Warum wäscht sich mein Kind nicht? Studie | BUCHSZENE

Das Waschverhalten von Kindern und Jugendlichen wurde noch nicht wissenschaftlich untersucht. Kolumnist Jörg Steinleitner hat dies auf eigene Kosten nachgeholt. Hier sind seine bahnbrechenden Ergebnisse.

Warum wäscht sich mein Kind nicht? Warum duscht es stundenlang und verwandelt das Bad in ein Hammam?

19. September 2018 | Kolumne: Jörg Steinleitner

Dreck ist gesund

Prof. Dr. B. Brett Finlay, Dr. Marie-Claire Arrieta

Dreck ist gesund!

ISBN 978-3-442-17707-3

352 Seiten | € 10,00

Goldmann

Das Waschverhalten von Kindern und Jugendlichen – Studie!

Das Waschverhalten nicht geschlechtsreifer Großstädter sowie der Landbevölkerung ist mir eine wissenschaftliche Untersuchung wert. Die Studie umfasst drei Teilnehmer: Elsa, 14 Jahre; Isabella, 12 Jahre und Leonhard, 10 Jahre. Insgesamt wurden von mir in diese Studie aus privaten Mitteln rund 193.487,52 Euro investiert. Dies in erster Linie für den Unterhalt der Probanden. Diese Zahl ist eine Schätzung, die auf Berechnungen des Statistischen Bundesamts basiert, wonach es ca. 130.000 Euro kostet, ein Kind bis zum 18. Lebensjahr großzuziehen. Ich würde nun vermuten, dass meine Untersuchungsobjekte mehr Geld gekostet haben, aber dies ist nicht Gegenstand der Studie. Und Vermutungen graubärtiger Väter mit erhöhtem BMI sind wissenschaftlich ohnehin zu nichts zu gebrauchen. Zu den Fakten.

Kinder und Waschen – Millionen Eltern stellen sich dieselben drei Fragen

Diese wissenschaftliche Untersuchung zum Waschverhalten von Kindern und Jugendlichen ist von Interesse. Wer das Internet aufschlägt, stößt auf Millionen hilfloser Eltern, die sich vor allem drei Fragen stellen:

1. Warum wäscht sich mein Kind nicht?
2. Warum duscht mein Kind stundenlang und verwandelt unser Badezimmer in ein Dampfband?
3. Wer soll das bezahlen?
4. Wo liegt beim Waschen herkömmlicher Kinder das ideale arithmetische Mittel?

Oh, das waren jetzt vier Fragen. Umso dringlicher muss nach Antworten gefahndet werden. Lassen Sie uns zunächst die Vergangenheit analysieren.

Es gibt viele Methoden, wie man ein Kind nicht die Wanne kriegt

Als Elsa ein Baby war, wollte sie auf keinen Fall in die Badewanne. Man konnte ihr gut zureden, man konnte ihr das Wasser kalt machen, heiß oder lauwarm, man konnte duftendes Schaumbad hineingießen oder lustige Brausetabletten hineinwerfen, die das Wasser blutrot färbten, man konnte Qietschenten, Taucherbrillen, Playmobilfiguren und sogar Plüschtiere mit in die Badewanne setzen – alles vergeblich. Sogar fröhliche, abwaschbare Plastikbücher konnten unsere kleine Tochter nicht in die Wanne locken. Elsa wusch sich einfach nicht gerne. (Wobei man sagen muss, dass die Plots von Badewannenbüchern von ihrer Kargheit her eher an literarische Wüsten erinnern.)

Im Alter von 11 Jahren wandelt sich das Waschverhalten – Stichwort Hammam

Dieser Zustand der Waschverweigerung hielt sich bis etwa ins Alter von 11 Jahren. Übergangslos wechselte Elsa hierauf ins tägliche Duschen. Fortan verwandelte unsere Tochter das elterliche Bad in ein Hammam. Angesichts des Wasserverbrauchs fürchtete ich kurzzeitig um unsere Existenz und bemühte mich darum, bei den örtlichen Wasserwerken einen Mengenrabatt herauszuschlagen. Es gelang mir nicht. Begründung: Unser Wasserverbrauch sei für eine fünfköpfige Familie genau genommen gering.

Vom Müfteln wechselt das Kind nahtlos in einen anderen gefährlichen Zustand

Bestand in den Jahren 0 bis 11 nach Elsas Geburt die Gefahr des Müftelns, lebten wir nun regelmäßig und zunehmend unter der Furcht, in Elsas Beisein einen Parfum-, Haarspray- oder Körperlotions-Schock zu erleiden. Duft kann tödlich sein.

Wie reagieren besonnene Eltern proaktiv auf die Hammam-Phase?

Probandin 2 heißt Isabella und ist, wie erwähnt, bereits 12 Jahre alt. Obgleich beinahe täglich mit schweißtreibenden sportlichen Aktivitäten befasst, hält sie das Duschen für eine Sache, die in etwa so wichtig ist wie das Siezen der Eltern. Man könnte sich nun entspannt zurücklehnen – die Geruchsbelästigung ist praktisch nicht wahrnehmbar und die Wasserersparnis ist durch das Laisser-faire-Waschverhalten von Probandin 2 immens. Allerdings wissen meine Frau und ich aus den Erfahrungen mit Probandin 1, dass die Phase des Nichtwaschens über Nacht in die Hammam-Phase übergehen kann. Insofern haben wir uns vorbereitet: Wir ließen die Belüftungsanlagen unserer beiden Bäder von einem Fachbetrieb überarbeiten. Von außen betrachtet erinnert unser Bauernhof mit den beiden neu angebrachten Abluftrohren an den Badezimmeraußenwänden, Durchmesser jeweils circa 1 Meter, ein wenig an das Centre Pompidou in Paris. Aber ist dieses Museum nicht eines der bedeutendsten der Welt? Und sind wir es unseren Kindern nicht schuldig, zu ermöglichen, dass sie die in den vergangenen Jahren aufgehäuften Waschdefizite wieder ausgleichen?

Das Waschverhalten von Kind 3 weist Besonderheiten auf

Proband 3 befindet sich in einer interessanten Erprobungsphase: Leonhard (10 Jahre) hat herausgefunden, dass sich sein Bett viel kuscheliger anfühlt, wenn er vor dem Schlafengehen geduscht hat. Vermutlich liegt es daran, dass dann einfach weniger Erdklumpen zwischen Matratze und Daunendecke liegen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Waschen und Liebe?

Diese Forschungsergebnisse decken sich weitestgehend mit eigenen Erfahrungen des Studienleiters. Eine Beobachtung aus der eigenen Vergangenheit soll deshalb noch ergänzend hinzugefügt werden: Wenn der Studienleiter in Jugendjahren gerade mal wieder verliebt war, tendierte auch er dazu, zwei-, drei- oder sogar öftermal am Tag zu duschen. Dass er dieser Sitte – manche heißen sie auch Unsitte – heute nicht mehr nachgeht, sagt nichts, aber auch überhaupt nichts über seine Liebe zu seiner Gattin Helena aus.

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Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


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