Ein Jüngling wandert durchs England des Jahres 1946 und strandet bei einer älteren Frau. Was Benjamin Myers in „Offene See“ aus diesem einfachen Plot macht, ist fulminant.

Benjamin Myers „Offene See“ ist ein Roman für Menschen, die Literatur lieben und Poesie

18. November 2022 | Jörg Steinleitner

Titelbild Offene See

In eleganter Sprache erzählt dieser Roman vom Zauber der Poesie

Dies ist ein Roman für Menschen, die Literatur lieben und Poesie. Dies nicht nur, weil er in eleganter Sprache verfasst ist, sondern auch weil er vom Zauber der Worte erzählt. Im Mittelpunkt von Benjamin Myers „Offene See“ steht ein junger Mann: Robert Appleyard lebt im unter den Entbehrungen des Kriegs ächzenden England des Jahres 1946. Robert ist sechzehn und stammt aus dem Kohlerevier, sein Vater ist – wie alle im Ort – Bergmann. Und auch er wird in der Grube arbeiten, wenn alles läuft, wie es immer lief. Aber es kommt anders.

Der junge Held packt seine Sachen, um loszuziehen in die weite Welt

Es ist Frühjahr. Robert hat die Abschlussprüfungen an der Schule beendet und packt seine Sachen. Schlafsack, Töpfe, Besteck, aber keine Landkarte. Was natürlich etwas zu bedeuten hat. „Außerdem hatte ich Schreibblock und Stift dabei, ein Stück Seife, eine Zahnbürste, Streichhölzer und eine Maultrommel, die mir mein Großvater geschenkt hatte. Er gab mir den klugen Rat, dass man immer Geld verdienen könnte, wenn man ein Musikinstrument beherrschte, da die Engländer ein Volk seien, das fleißiges Bemühen höher bewerte als Talente.“

Robert verdingt sich als Tagelöhner auf Farmen und kleinen Höfen

Robert wandert los und ist verzaubert von seiner neuen Freiheit, er fühlt sich umgeben von einem „Wunderland, einer blühenden Jahreszeit, erfüllt von den warmen Lauten der Ringeltauben und dem Klopfen der Spechte, von dem Geruch nach Kreuzbart, Balsam und, jenseits der Bäume auf den sanften Wiesen, dem betörenden, einschläfernden Moschusduft des Rapses.“ Robert geht und schläft, er verdingt sich als Taglöhner auf Farmen und kleinen Höfen. Viele Frauen sind um seine Hilfe dankbar, weil die Männer im Krieg geblieben sind, die Arbeit aber getan werden muss.

Eines Tages erreicht er das Städtchen Whitby und sieht das Meer

„Auf einer dieser Farmen küsste ich ein wortkarges Mädchen namens Theresa, die nach Anis schmeckte und mit ihrer seltsam zuckrigen Zunge meinen Mund ganze zehn Sekunden lang erkundete, ehe sie sich umdrehte und davonlief.“ Je weiter Robert sich von dem entfernt, was er kennt, desto leichter fühlt er sich. Irgendwann erreicht er das Städtchen Whitby „mit seinem Bogentor aus Walzähnen und der würzigen Brise, und jenseits der Bucht sah ich hoch oben die Silhouette einer alten Klosterruine.“ Robert ist nun am Meer.

In dem wild eingewachsenen Cottage lebt eine sehr große, ältere Dame

Ein wenig im Hinterland, aber in Sichtweite der See stößt Robert auf ein steinernes, von Pflanzen wild eingewachsenes Cottage: „Es mutete an wie ein Traumbild.“ Es stellt sich als Behausung einer älteren Dame – Dulcie Pieper – und ihres Hunde Butler dar. „Die Frau war groß, knapp einen Meter achtzig, ihre Haltung keck und unverfroren, stolz, was sie nur noch größer wirken ließ, und obendrein würdevoll.“ Die Frau lädt ihn zum Brennnesseltee ein und Robert stellt schon bald fest, dass er so einem Menschen wie Dulcie noch nie begegnet ist.

Dulcie lebt zurückgezogen, verfügt aber über internationale Kontakte

Obwohl Dulcie zurückgezogen in ihrem verwilderten Garten lebt, scheint sie über beste Kontakte in die Welt zu verfügen. Während der Rest des Landes Entbehrungen leidet, hat sie Zugriff auf exotische Früchte wie Zitronen – Robert hat noch nie eine solche Frucht in seinem Leben gesehen – und teure Weine und andere Getränke. Dulcie ist eine gebildete Frau, weit gereist und es entspinnt sich zwischen ihr und Robert etwas. Eigentlich will Robert weiter und einmal unternimmt er auch einen Versuch, weiter zu wandern, aber schließlich verbringt er den ganzen Sommer bei Dulcie.

Die Gastgeberin erzählt und der junge Mann lauscht und lernt

Es ist eine lehrreiche Zeit für den jungen Mann. Während er tagsüber Dulcies Garten bearbeitet und das kleine, etwas abseits stehende Atelierhäuschen in Ordnung bringt, erschnuppert er am Abend bei den Mahlzeiten durch Dulcies Erzählungen den Duft der großen weiten Welt.

Dulcie hütet ein Geheimnis, das mit Liebe und Poesie zu tun hat

Doch auch wenn seine Gastgeberin offen mit ihm spricht, so spürt Robert, dass es ein Geheimnis gibt in ihrem Leben, etwas Trauriges, das mit der Liebe, mit der Poesie und mit der Tatsache zusammenhängt, dass der Blick auf das Meer durch Büsche zugewachsen bleiben soll. Denn als Robert eines Tages die Sicht freischneiden will, stößt er auf heftige Gegenwehr.

Eines Tages entdeckt Robert ein verstaubtes Manuskript

Der Sommer ist schon weit fortgeschritten, da entdeckt Robert bei der Renovierung des Atelierhäuschen ein Manuskript mit Gedichten. Dieser Packen Papier wird Dulcies, vor allem aber sein Leben für immer verändern.

Benjamin Myers „Offene See“ ist ein Roman von stiller Stärke

„Offene See“ ist ein stiller Roman, dessen Sprache manchmal fast ein wenig zu altmodisch klingt für unsere Zeit und einen Autor des Jahrgangs 1976, aber durch diese Eigenschaft bekommt die Lektüre beinahe meditative Züge. Benjamin Myers hat den Text mit viel Sorgfalt verfasst, neben der geheimnisvollen Hauptgeschichte erfahren wir interessante Details über die Natur. Der Autor ist ein präziser Beobachter, er benennt und beschreibt zahllose Pflanzen und Tiere.

„Offene See“ ist auch das Porträt einer sehr modernen Frau

Außerdem ist der Roman das Porträt einer außergewöhnlichen Frau: Dulcie vertritt Ansichten und führt ein Leben, das auch heute noch als modern empfunden würde. Auch ihr Liebesgeheimnis hat viel mit den Diskussionen unserer heutigen Zeit zu tun. „Offene See“ verzichtet auf jede Lautstärke und hallt doch noch lange in den Gedanken von Leserin und Leser lange nach.

 

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