Fabio Genovesi: Wo man im Meer nicht mehr stehen kann | BUCHSZENE

Ein Junge aus der Toskana wächst bei den schrulligen Brüdern seines toten Großvaters auf. Fabio Genovesi erzählt in „Wo man im Meer nicht mehr stehen kann“ eine zauberische Geschichte. Es ist seine eigene.

Fabio Genovesis „Wo man im Meer nicht mehr stehen kann“ ist herzerwärmend und zugleich sehr lustig

31. Juli 2019 | Frau Bluhm

Titelbild Wo man im Meer nicht mehr stehen kann

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Frau Bluhm liest „Wo man im Meer nicht mehr stehen kann“: 5 von 5 Blu(h)men

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Ein besonderer Junge in einem kleinen Dorf in der Toskana

Der sechsjährige Fabio wächst in einem kleinen Dorf in der Toskana auf, und mit „klein“ ist in diesem Fall gemeint, dass das ganze Dorf ausschließlich aus Häusern besteht, in denen eines seiner Familienmitglieder wohnt. Alle zehn Brüder seines verstorbenen Opas fühlen sich verantwortlich für den Jungen, was nichts anderes bedeutet, als dass Fabios komplettes Leben zwischen den Schrulligkeiten seiner „Onkel“ stattfindet. Erst als Fabio in die Schule kommt, lernt er, was Gleichaltrige spielen. Doch wie unerfahren er vielleicht im Fußball oder bei Himmel und Hölle sein mag, mit der geballten Lebensweisheit der Familie Genovesi steckt er seine Mitschüler alle in die Tasche. Als Fabios Vater bei einem Unfall schwer verletzt wird und ins Koma fällt, ist es genau diese Liebe zur Familie, die den Heranwachsenden in seinem Urvertrauen bestärkt, seinen Vater zum Aufwachen bewegen zu können. Fortan fährt er täglich ins Krankenhaus, um seinem Vater vorzulesen. Die Geschichte, die er ihm vorträgt, ist recht simpel, und doch interessant. Es ist seine eigene.

„Wo man im Meer nicht stehen kann“ spielt in den 80er-Jahren

In seinem stark autobiografischen Roman nimmt uns Fabio Genovesi mit ins Italien der 80er-Jahre. Von künstlerischen Freiheiten abgesehen, erzählt er uns seine eigene Geschichte, was auf jeder Seite von „Wo man im Meer nicht mehr stehen kann“ spürbar ist. Gleich zu Beginn gelingt es Genovesi eine Wohlfühlatmosphäre herzustellen, die während des ganzen Romans aufrechterhalten wird. Man taucht direkt in eine besondere, geradezu magische Welt ein, deren Figuren so vertraut wirken, als würde man sie schon lange kennen. Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass der Roman aus der Sicht des kindlichen Fabio geschrieben ist. Die Ansichten und Gedanken des heranwachsenden Jungen sind herzerwärmend, schnörkellos und absolut rein. Reflektiert durch die erwachsenen Augen des Autors ist die Geschichte aber klar strukturiert, logisch aufgebaut und folgt einem roten Faden, der einen tief mit hineinzieht in seine Kindheitserlebnisse.

Der kleine Fabio lernt, dass Familie Urvertrauen schenkt

Jedes Kapitel widmet sich einem bestimmten Ereignis in Fabios Leben, und alle Ereignisse werden begleitet von seiner verrückten Familie. Fabios „Onkel“, die eigentlich alle Brüder seines verstorbenen Großvaters sind, lassen keine Gelegenheit aus, um Fabio eine Weisheit fürs Leben mitzugeben, oder ihn auch gerne mal für den ein oder anderen Vorteil gegenüber dem Gesetz zu „missbrauchen“. Gleich am Anfang der Geschichte erleben wir zum Beispiel, was Onkel Aldo von Textaufgaben im Mathe-Unterricht hält, seine spontane Umstrukturierung des Unterrichts inklusive. Die Onkel sind allesamt verschroben, jeder hat seine Eigenheiten und eigentlich sind alle miteinander einem Heranwachsenden unfassbar peinlich, sollten sie sich mit ihm in der Öffentlichkeit zeigen. Fabio geht es da nicht anders, doch schwebt über allem, was der Junge erlebt, die Liebe seiner Familie, die ihm ein Urvertrauen und ein ganz natürliches Verständnis von Zusammenhalt und Individualismus vermittelt hat. Fabio sind die „Onkel“ nicht peinlich. Sie sind Familie. Und Blut ist nun mal dicker als Wasser.

Ein Sommerroman – herzerwärmend, rührend und zum Totlachen

Von vielen Passagen des Romans war ich sehr gerührt, von anderen erheitert und von einigen betroffen. Die Geschichte des „Weihnachtskrippen-Battles“, den die Onkel mit den anderen regionalen Teams der Umgebung ausfechten, ist zum Totlachen. Die Stellen, in denen Fabio bemerkt, dass er hinter der sozialen Entwicklung seiner Mitbewohner hinterherhinkt, weil alle sich im „Lattenwäldchen“ treffen, und er nicht versteht, warum alle gleichzeitig urinieren, finde ich herzerwärmend und die Auszüge seiner Erzählung, in denen er beschreibt, wie erschrocken er über sich selbst war, als er erkennen musste, dass auch er dazu fähig ist böse Taten zu vollbringen, ließen mich mit ihm leiden. All dies, und noch viele weitere rührende Beispiele mehr, vereint er in der Geschichte, die er seinem Vater im Krankenhaus erzählt und macht dieses Buch dadurch zu einem perfekten Sommerroman und gleichzeitig zu einer Liebeserklärung an das geschriebene und gesprochene Wort.

Ich habe jede Seite von Fabio Genovesis Roman geliebt

Worte können zerstören, sie können unterhalten und sie können heilen. Das alles liefert uns Fabio Genovesi in „Wo man im Meer nicht mehr stehen kann“. Es ist eine Hommage an das Leben, die einen dazu ermuntert, hin und wieder einfach mal an eine Stelle des Meeres zu gehen, an der man nicht mehr stehen kann. Denn nur so wird man schwimmen lernen. Ich habe jede Seite dieses Buches geliebt.

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Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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