Celeste Ng: Kleine Feuer überall. Interview | BUCHSZENE

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Celeste Ng im Interview über ihren so klugen wie unterhaltsamen Roman „Kleine Feuer überall“

Titelbild Interview Celeste NG

Foto © Kevin Day Photography

30. Juli 2018 | Interview: Nina Berendonk | Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten


Darf sich ein Fremder weniger Fehler erlauben als einer, der als einer bestimmten Gemeinschaft zugehörig empfunden wird? Celeste Ng im Interview über ihren fabelhaften Roman „Kleine Feuer überall“.


Mrs. Ng, auch Ihr zweites Buch spielt im wohlhabenden Bürgertum der amerikanischen Vorstädte. Was fasziniert Sie so an dieser Schicht – und an deren Dekonstruktion?

Ich bin am Schauplatz von „Kleine Feuer überall“ aufgewachsen, in Shaker Heights, einem Vorort von Cleveland, und er hat mich geprägt. Die Vororte sind der Inbegriff der Mittelklasse und zumindest in der Theorie der perfekte American Dream: Man hat die Vorteile der nahen Stadt und trotzdem den Platz, den es nur auf dem Land gibt; man ist bessergestellt, aber trotzdem noch nah dran am „echten Leben“ … Dieses theoretische Ideal ist sehr verführerisch – aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich möglich ist: Die Realität ist immer komplizierter. Und das ist es auch, was mich als Schriftstellerin reizt: Ich möchte ein Stück Fassade abschälen, zeigen, was darunter ist. Vororte drängen sich da
geradezu auf.

Was ist für Sie das Kernthema Ihres neuen Buchs?

Es hat viele Themen. Aber die Frage, die sie alle verbindet, lautet: Wer darf sich Fehler erlauben? Wer bekommt eine zweite Chance? Jede meiner Figuren trifft irgendwann falsche Entscheidungen. Wir neigen dazu, uns selbst oder Menschen, die uns nahestehen, Fehler zu vergeben. Fremde dagegen würden wir für das exakt gleiche Vergehen hart verurteilen. Bei dieser Ungleichheit spielen auch Privilegien eine Rolle: Wer hat genug gesellschaftliche Macht, um sich vor Konsequenzen zu schützen? Und Privilegien wiederum haben etwas mit Rasse, Gesellschaftsschicht und Geschlecht zu tun.

Und dann behandeln Sie auch in diesem Buch wieder den Wunsch, so zu sein wie „die anderen“.

Ja, ich denke, das ist ein menschliches Bedürfnis. Wir suchen immer nach Verbindung zu anderen – sei es, dass wir von einer Gruppe akzeptiert werden wollen oder emotional bei jemandem anderen andocken wollen. Niemand will sich alleine fühlen.

Da gibt es einen biografischen Hintergrund bei Ihnen, oder?

Richtig. Ich habe mich eigentlich schon immer wie ein Außenseiter gefühlt: Ich war das einzige asiatische Kind in meiner Umgebung und mir deshalb sehr bewusst darüber, anders zu sein – es war eben nicht zu verbergen. Ich war ein schüchternes Kind, aus dem eine schüchterne Erwachsene geworden ist, stand immer eher am Rand und wollte nicht das tun, was alle anderen taten. Das hat dazu geführt, dass ich viel über das Anderssein nachgedacht habe und was es bedeutet, irgendwo reinzupassen: warum wir uns das so wünschen, was wir dadurch bekommen und was wir aufgeben müssen.

Anderssein oder Gleichsein: Das beschäftigt die Teenager in „Kleine Feuer überall“ naturgemäß sehr. Aber auch ihre Mütter.

Oh ja. Unsere Gesellschaft beurteilt Frauen permanent: Was wir tun sollen und was nicht, was wir tragen sollen und was nicht, was wir zu sein haben und was nicht. In Folge bewerten wir uns auch gegenseitig – und uns selbst. Im Leben einer Frau gibt es kaum einen Bereich, der da ausgespart wird: Warum hast du Kinder bekommen, wenn du Karriere machen wolltest? Warum hast du nur ein Kind – ist das nicht einsam? Warum hast du so viele Kinder bekommen, kannst du ihnen denn allen genug Aufmerksamkeit schenken? Es herrscht die Überzeugung, dass es nur einen richtigen Weg gibt. Und dass alle anderen es deswegen falsch machen. Dabei gibt es viele verschiedene Arten, sein Leben zu leben. Und ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche.

Stellen Sie sich auch manchmal vor, ein anderes Leben zu führen?

Die ganze Zeit. Für mich ist das ein Teil des Schriftstellerdaseins: Wie wäre es, wenn ich ein anderes Leben leben würde? Oder als andere Person auf die Welt gekommen wäre? Was, wenn ich in meinem Leben anders abgebogen wäre? Indem ich darüber schreibe, kann ich diese Leben erforschen, ohne sie wirklich zu leben.

Was war die Initialzündung zu „Kleine Feuer überall“, Ihrem zweiten Buch?

Ich wollte etwas über meine Heimatstadt schreiben und über ihre vielen Widersprüche. Deswegen fing ich an, mir eine Familie auszudenken, die Shaker Heights verkörpert: So sind die Richardsons geboren. Und dann habe ich jemanden dazugestellt, der die Vorstellung dieser Familie von sich selbst erschüttern kann: die Künstlerin Mia und ihre halbwüchsige Tochter Pearl.

