ihrem dritten Buch „Bungalow“. Helene Hegemann ist die jüngste von zwölf Frauen auf der Longlist. Die Kontroverse um ihren Debütroman „Axolotl Roadkill“ habe ich seinerzeit nicht so genau mitverfolgt. Ich ging also komplett unbefangen und neugierig an „Bungalow“ heran. Schon relativ bald kam ich zu dem Schluss, dass Helene Hegemann so gar nicht dem Bild entsprechen will, welches ich mir von einer Autorin ihres Alters machte: Der Grundton ihres Romans ist unsagbar düster, fast schon überzeichnet dunkel und ungeheuer hoffnungslos.

„Bungalow“ erzählt von der 12-jährigen Charlie und ihrem trostlosen Leben

„Bungalow“ spielt in einem Berlin, das Helene Hegemann fast schon dystopisch wiederaufbereitet hat. Die Protagonistin ist die 12-jährige Charlie. Sie lebt gemeinsam mit ihrer psychisch kranken Mutter in einer Sozialsiedlung, die an ein Gebiet grenzt, in dem die Crème de la Crème der Oberschicht wohnt: die Bungalows. Zwölf an der Zahl und in der Form eines Hakenkreuzes zueinander gebaut, stehen sie da und bedeuten für Charlie die sichtbare Grenze zwischen ihrer unterprivilegierten Welt und der, die ihr Tag für Tag beim Blick aus ihrem Zimmerfenster vor Augen steht. Charlie hat sich in ihrem Leben eingerichtet, zum Beispiel hat sie Schutzmechanismen entwickelt gegen die Grausamkeit und die Entbehrungen, die ihr der Alltag bringt. Doch dann ziehen direkt gegenüber Maria und Georg ein. Bald werden diese beiden Eheleute für das junge Mädchen Hoffnung, Passion und Ausflucht aus ihrem tristen Dasein. Allerdings zunächst nur in ihrem Kopf. Wir begleiten Charlie durch ihre Teenagerjahre und gehen direkt mit ihr Seite an Seite durch die Dunkelheit ihrer Gedanken und die Trostlosigkeit ihrer Zukunft.

Helene Hegemann schreibt wortgewaltig, aber unglaublich düster

Ich gebe zu, mit dem Stil von Helene Hegemann hatte ich ziemlich große Probleme. Einerseits ist da diese absolut wortgewaltige und in all der düsteren Ausdrucksweise schon fast wunderschön poetische Art der Darstellung; andererseits bleibt einem nach dem Lesen aber ein schlechter Geschmack im Mund zurück. Nichts, aber auch wirklich absolut gar nichts an diesem Buch, ist schön und glanzvoll. Die Düsternis, die Abscheu, das Schlimme und Ekelhafte vergiften die Seiten, so dass man sich schon bald nach einer reinigenden Dusche sehnt. Die makabre Wortwahl, die häufige Verwendung von Kraftausdrücken und die übersexualisierte Darstellung der 12-jährigen Charlie – wie bereits erwähnt, fiel es mir anfangs sehr schwer, eine junge Frau wie Helene Hegemann mit solch einer dramatisch dunklen Art des Schreibens zu verbinden. Immerhin bekam ich im Laufe des Lesens davor Hochachtung.

Die Bilder, die in meinem Kopf entstehen, würde ich am liebsten löschen

Bei aller Verstörtheit kann man nicht ausblenden, dass dieser Roman vor Wortgewalt und Bildhaftigkeit nur so strotzt. Es sind nur keine Worte, die sich in den Ohren zu einer schönen Melodie verbinden; und die Bilder, die im Kopf entstehen, würde man am liebsten sofort wieder löschen. Doch in diesem durchgängigen Stilmittel des Schockieren-Wollens liegt auch eine unbestreitbar fesselnde und eindrucksvolle Kraft.

Mit „Bungalow“ geht es mir wie mit einem modernen Kunstwerk

Helene Hegemann und ich werden keine literarischen Freundinnen. Ihr Stil ist nichts für mich. Mir geht da zu viel durcheinander, ich sehe den roten Faden kaum, und die Erzählweise ist für meine Art zu lesen zu bewusstseinsstromartig, zu wenig geordnet und stringent. Was für mich auch ein wirklicher Minuspunkt ist: Der Klappentext bereitet überhaupt nicht auf den Inhalt vor. Bei „Bungalow“ geht es mir so, wie bei einem modernen, abstrakten Kunstwerk: Man sagt mir, es sei Kunst, und ich kann es sogar in gewissem Maß verstehen und würdigen, doch betrachte ich tatsächlich lieber schöne Seerosen als merkwürdige Farbkleckse.

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Katharina Bluhm
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