Herbert Kapfer: 1919. Kunstmann. Buchtipp | BUCHSZENE

Aufstände, Räterepubliken, Versailler Vertrag, Dolchstoßlegende, politischer Mord und Nazismus: Herbert Kapfer beschreibt in seinem Buch Deutschland im Jahre „1919“. Eine Zukunft ohne Zukunft?

Herbert Kapfers Buch „1919“ ist ein Fanal wider Geschichtsverlust, Fatalismus und blinden Gehorsam

28. Mai 2019 | Reinhard Leipert

Titelbild 1919

© Everett Historical shutterstock-ID:785842327

Freiheitskämpfer und Gymnasiasten, Verliebte und Vagabunden

Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes authentische Zeugen und „Historiker“ einer neuen Zeit: Soldaten, Rückkehrer, Minister, Revolutionäre, Freiheitskämpfer, Gymnasiasten, Matrosen, Monarchisten, Vertriebene, Verliebte, ein Vagabund, eine Zeitungsverkäuferin. In ihren Geschichten spiegelt sich wie in einem Brennpunkt das Gründungsjahr einer weltgeschichtlichen Epoche: 1919! Ein Jahr, das mit wenigen Schlagworten gekennzeichnet ist: Nachkriegswehen, Hunger, Massenelend, militärische Gewalt, Nationalismus, sozialer Umsturz und zarte Utopien. Eine explosive Mischung politischer, ökonomischer, militärischer und ziviler Brandbeschleuniger.

Ein Erzählstrom, ein Text, der mit historischen Möglichkeiten spielt

In „1919“ fließen Hunderte von Splittern, Szenen, Handlungselementen aus zeitgenössischen Romanen, Berichten und Aufsätzen zusammen. Ein Erzählstrom in 123 Kapiteln, der sich aus den Ideen und Kämpfen der Zeit schöpft, aus trivialen, völkischen, utopischen, dadaistischen reaktionären, politischen, literarischen und fotografischen Quellen. Und zugleich spielt der Text mit historischen Möglichkeiten und literarischen Figuren, imaginierten Geschichten und realen Ereignissen. Eine Fiktion, die extreme Positionen vorführt und historische Entwicklungen zuspitzt. So wird z.B. von Kaiser Wilhelms Glück und Ende erzählt, von der Bruderschaft der Vagabunden, dem Untergang einer Flotte, von den Träumen der Kunst und der Rückkehr deutscher U-Boote. Geschichte als Fiktion ihrer Möglichkeiten!

Herbert Kapfer ist mit „1919“ ein kühnes Werk gelungen

Herbert Kapfer ist ein kühnes, überraschendes, faszinierendes Werk gelungen. Ein Fanal wider Geschichtsverlust, Fatalismus und blindem Gehorsam. Ein wegweisendes Buch über ein Weltende, das eine Zukunft war. Hegel meinte, die Geschichte sei „das, woraus wir lernen, dass wir nichts aus ihr lernen“. Dieses Buch spricht dagegen.

Mehr zur Rubrik
Monika Peetz‘ „Die unsichtbare Stadt“ ist der erste Band ihrer neuen „Das Herz der Zeit“-Serie
Titelbild Das Herz der Zeit

Frau Bluhm liest | 24. Februar 2019 | Frau Bluhm

Die 15-jährige Lena fühlt sich als Außenseiterin. Bis sie eine alte Uhr entdeckt, die Zeitreisen ermöglicht. Ob Lena ihre Eltern findet? Monika Peetz‘ „Das Herz der Zeit – Die unsichtbare Stadt“.

Judith Lennox‘ Roman „Das Haus der Malerin“ – in der Buchkolumne „Frau Bluhm liest“
Das Haus der Malerin

Frau Bluhm liest | 30. November 2018 | Frau Bluhm

Eine Physikerin erbt unerwartet das Landhaus ihrer Künstlerinnen-Tante. Gleichzeitig verwickelt sich ihr Mann in einen Sexskandal. Judith Lennox‘ „Das Haus der Malerin“ erzählt von zwei starken Frauen.

Friedrich Ani im Interview über seinen Kriminalroman „Der Narr und seine Maschine“
Titelbild der Narr und seine Maschine

Interviews | 26. November 2018 | Jörg Steinleitner

Ein Schriftsteller verschwindet aus dem Hotelzimmer, in dem er seit Jahren lebt. Tabor Süden heftet sich an seine Fersen. Friedrich Ani im Interview über seinen Krimi „Der Narr und seine Maschine“.

Eckhart Nickel entwirft in „Hysteria“ eine Welt, die dystopisch ist – und gleichzeitig hochrealistisch
Titelbild Hysteria

Frau Bluhm liest | 19. Oktober 2018 | Frau Bluhm

Ein Mann entdeckt auf dem Biomarkt merkwürdig unnatürliche Himbeeren. Auf der Suche nach dem Rätsel ihrer Beschaffenheit und Herkunft gerät er in eine kulinarische Dystopie. Eckhart Nickels „Hysteria“.