Und die Adoptions-Geschichte?

Die ist erfunden, wurde aber durch zwei wahre Geschichten inspiriert. Im Fall „Baby M“ hat es sich eine Leihmutter plötzlich anders überlegt und ihr Baby entführt. „Baby Jessica“ war das Kind einer prekären alleinerziehenden Mutter, das von einer wohlhabenden amerikanischen Familie adoptiert wurde. Und dann
tauchte auf einmal der biologische Vater des Kindes auf und ging vor Gericht, um sein Kind zurückzubekommen. Mich hat interessiert, welche Rolle die Gesellschaftsschicht spielt und wie eine sprichwörtliche „gute Mutter“ zu sein hat. Und dann habe ich noch den Rassen-Aspekt hinzugefügt, weil das für mich ein persönlich wichtiges Thema ist.

In Ihrem Roman kämpft die arme asiatische Mutter vor Gericht um ihr von reichen Amerikanern adoptiertes Baby. Wie hätten Sie als Richterin entschieden?

Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. In einem idealen Leben würden beide Familien am Leben des Babys teilhaben, weil sie ihm beide etwas Wichtiges zu geben haben. Aber in der echten Welt wollen die Menschen nicht teilen. Das ist auch logisch, weil ein gemeinsames Sorgerecht sehr schwierig zu realisieren wäre. Und das ist auch das Schwierige daran, ein Idealist zu sein: Auf der einen Seite steht das, was das Beste wäre, und auf der anderen das, was möglich ist – in den meisten Fällen gibt es keine Überschneidungen.

Ihr Buch spielt in den 90er Jahren. Bei dem Gerichtsverfahren führt ein Rechtsanwalt an, dass die Adoptiveltern kaum eine Puppe mit asiatischem Äußeren oder ein Buch mit entsprechenden Figuren auftreiben werden können. Das war auch Ihre Realität während Ihrer Kindheit, oder?

Das ist vermutlich der autobiografischste Teil des Romans. Ich habe mich schon mit den weißen Kindern in den amerikanischen Kinderbüchern identifiziert – aber ich hätte mich so gerne auch im Äußeren der Buch- oder Filmhelden gespiegelt. Meine Mutter war sich dieses Problems sehr bewusst und kaufte mir jedes Buch mit asiatischen Figuren, das sie finden konnte. Aber leider gab es in den 80er Jahren kaum welche. Und auch keine asiatischen Puppen … Die beste, die sie finden konnte, war eine weiße Puppe mit braunem Haar. Als ich ungefähr 14 war, kamen Puppen auf den Markt, die das Label „genau so wie ich“ trugen – und da gab es endlich eine mit asiatischem Äußeren! Obwohl ich schon ein bisschen zu alt war für Puppen, schenkte meine Mutter mir eine. Ich habe sie bis heute.

Ein Charakteristikum Ihrer beiden Romane ist, dass Sie Ihre Protagonisten sehr fein beobachten – woher haben Sie dieses Talent?

Als Kind wollte ich Spionin sein und habe immer versucht, Gespräche anderer Leute zu belauschen. Und wenn ich ehrlich bin, tue ich das bis heute, wenn ich im Café sitze … Außerdem lernt man, wenn man schüchtern ist, gut zuzuhören. Und als Außenseiter fängt man an, andere Menschen zu lesen.

Am Ende noch einmal zurück zur Andersartigkeit: Der amerikanische Präsident ist kein Freund dieses Konzepts. Und wie Ihre Figur Mrs. Richardson bekämpft er Angst mit Kontrolle …

Wie viele meiner Landsleute bin ich enttäuscht von dem Präsidenten, den wir im Moment haben – und schockiert von seinen Ansichten und seiner Politik. Ich sehe es genau so: Alles, was Trump tut, wird aus Angst vor Andersartigkeit geboren. Für mich ist das Ziel einer Gesellschaft, so viele Menschen wie möglich zu integrieren. Und dass die USA ein Land sein sollten, das verschiedene Herkunft und Erfahrungen willkommen heißt und wertschätzt. Trump und seine Anhänger hingegen glauben ganz offensichtlich, dass es nur eine richtige Art von Mensch gibt – weiß, heterosexuell, christlich, englischsprachig, patriarchal geprägt … – und dass alles andere gefährlich ist. Da klafft ein tiefer Graben, und ich weiß nicht, wie es weitergeht. Aber als Amerikanerin und Schriftstellerin halte ich es für meine Aufgabe, den Mund aufzumachen und im Angesicht von Panikmache für Integration, Mitgefühl und Freundlichkeit einzustehen.

Titelbild Celeste NG Biografie
Celeste Ng

Schon bei ihrem ersten Roman „Was ich euch nicht erzählte“ erwähnte so gut wie jeder Rezensent die korrekte Aussprache von Celeste Ngs Nachnamen (nämlich „Ing”).
Zur Biografie von Celeste Ng

Titelbild Celeste NG Biografie
Celeste Ng

Schon bei ihrem ersten Roman „Was ich euch nicht erzählte“ erwähnte so gut wie jeder Rezensent die korrekte Aussprache von Celeste Ngs Nachnamen (nämlich „Ing”).
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