Bandi „Denunziation“. Thomas Reichart (ZDF) im Interview| BUCHSZENE

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29. Mai 2017 | Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten


ZDF-Korrespondent Thomas Reichart war mehrfach in Nordkorea. Im Interview spricht er über die Brutalität des Regimes und erklärt Parallelen zwischen dem abgeschotteten Land und der DDR.


ZDF-Korrespondent Thomas Reichart über Bandis aus Nordkorea geschmuggeltes Buch „Denunziation“


BuchcoverDenunziation von Bandis

Bandi

Denunziation

ISBN 978-3-492-05822-3

224 Seiten | € 20,00

PIPER

Herr Reichart, Sie haben das Vorwort zu „Denunziation“, dem ersten Buch eines nordkoreanischen Schriftstellers, das aus dem Land geschmuggelt werden konnte, verfasst. Welche politische und literarische Bedeutung hat dieses Buch für Sie?

Politisch ist es für mich bedeutsam, weil es die Menschen jenseits der Massenaufmärsche zeigt, die wir aus dem Fernsehen kennen. Der Einzelne erscheint da oft nur wie ein Knoten im großen Menschenteppich. Bandi erzählt von Individuen, die auf ein bisschen Menschlichkeit hoffen, die ein wenig abweichen und dann scheitern. Er beschreibt damit auch mit großer Wucht, wie diese totalitäre Diktatur funktioniert, wie sie eine ganze Gesellschaft vergiftet. Bandis Sprache ist karg und man merkt seiner Erzählweise den sozialistischen Hintergrund an. Das finde ich spannend, weil man merkt, wie er Stilmittel nordkoreanischer Propagandaliteratur umkehrt zu einem Generalangriff auf die Diktatur.

Als ZDF-Korrespondent reisten Sie bereits mehrfach nach Nordkorea. Als Jugendlicher haben Sie auch die abgeschottete DDR besucht. Kann man das Lebensgefühl, das man auf den Straßen Nordkoreas spürt, mit der DDR vergleichen? Oder mit China, als es sich noch nicht so weit geöffnet hatte wie heute?

Pjöngjang erinnert tatsächlich an das Ostberlin Ende der 80er Jahre. Aber das ist eben vor allem ein Schaufenster für die Welt. Jenseits von Pjöngjang ist die Situation überhaupt nicht mit der ehemaligen DDR vergleichbar. Der hochrangigste Überläufer aus Nordkorea, ein langgedienter Diplomat, erzählte mir kürzlich von seiner Zeit in der DDR und davon, dass das ihm das damals wie ein Paradies vorgekommen sei. Abgesehen von der wirtschaftlichen Situation ist die Überwachung in Nordkorea noch viel umfassender und die Verfolgung und Bestrafung von allem, was als Kritik wahrgenommen wird, viel brutaler.

Wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass es sich bei dem Band „Denunziation“ wirklich um ein aus Nordkorea herausgeschmuggeltes Buch handelt. Was spricht für Sie dafür und was dagegen?

Der Text selbst, das was Bandi beschreibt, wie er es beschreibt, die insularen Welten, in denen sich seine Protagonisten bewegen – das scheint mir authentisch. Aber mit letzter Gewissheit können wir es eben nicht sagen, weil Bandis Identität aus sehr nachvollziehbaren Gründen verschleiert wurde.

Gibt es eine Erzählung in diesem Buch, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ich fand zum Beispiel die „Stadt der Gespenster“ beeindruckend. Wie kurz vor einem der großen Massenaufmärsche ein kleines Kind nicht schlafen kann, weil es so viel Angst vor dem Portrait von Karl Marx hat, das es riesenhaft von seinem Bett aus am Kim Il Sung Platz hängen sieht. Die Mutter zieht irgendwann die Vorhänge zu, um ihr Kind zu schützen, aber das wird als Verrat aufgefasst und die Familie verbannt. Jede menschliche Regung wird da als Bedrohung für das System aufgefasst und man spürt, wie das Misstrauen in jede menschliche Beziehung kriecht.

Jede der Geschichten ist eine Art poetischer Abrechnung mit dem Regime und schildert einen oder mehrere aus westlicher Perspektive verrückt erscheinende  Situationen. Was ist das Verrückteste, was Ihnen in Nordkorea passiert ist?

Wenn man nach Nordkorea reist, erscheint einem viel als merkwürdig: die beiden Aufpasser, die einen immer begleiten und die sich auch gegenseitig kontrollieren. Der stalinistische Hotelkoloss, in dem man untergebracht wird, und in dem es Stockwerke gibt, die man nicht betreten darf. Besonders verrückt ist vielleicht das, was auf den ersten Blick ganz normal wirkt: ein Delfinarium in Pjöngjang zum Beispiel. Die Trainer machen Kunststücke mit den Delfinen, das Publikum klatscht und freut sich. Dabei müssen sie selbst in Pjöngjang kucken, dass sie genug zu essen kriegen. Vom Leben auf dem Land ganz zu schweigen.

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